Raptoren und Rumination

Phänomene des November.
Tingler

Wer hätte gedacht, dass Schildkröten die Geräusche für die furchteinflössenden Raptoren aus «Jurassic Park» lieferten? Foto: PD

Wir leben in Zeiten, die uns an unglaubliche Meldungen gewöhnt haben, meine Damen und Herren, aber hier hätte ich noch eine für sie: «Ein von evangelikalen Christen unterstützter Bordellbesitzer, der letzten Monat verstorben ist, hat die Wahlen in Nevada gewonnen.» Dies meldeten die Nachrichtenagenturen im November. Und wir erkennen: Wenn die Wirklichkeit an vielen oder allen Punkten absurd wird, können einzelne Teile besagter Wirklichkeit nicht mehr durch absurde Parodie zur Kenntlichkeit gebracht und dadurch unmöglich gemacht werden.

Diesfalls nähert sich die Wirklichkeit der Kunst, was natürlich der Absurdität die Krone aufsetzt, getreu nach Nietzsche: Die Wahrheit ist hässlich; wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen. Ansonsten gilt das Diktum des Philosophen und Sozialontologen John Searle: Grosse Ereignisse müssen keine gewichtigen Ursachen haben. Was ich gerne ergänzen möchte um: Kleine Ereignisse müssen keine bedeutungslosen Ursachen haben. Zum Beispiel erscheint anlässlich des Brexit eine neue 50-Pence-Münze. In welche Kategorie die folgenden Ereignisse des zurückliegenden Monats fallen, entscheiden Sie bitte selbst:

  1. Das neueste Mitglied der virtuellen Band Gorillaz ist Ace, der Anführer der Gangreen Gang, der Gegenspieler der Powerpuff Girls. Schön, wenn Trickfilmfiguren alternative Karrieremöglichkeiten nutzen. Darüber können Sie sich auch freuen, wenn Sie in den vorangegangenen Sätzen nur so jedes zweite Wort verstanden haben.

  2. Die Herzogin von Sussex ist dafür kritisiert worden, dass sie bei offiziellen Auftritten anlässlich ihres Besuchs in Neuseeland die Hände in den Taschen hatte. Sowie für ihren French Tuck. Google it.

  3. Die Kurzsichtigkeit unter jungen Menschen nimmt in Teilen von Ost- und Südostasien pandemische Ausmasse an. Das hat neben genetischen auch kulturelle Gründe: Zu viele Hausaufgaben, zu wenig an der frischen Luft.

  4. Die Geräusche der Velociraptoren aus «Jurassic Park» waren die Paarungsrufe von Schildkröten. Sie können sich nicht vorstellen, wie überrascht ich war, als ich das hörte. Ich kann das gleiche Geräusch nämlich auch sehr zufriedenstellend mit einer fast leeren kleinen Aesop-Shampoo-Flasche erzeugen.

  5. Ausdrücke des Monats: a) «ungustiös», b) «Rumination», c) «French Tuck»

3 Kommentare zu «Raptoren und Rumination»

  • Scout sagt:

    Oh, über Rumination könnte ich einen ganzen Essay schreiben, ausgeschmückt mit Maimonides, Thomas von Aquin, Schopenhauer (in der Defensive bloss seine Geister zitierend und im Übrigen das ästhetische Abstandnehmen beschwörend; vgl. Rüdiger Safranski in der NZZ von gestern), Walter Benjamin und Salcia Landmann, Mutter von Valentin. Aber der Platz ist zu knapp und das Interesse seitens des Lesers (fast) nicht vorhanden. So lasse ich es bleiben und mag homerisch zumindest schmunzeln.

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