Ilsebill auf dem Vormarsch

Über Konsum, Macht und Gier.

Ilsebill macht, was sie will: Das Märchen «Der Fischer und seine Frau» ist überraschend aktuell. (Montage: Kelly Eggimann)

Heute mal was Bodenständiges, meine Damen und Herren: Märchenstunde. Ich finde viele Märchen, offen gesagt, eher etwas doof, aber nicht: «Der Fischer und seine Frau». Dieses Märchen gefällt mir, eben weil es so bodenständig, so irdisch ist; es gibt keine Hexen und Feen und Zauberer. Okay, einen verzauberten Prinzen. In Form eines Butts, den der Fischer aus dem Meer zieht. Aber im Wesentlichen geht es um Männer und Frauen. Genauer: Ehemänner und Ehefrauen. Beziehungsweise, wenn Sie es lieber geschlechtsneutral haben wollen: Beziehungen und ihre Dynamik. Wie bei Woody Allen. Die Ehefrau ist im vorliegenden Fall eine Mischung aus Lady Macbeth und einem Real Housewife. 

Der Fang des Plattfischs durch den Fischer ist der Auftakt zu einem Drama der Entfremdung. Der Butt sagt: «Lass mich frei, ich bin ein verzauberter Prinz.» Der Fischer erwidert: «Selbstverständlich.» Seine Frau, Ilsebill, später, zu Hause (ein als «Pissputt» bezeichnetes sehr einfaches Zuhause): «Bist du irre, ohne Gegenleistung? Geh sofort zurück und wünsch dir was von dem Fisch!» Was der Fischer widerstrebend tut. Mehrfach, denn Ilsebills Wünsche werden immer massloser. Parallel dazu durchlebt das Paar eskalierende Stufen der Entfremdung, wenn man die Story psychosozial interpretiert, nämlich als Paarkonflikt: Wenn ein Partner, durch fehlende Zuwendung enttäuscht, sich auf materielle Wünsche verlegt, die der andere einfach wörtlich erfüllt, um Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen, anstatt sich den tieferen Bedürfnissen und Beweggründen der besseren Hälfte zuzuwenden; ein Rückzug, der die Unzufriedenheit und Masslosigkeit aufseiten des Partners noch verstärkt; auch bekannt als Louis-Vuitton-Teufelskreis.

Das perfekte Weihnachtsgeschenk

Der Fischer wird vom Lebenspartner allmählich zum Erfüllungsgehilfen für Ilsebills Repräsentationsbedürfnisse. Je ausschweifender Ilsebills materielle Begehrlichkeiten werden, desto mehr verdüstert sich übrigens die Kulisse. Die See wird erst grün, dann blauviolett, dann schwarz und faulig, dazu braust der Sturm. Der extreme Geltungskonsum von Ilsebill, die Güterverbrauch als Wertepräsentation betreibt, ist sozialontologisch hoch aktuell; heute, wo Konsum als Austragungsort der Identitätsbildung im Zentrum zahlreicher Lebensentwürfe steht. Ilsebill hat gleichsam bereits eine spätmoderne Wendung in ihrem Konsumverhalten vollzogen, indem sie längst nicht mehr nach dem Motto lebt «Haste was, biste was», sondern nach der Maxime: «Du bist, was du zu sein vorgibst.»

Ilsebill will König, Kaiser, Papst und zum Schluss Gott werden, was natürlich nicht gut ausgeht, nicht gut ausgehen kann. Das Ganze endet wieder im Nachttopf. Neben seiner ersten, materialismuskritischen Lesart ist «Der Fischer und seine Frau» auf höherer Ebene auch zugänglich für eine autoritätskritische, geradezu subversive Deutung. Jede Autorität, ob König, Kaiser oder Papst, könnte hinter der Fassade von Gold und Bombast auch einfach bloss eine schlichte, gierige Ilsebill sein, deren Mann zufällig den richtigen Fisch gefangen hat. Auch ein Kaiser ist eben, wie der Philosoph John Searle sagen würde, lediglich eine soziale Tatsache, die ihre Autorität aus kollektiver Intentionalität und Funktionszuweisung ableitet. Und die Ilsebills scheinen irgendwie wieder im Kommen zu sein. Gehen Sie also raus und verschenken Sie «Der Fischer und seine Frau» zum Fest der Liebe. Verbreiten Sie die Botschaft. Es gibt noch Hoffnung.

10 Kommentare zu «Ilsebill auf dem Vormarsch»

  • Thomas Jobs sagt:

    Manntje, Manntje, Timpe Te,
    Buttje, Buttje inne See,
    myne Fru de Ilsebill
    will nich so, as ik wol will.

  • René Edward Knupfer sagt:

    ……. und für wen’s interessiert –
    nachstehend der Ruf des Fischers an den Butt in der Originalsprache
    (Plattdeutsch, Dialekt von Wolgast in Vorpommern) :
    „Manntje, Manntje, Timpe Te,
    Buttje, Buttje inne See,
    myne Fru de Ilsebill
    will nich so, as ik wol will.“
    «Van den Fischer un siine Fru» (Märchen von Philipp Otto Runge, 1777-1810).

  • LiFe sagt:

    Manchmal fällt der Groschen, wie Märchen entstehen. Eigenartigerweise, wenn man Ideen hat und diese versucht mittels Schreiben zu finanzieren. Zeit ist kostbar und Schreiben zeitfressend, weil alltägliche Verpflichtungen vernachlässigt werden. Plötzlich fiel mir ein Märchen ein! Beim Schreiben, als die Frage mich aus einer Welt, in der ich mich geflüchtet hatte wach gerüttelt hatte: „Was gibt es zu essen?“ Es war das Märchen: „Tischlein deck dich“. Wäre dieses Märchen nicht geboren, dann lebte es heute.

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