Die digitale Mutter

Funktioniert Selbstkontrolle per App?

Wird das Budget gesprengt, schlägt die App Alarm: Banken bieten Hilfe beim Konsumverhalten. (Foto: iStock/ Montage: Kelly Eggimann)

Was ist Autonomie, meine Damen und Herren? Worinnen bestehen Autonomie und Konsumentensouveränität des oder der Einzelnen? Wohl nicht zuletzt im Nachdenken über die eigene Lebensweise, im Abwägen und der Einstellung des eigenen Verhaltens, in der Selbstzuweisung von Zielen und Mitteln. In den letzten Jahren haben viele Menschen jene Techniken des Selbst und der Selbstkontrolle zunehmend delegiert, vorzüglich an elektronische Gerätschaften und Phänomene, vorzüglich Smartwatches und Apps, die vitale und weniger vitale Statistiken registrieren; ermahnen, anspornen, sanktionieren und ungeduldig werden. Alles im Dienste der Selbst-Bewertung und Selbst-Vermessung. Wir haben es an dieser Stelle bereits festgestellt: Der spätmoderne Mensch heftet sich immer mehr Techniken der Überwachung und Verhaltenssteuerung freiwillig an, begleitet von einer Rhetorik der Freiheit und Optimierung.

Und wenn man schon das Gewissen externalisiert, kann auch ein bisschen Bestrafung nicht schaden. Es gibt Programme, die eine vorher festgelegte Summe an einen vorher festgelegten guten Zweck spenden, wenn man selbst festgelegte Ziele nicht einhält. Und, apropos guter Zweck: Wie die deutsche «Tageszeitung» vermeldet, befindet sich derzeit eine App im Testbetrieb, vermittels derer potenzielle Spender kontrollieren können, was Obdachlose mit dem Geld machen, das man ihnen spendet. Und, apropos Geld und Ausgaben: Warum sollte die Fremdbestimmung ausgerechnet hier aufhören? Gerade in seinem Ausgabenverhalten schreit doch das schwankende spätmoderne Subjekt geradezu nach Autorität, Ansagen, Weisungsbindung und Halt.

Simulierte Autoritäten und Widerworte

Wie die amerikanische Tageszeitung «USA Today» vermeldet, bietet beispielsweise die amerikanische Huntington National Bank neu einen Ausgabendisziplinierungs-Benachrichtigungsservice an, also, wenn Sie so wollen, eine Art virtueller Mutter, die sich immer dann meldet, wenn man ein festgelegtes Budget für festgelegte Ausgabenkategorien überschreitet (beziehungsweise: zu überschreiten im Begriff ist). So soll der Bankkunde insbesondere aufmerksam gemacht werden auf sonst gern unbemerkte Geldvernichter wie Spontankäufe oder tägliche, sich summierende Kleinerwerbungen wie den luxuriösen Hipsterkaffee auf dem Weg in die Grossraumnische.

Das erklärte Ziel wäre hier nicht zuletzt eine Art Ausgaben-Achtsamkeit, ein Bewusstsein dafür, dass die aktuelle körperliche und mentale Verfassung (also: ob man sich beispielsweise unausgeschlafen oder gestresst fühlt) Auswirkungen aufs Ausgabenverhalten zeitigt. Uh-huh. Wissen wir bereits, danke. Nennt man: Leben. Wenn Sie mich fragen, wird regelmässig der grösste Vorteil einer Selbstkontrolle durch App-basierte Autorität gar nicht erwähnt: Sie ist bloss simuliert. Die Autorität, meine ich. Und damit allerdings auch die Selbstkontrolle. Denn: Man kann sie jederzeit ausschalten. Dies etwa im Gegensatz zu einer leibhaftigen Mutter. Einer leibhaftigen Mutter gegenüber kann man sich immerhin auch auf eine Debatte einlassen, und dies wäre dann auch meine heutige Inspiration für die Heerscharen von App-Entwicklern da draussen: eine Ausgabenkontrollanwendung, der man wenigstens Widerworte geben kann. Sodass man bei der nächsten Warnung, dieser Kaffee sei nicht budgetplankonsistent, zum Beispiel mit den berühmten Worten von Walt Whitman antworten kann: «Ich enthalte Vielheiten, und warum sollte ich mir nicht widersprechen?»

6 Kommentare zu «Die digitale Mutter»

  • Rolf Rothacher sagt:

    Dass sich der Mensch in solche Zwänge begibt (das Smartphone lässt mich 10’000 Schritte täglich tun, die Smartwatch meldet mir Budget-Überschreitungen) liegt einfach daran, dass Zwänge unser Leben vereinfachen. Wir müssen nicht mehr darüber nachdenken, müssen nur noch handeln. Zwänge sind bequem, so lange sie unserer Persönlichkeit entsprechen, egal, ob wir sie uns selber oder sie uns von Dritten (z.B. Ärzten) auferlegt werden.
    Entsprechen die Zwänge nicht der Persönlichkeit, kann man sie aber auch leicht ablegen. Und fühlt man sich immer noch zu stark unter Zwang, kann man seine Persönlichkeit ändern, um sich neue Freiräumen zu schaffen, in denen man weitere Zwänge ablegen kann.
    Ob Religion oder Smartphone. Wir lieben die Zwänge, weil sie uns organisieren.

  • Jean Paul sagt:

    Zum Glück leben wir noch in Zeiten, in denen man die Apps nach Lust und Laune wieder abschalten kann. Innert Kürze wird diese Zumutung der Freiheit aber gänzlich verschwinden, und dies ohne grosse Wellen zu schlagen, einfach durch Einbezug der Kontrollmechanismen in sich arglos gebende Konsumgüter wie Autos, Kühlschränke, Versicherungen, Flugreisen und Bildungsinstitutionen.

    Wer bei der Einführung des Rauchverbots nicht protestiert hat, wird auch hier nichts dagegen haben. Das dauerhafte Zurücksinken in das Stadium der Infantilität ist einfach zu verlockend.

  • Lilo sagt:

    Der zweite Satz fängt mit „worinnen“ an. Noch nie gehört! Ist das korrektes Deutsch?

    • LiFe sagt:

      Worinnen ist schon korrekt. Hier noch eine andere Variante:

      Zu seinem Vergnügen kaufte er sich einen kleinen Garten vor dem Thore, worinne er die wenigen Stunden, welche ihm zu seiner Erholung übrig blieben, zubrachte.

  • Scout sagt:

    Souveränität geht weiter als Autonomie. Sie wäre auch Herrschaft über andere Konsumenten. Aber das ist hier Unsinn. Gemeint ist Selbstbestimmung, wie sie Herr Tingler präzise ausführt. Ich weigere mich als konservativer Mensch so lange wie möglich, dass Apps Einfluss auf mich erhalten. Ich hefte mich nicht an die angepriesenen Techniken, die auch lästig sein können, an, so lange es geht. Für das Budget, das ich als Scrooge führe, reicht ein Excel-Sheet. Wie die Verbindung vom mentalen Kaufwillen zur App zustande kommen soll, ist mir ein Rätsel. Letzten Endes ist eine Debatte mit der Mutter auch im mittleren Alter bloss ein vorwurfsvoller Monolog voller Sorge für den Sohn, naturgemäss zur Erhaltung der Generationen, wozu ich indes als Glied der 16. konkret nichts beitrage. 🙂

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