Aufklärung und Fadenlifting

Über die Dialektik des Konsums.

Kampf den Falten und der Natur: Die eigene Perfektion wird zum Bestseller. (Foto: iStock/ Montage: Kelly Eggimann)

Dialektik der Aufklärung. Was heisst das, meine Damen und Herren? Das heisst: Aufklärung ist immer auch Regression. Der Auszug aus der Beherrschung durch die Natur geht nicht ohne Gewalt, die man ebendieser Natur antut. Odysseus liess sich an den Mast fesseln, um nicht seinem triebhaften Verlangen zu folgen, ausgelöst durch die Gesänge der Sirenen.

Und wer sich vom natürlichen Alterungsprozess emanzipieren will, rein äusserlich, muss sich einem Fadenlifting unterziehen. Oder einer Faltenunterspritzung, auch Liquid Lift genannt, bei der dynamische Mimiklinien wie Zornes- oder Lachfalten mit Botulinumtoxin (bekannt als Botox) weichgezeichnet werden. Haben die Falten sich bereits tief in die Haut geprägt, werden sie mit Hyaluronsäure aufgefüllt. Die Methode des Fadenliftings hingegen strafft die Gesichtshaut mithilfe selbstauflösender Fäden in der Unterhaut und trägt dazu bei, dass sich durch deren Polymilchsäure mit der Zeit neues Kollagen- und Bindegewebe bildet.

Minimal-invasive Methoden unserer maximal invasiven Welt

Die obigen Informationen entnahm ich dem Kundenmagazin des Berliner Kaufhaus des Westens, kurz KaDeWe, das seiner Kundschaft neuerdings auch Faltenunterspritzungen und Fadenliftings anbietet, in einer sogenannten Walk-in-Praxis für Plastische und Ästhetische Chirurgie, 3. Etage, Preise auf Anfrage. «Im Behandlungsfokus stehen minimal-invasive Anti-Aging-Methoden», lässt das KaDeWe verlautbaren, und wäre ich Anhänger und Anwender der sogenannten Kritischen Theorie, würde ich hinzufügen: Dies im Gegensatz zur total verwalteten Welt, die gemäss Theodor W. Adorno die Eigenschaft hat, maximal invasiv zu sein.

Der Philosoph Theodor Wiesengrund Adorno, dem wir zweifellos massgebliche Einsichten zur Dialektik der Aufklärung verdanken, sprach von Gewaltzusammenhängen, in die kulturelle und konsumkulturelle Details immer schon verstrickt seien, Zusammenhänge der totalen Konformität und der totalen Durchdringung. Und das Walk-in-Fadenlifting im Kaufhaus des Westens wäre sicher für Adorno als ein fabelhaftes Beispiel durchgegangen für so ein krypto-materialistisches Versatzstück, das signalisiert, dass von der Freiheit des Einzelnen in der Spätmoderne nur noch die scheinhafte Freiheit in der Welt des Konsums übrig geblieben ist. Um sich selbst zum «erfolgsadäquaten Apparat» zu machen.

Die Zeit vergeht …

Doch ich bin kein unkritischer Anhänger Adornos, bei dem übrigens auch mit einem Fadenlifting nicht mehr viel rauszuholen gewesen wäre. Anders gesagt: Mindestens genauso interessant wie die Verwertungszusammenhänge von Körpernormen und Schönheitsidealen im Rahmen der sogenannten Kulturindustrie scheint mir die psychologische Durchdringung des Umstands, wie schwer es für gesetzte Herren im besten Alter offenbar sein kann, sich über solche Phänomene ohne Ressentiment zu äussern.

Ansonsten kann ich mich noch an Zeiten erinnern, als man im KaDeWe, nebst Ameisen im Glas, auch ganz reguläre Sachen kaufen konnte, wie Schulhefte. Das waren die Zeiten, als man in der Schule noch Hefte benutzte. Tempi passati. Die Zeit vergeht, dagegen hilft kein Fadenlifting. Gegen welches ich übrigens auf einer grundsätzlichen Ebene rein gar nichts habe. Ist doch schön, wenn wir dadurch nicht mehr durch den Anblick natürlich alternder Menschen terrorisiert werden. Statt Adorno fällt mir Karl Popper ein: «Der Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, erzeugt stets die Hölle.» Aber darum können wir uns ja später kümmern. Preise auf Anfrage.

3 Kommentare zu «Aufklärung und Fadenlifting»

  • Scout sagt:

    Odysseus verklebt seinen Schiffsgefährten mit Wachs die Ohren, um den Sang der Sirenen zu meiden, ebenso wie deren blumigen Wiesengrund. Er selbst wird von den Gefährten an den Schiffsmast gebunden, hört aber den Sang, der ihm Wissen, sogar künftiges, verspricht. So hörte Odysseus zwar den Lockruf des Wissens, aber nur diesen, aus Herzem. Er verzichtet auf das Wissen! Das könnte man als epischen Vorangang zur antiken Aufklärung deuten, als Mythos vor dem Logos. Aber das bleibt eine retrospektive Konstruktion. Der Mythos scheint zwar vom Logos verdrängt, aber die Vernunft reagiert auf Bedrohlichkeit und Gewaltsamkeit (nicht von mir) der Gotterfüllten. Odysseus zeigt hier die Einleitung der antiken Aufklärung auf. Das ist keine Regression, keine Natur, sondern exemplarischer Fortschritt.

  • Scout sagt:

    Der obige Kommentar meiner Wenigkeit enthält zwei Unzulänglichkeiten: Dass sich Odysseus am Mast festbinden lässt, hängt vom Ratschlag der Kirke ab, ist also nicht Ausfluss eines Verzichts, sondern vielmehr Ausfluss des gewussten drohenden Todes genau wegen des Wissens, mit dem ihn die Sirenen anlocken wollten. Immerhin liesse sich diese Befolgung des Ratschlags Kirkes als mythisch-vernünftig qualifizieren. Die zweite Frage ist, ob Vernunft vor einer Aufklärung überhaupt existieren kann. Ich sage: Ja. Der Götterglaube ist kein Hindernis, wurde aber von den Illuminaten bekämpft. Hängt Aufklärung nur an solchem? Ist Fortschritt nur davon abhängig?

  • Martin Alpiger sagt:

    Mit Poppers Lehre bin ich gar nicht einverstanden. Im Voraus. Wen es kümmert. Mit Falsifikation arbeitet kein Naturwissenschaftler auf der ganzen Welt. Popper schrieb auch gegen Marx und Engels an, was mich herzlich wenig kümmert. Aber auch gegen Platon, als ob der nichts Anderes zu bieten gehabt hätte als den angeblichen Totalitarismus. Platon plädierte vor Allem dafür, dass die Pferde in ihrer Begierde nicht durchbrannten, wie es einem Bekannten kürzlich passierte (schwerer Unfall, jetzt wieder heil). Popper war atranszendent, und das kann es ja nicht sein: Die „totale“ Verarmung, nur weil mal ein schwarzer Schwan auftauchen könnte. Nun, Poppers gefällt mir auch nicht, weil dann die Begierde völlig überbordet, beinahe löwenartig. Dies auch im Voraus. Sorry, ruminiert.

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.