Wenn Kaufen unglücklich macht

Über Identität und Besitz
Tingler

Ewig lockt das Schaufenster: Überlegen Sie sich gut, was Sie wirklich brauchen. Foto: iStock

Kennen Sie das, meine Damen und Herren? Sie haben sich was Neues gekauft, und nach der ersten kurzen Seligkeit fühlt sich das irgendwie – mau an? Der Effekt ist uralt, und sehr schön dokumentiert wurde er vor rund einem Vierteljahrtausend vom französischen Aufklärer und Philosophen Denis Diderot. Der in einem Essay beschrieb, wie ihn ein prächtiger scharlachroter Hausrock nicht glücklich, sondern unglücklich machte. Denn einmal im Besitze dieses brandneuen Kleidungsstücks, stellte Herr Diderot alsbald fest, dass irgendwie das materielle Abbild seines Daseins, welches sich in seinen Besitztümern spiegelte, nicht mehr stimmig war: Der Rest seiner Ausstattung schien ihm zu dürftig und schäbig für den neuen Rock. Musste also flugs ersetzt werden. Wofür Diderot sich verschuldete.

Es geht hier darum, dass die Erfüllung eines (vermeintlichen) Bedürfnisses neue Bedürfnisse nach sich zieht, denn der Mensch, der sich mit seinen Dingen identifiziert, wünscht sich Kohärenz, ein stimmiges Dasein, Ich-Konsistenz. Genau darauf legen es die Marketingfritzen von Marken-Universen natürlich an: Sie kaufen, zum Beispiel, ein Gerät mit einem Apfel drauf – und brauchen tausend Zusatzdinge, nur zum Teil aus praktischen Gründen, sondern vor allem auch, um Ihr neues Apfel-Ich auszubauen, die kulturelle Kohäsion der Dinge als sinnstiftendes Ganzes um einen Besitzer herum. Diese Spiralen reaktiven Konsums sind kein Schicksal. Dies würde Diderot empfehlen:

  1. Kaufen Sie Klassiker.

  2. Für jede Neuerwerbung geben Sie etwas aus Ihrem Besitz weg.

  3. Sie kaufen einfach mal eine Woche gar nichts. Ausser das, was Sie zum Leben brauchen. Nein, dieses Raumspray von Aesop gehört nicht dazu.

  4. Erinnern Sie sich gelegentlich daran, dass Ihre Identität nicht durch Ihren materiellen Besitz definiert wird.

  5. Seien Sie grosszügig. Bewusster, nachhaltiger Konsum hat nichts mit Geiz zu tun, im Gegenteil.

14 Kommentare zu «Wenn Kaufen unglücklich macht»

  • R. Wenger sagt:

    Ich kaufe, was ich nötig habe. Nichts mehr und nichts weniger. Etwas, das ich habe, brauche ich, so lange es brauchbar ist. Trents und Modeströmungen lassen mich kalt.

  • M. Cesna sagt:

    Verbringen Sie mal zwei bis vier Wochen dort, wo es nur den Laden fürs Notwendige gibt und meist aus irgendeinem Grund die Verbindung mit der Aussenwelt leider ausfällt (Lawinen, Sturmflut, Hochwasser, Schneemassen, Steinschlag, Glatteis…).
    Nach einer Phase der Langeweile wird man sich plötzlich für Wesentlicheres interessieren (Schneeschaufeln, Nachbarschaftshilfe, Hochwasserfolgenbeseitigung, gemeinsames Warten, Spazierengehen, etc.).
    Vielleicht realisiert man dann ganz langsam so eine Art Sehnsucht, dass man eigentlich auch da bleiben könnte…
    … wenn nur nicht die Arbeit, die Familie, die Routine auf einen warten würde!

  • Sonusfaber sagt:

    Meine Erfahrung: Etwas – ein Motorrad, eine Wohnung, ein Kleidungs- oder Möbelstück – zieht mich in seinen Bann, ich möchte es unbedingt haben. Trotzdem verzichte ich auf seine Anschaffung. Spätestens ein paar Jahre später finde ich das, was ich so begehrt hatte, farblos oder fast, jedenfalls durchaus entbehrlich. Ich habe mich sozusagen entliebt. Zumal es inzwischen noch coolere Motorräder oder Möbelstücke gibt auf dem Markt. Zum Glück, denke ich spätestens dann, habe ich mich nicht verführen lassen …. es gibt Wünsche, die man gar nicht zu erfüllen braucht, und seien sie noch so stark …

  • LiFe sagt:

    Mir hatte einmal ein Pianist gesagt, als wir uns über Konsum unterhalten hatten:

    Reicht es den Menschen nicht etwas zu können?

    Eben, und so dachte ich, so kann man glücklich werden!

  • Patrick Moor sagt:

    Mir geht das nicht so. Damit kann ich zwar nicht aus meiner Erfahrung dieses Phänomens berichten, dafür vom Gegenteil.
    Es ist unendlich lästig Gegenstände anzuschaffen. Nicht dass es nicht ab und zu, meiner Meinung nach viel zu oft, nötig wäre Waren einzukaufen, nur dies empfinde ich als unglaubliche Qual. So werden Kleider getragen bis sie kaputt gehen, und Waren gekauft wenn es nicht anders geht und trotzdem, jeder Einkauf erzeugt schlechte Laune.
    Jetzt habe ich aber die Vermutung dass diese Einkaufsmüdigkeit keine Seltenheit in unserer Gesellschaft ist. Das konsumieren über das Internet ist die Folge davon, (was ich allerdings auch gleich noch weglasse) denn so hat man wenigstens weniger Transportaufwand.

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