«Ich glaube, ich bin falsch hier»

Auch verirrte Kunden haben Höflichkeitspflichten
Tingler

Was, wenn sich das von aussen herzige Lädeli als Hexenhöhle entpuppt? Foto: iStock

Heute ein Wort zur Einkaufsetikette, meine Damen und Herren. Nicht nur das Verkaufspersonal hat Höflichkeitspflichten zu erfüllen, auch die Kundschaft, sogar heute, wo eventuell der Kundenseite mehr Macht zuteil wird denn je, mit all den virtuellen Ausweich- und Bewertungs- und Reklamationsmöglichkeiten.

Stellen Sie sich etwa folgende Konstellation vor: Durch Verstrickungen des Schicksals (beispielsweise sind Sie unterwegs in einer fremden Stadt, in einer dieser malerisch gentrifizierten Gegenden) betreten Sie ein Geschäft, ein gutes, altes, altmodisches Geschäft IRL (= in real life). Und realisieren augenblicklich, eigentlich schon im Moment besagten Betretens: Das hier wird nichts. Das hier ist nichts für mich. Weil zum Beispiel usbekisches Kunsthandwerk feilgeboten wird oder das Preisniveau nicht Ihren Vorstellungen entspricht oder es sich um ein Reformhaus handelt.

Dennoch bringt eben auch diese Situation, häufig und alltäglich, gewisse Höflichkeitspflichten mit sich, sofern Sie einmal vom Verkaufspersonal, in der Regel bestehend aus einem einsamen Menschen mit aussergewöhnlichem Vornamen, wahrgenommen worden sind. Sie können ja nicht wortlos rückwärts wieder rausstolpern. Was also ist zu tun?

  1. Ruhe bewahren. Sie haben einen harmlosen Fehler begangen. Das kann jedem passieren.

  2. Gehen Sie ruhig ein paar Schritte weiter vorwärts und fokussieren Sie die Auslagen. Vielleicht entdecken Sie ja sogar tatsächlich was Neues. Man kann aus Lebenswelten ja auch ausbrechen.

  3. Nach einer freundlichen Begrüssung vermeiden Sie am besten den Augenkontakt mit der einsamen Person mit dem skurrilen Vornamen. Auch wenn deren Haare eine ganz und gar unkonventionelle Farbe aufweisen.

  4. Benehmen Sie sich unbekümmert, aber fassen Sie nichts Zerbrechliches an, studieren Sie nicht die Preisschilder und sprühen Sie sich nichts auf die Handgelenke, was aussehen mag wie ein Toilettenwasser, doch in Wahrheit ein exquisiter Raumduft sein könnte.

  5. Ohne Kaufabsicht sollten Sie nicht aus überkompensatorischer Höflichkeit die kritische Verweildauer überschreiten. Letztere beläuft sich auf das Zeitäquivalent eines Small Talk. Mit zwei oder drei höflichen Erkundigungen oder Bemerkungen zu den ausgestellten Produkten können Sie elegant Ihren Abschied einleiten. Falls das zu kompliziert oder uferlos zu werden droht, können Sie auf einen allseits in stummem Einvernehmen akzeptierten Abgangsnotfallklassiker zurückgreifen: Simulieren Sie einen Telefonanruf.