Verpassen ist die neue Achtsamkeit

Denn morgen ist auch noch ein Tag.

Wenn es um die Fähigkeit des genussvollen Nichtstuns geht, haben manche Tiere uns Menschen einiges voraus. Foto: iStock

Erinnern Sie sich noch an letzte Woche, meine Damen und Herren? Als wir an dieser Stelle, einer eigenen Tradition folgend, ein paar Phänomene aufgelistet haben, die wir im vor uns liegenden Jahr getrost verpassen können? Es ist nun eine grosse Freude für mich, dass, Jahre nachdem ich an dieser Stelle für den Segen des Verpassens bereits das Akronym JOMO («Joy Of Missing Out») geprägt habe, jetzt ein dänischer Psychologieprofessor namens Svend Brinkmann ein Buch auf den Markt bringt mit dem ebendiesem Titel: «The Joy of Missing Out». Dies jedenfalls meldet die «Financial Times». Tenor des Werkes: Emanzipation vom hyperaktiven, überstimulierten, spätdigitalen Leben unserer Tage. Im Rückgriff auf die alten Ideale der Zurückhaltung und Mässigung. Dazu ein paar Handreichungen:

  1. Ändern Sie Ihre Statussymbole: Statt neurotischer Überaktivität kann es schliesslich auch als Zeichen gelingenden Lebens durchgehen, wie früh man zu Bette geht. Oder, genauer: wie selbstbestimmt.

  2. Ändern Sie Ihr Motto: Statt die Heerscharen von Angestellten (und Universitätsdozenten) zu vergrössern, die sich «Carpe Diem» über die Schulterblätter tätowieren liessen, entscheiden Sie sich für: «Morgen ist auch noch ein Tag». Dafür brauchen Sie etwas breitere Schultern, aber so ist das eben.

  3. Optionsüberladung lässt sich relativ einfach durch Neinsagen bewältigen.

  4. Die nicht weniger nervtötende Schwester von FOMO («Fear Of Missing Out») heisst FOBO («Fear Of Better Options»). Die in unseren Tagen allzu familiäre Multioptionslähmung angesichts einer wahrgenommener Vielzahl attraktiver Möglichkeiten löst sich allerdings in nichts auf, wenn man aufhört, sie (die Möglichkeiten) wichtig zu nehmen. Verpassen ist die neue Achtsamkeit.

  5. Was gibt es für eine schönere Gratifikation in unserer überdrehten Mediengesellschaft, als bei irgendwelchen 14-Minuten-Berühmtheiten fragen zu können: «Wer ist das?»

9 Kommentare zu «Verpassen ist die neue Achtsamkeit»

  • Eduard J. Belser sagt:

    In Sachen genussvollem Nichtstun sind die «Büssinatoren» (Vernichter aller schädlichen Nager) dem Menschen weit voraus. Katzen jagen ihrer Beute auch nicht gestresst nach. Sie lauern ihr konzentriert auf und schlagen dann blitzartig zu. Bei den Katzen gibt es kein «eigentlich müsste ich noch» oder «kann ich mir das jetzt leisten». Da wird das Nichtstun einfach nach Lust und Laune hemmungslos und ohne schlechtes Gewissen genossen. Wenn das kein erstrebenswertes Stück Lebensqualität ist! Ich habe habe mir deshalb angewöhnt abends relativ früh ins Bett zu gehen und wenn das Sandmänchen kommt entspannt seiner Aufforderung zu folgen. Dafür kann ich am Morgen den Tag ausgeschlafen und mit Energie anpacken.

  • Stephan Grünenfelder sagt:

    Guter Artikel, Sie haben ja sooo Recht! Aber wieso ’spätdigitales‘ Leben unserer Tage? Die Digitalisierung fängt doch erst richtig an…

  • Alfred K. Bitterlin sagt:

    In Anlehnung an „Carpe diem“ (vgl. den Film „Der Club der toten Dichter“) liesse sich formulieren: „Cras alius dies“, morgen (ist) auch noch ein Tag, akronym CAD. Zwar fehlt der Wohlklang, aber es braucht nicht so breite Schultern. Im genannten Film beeindruckte vor allem, wie der Vater der Figur Niel Perry seine Hausschuhe ordentlich hinstellte, bevor er sich zu Bette begab. Dass in diesem Zusammenhange die lächelnden Rosenblüten von heute schon morgen vergehen könnten (Robert Herrick), spielt auf die rosenfingrige Morgengöttin Eos an, deren Thron an der Quelle des Ozeans stand. (Dem Begriff der Transzendenz steht Transozeanität gleich, worauf Reinhart Koselleck hinweist.) Eos wird auch morgen früh wieder kommen!

  • Susanne Reich sagt:

    Erlebe ich gerade jetzt. Ich liebe Vor-Weihnachten, doch diese immer stärker werdende Hetze, welche uns zum Kauf animieren soll, um dann zwangsläufig in’s Januar-Loch zu fallen, wurde mir dieses Jahr definitiv zu viel. Was hat Kaufen direkt mit Weihnachten zu tun? So habe ich beschlossen, mich dieses Mal ganz herauszuhalten und wirklich nur zu schenken, wenn und wem ich möchte und ansonsten das Ganze an mir vorbeiziehen zu lassen. Ich glaube, ich hatte eher mehr weihnächtliche Gefühle als sonst. Es ist befriedigend, nicht alles mitmachen zu müssen und definitiv befreiend. Lassen wir uns nicht zum Sklaven machen, wofür auch immer, bleiben wir so frei wie irgend möglich. Arbeiten ja, doch auch leben!

Kommentar

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Die benötigten Felder sind mit * markiert.

800 Zeichen übrig

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.