Schreiben Sie Tagebuch?

Über qualitative Selbstvermessung.

Der letzte Schrei heutiger Selbstoptimierung: Das Tagebuchschreiben. (Foto: iStock)

Das heisst jetzt nicht mehr Selbstoptimierung, meine Damen und Herren, sondern: Self Care. Klingt freundlicher. Self Care ist die neuste Etikette für sämtliche Aktivitäten, bei denen das spätmoderne Individuum um sich selbst kreist: von Meditation über die Gesichtsmaske bis zum Urdu-Diplom per App. Konsum kann Self Care sein. Ebenso Konsumverweigerung. Oder sonstiges Neinsagen. Oder Spazierengehen. Oder Schritte zählen. Oder Basteln mit Wäscheklammern. Oder wohltätiges Engagement. Und das letzteschreimässige Allheilmittel dieser Bestrebungen zur egozentrierten ganzheitlichen Gesundheitspflege heisst, jedenfalls wenn man die «New York Times» fragt: Journaling. Also: Tagebuchschreiben.

Früher die Domäne der literarischen Boheme sowie von Mädchen in Teenagerzimmern, ist das Tagebuchschreiben offenbar inzwischen als Medium der Selbsterfahrung und qualitativen Eigenvermessung zum wichtigen Werkzeug der Self-Care-Bewegung aufgestiegen. Aber sollte man das wirklich tun? Ich werde im Folgenden ein paar der (behaupteten) Gutwirkungen des Journaling auflisten, dann können Sie sich das in aller Ruhe überlegen: 

  1. Tagebuchschreiben fördert Achtsamkeit, Erinnerungskompetenz und Ausdrucksvermögen.

  2. Am besten wird Tagebuchschreiben nicht verstanden als tägliche Verpflichtung, sondern als proto-spirituelle, psychohygienische Übung in freier, bewusstseinsstrommässiger Form, vorzugsweise direkt nach dem Aufstehen durchzuführen, gemäss der jungianischen Anschauung, dass die Widerstandsmechanismen des Ich nach dem Erwachen ungefähr 45 Minuten brauchen, um sich zu etablieren.

  3. Die Benennung von Gefühlen und die Auseinandersetzung mit Traumata fördern ein resonantes Weltverhältnis, sorgen für besseren Schlaf und ein gestärktes Immunsystem.

  4. Die Stimmung steigt.

  5. Wenn Sie mich ganz persönlich fragen: Schreiben Sie lieber Tagebuch als einen Roman. Es gibt schon viel zu viele Leute, die Romane schreiben.

10 Kommentare zu «Schreiben Sie Tagebuch?»

  • Max Blatter sagt:

    Antwort auf die Schlagzeile: Nein!
    Interessanterweise hat mich aber kürzlich jemand ermuntert, doch mal einen Roman zu schreiben (vgl. Punkt 5). Doch keine Angst: Ich schliesse das zwar nicht aus, es liegt in der Priorität aber weit, weit, weit, weit, weit hinten.

  • Fatzer Gerhard sagt:

    Offenbar ist Dr. Tingler entgangen, dass Tagebuchschreiben nicht ein modernistisches Selbstbespiegeln ist. Es ist entstanden als seriöses Begleitinstrument guter Selbstentwicklung, beschrieben in der italienischen „Psychosyntese“, begründet durch Robert Assagioli.Die Heilwirkung ist klar empirsch belegt und wird heute verpackt in Themen wie „Fokussierung“ oder „Achtsamkeit“.Dass dies nichts mit Wäscheklammern Basteln zu tun hat, liegt auf der Hand.Diese Methode des inneren Schreibens ist so wirksam bei Veränderungsprozessen, das es bei Führungskräften weltweit angewendet wird.

  • Sonusfaber sagt:

    Ich habe zeitweise Tagebuch geführt, 2012 bis 2015 beinahe täglich, und dabei grossen Wert nicht nur auf den Inhalt gelegt, sondern auch auf den Sprachausdruck. Ich habe, meine ich, so geschrieben, als müsste ein Fremder meine Einträge lesen und mich mühelos verstehen. Es ist insofern recht anstrengend gewesen, es hat mich viel Zeit gekostet, viel Energie, es hat mir aber auch sehr geholfen, mich besser zu verstehen, meine Reflexionsfähigkeit zu stärken und schwierige Situationen zu bewältigen, wie etwa eine nicht erwiderte Liebe, der ich nicht „entkommen“ konnte. Kürzlich habe ich einige der damaligen Einträge nochmals gelesen und war sehr berührt, verblüfft auch wegen der Klarheit, der Prägnanz meiner damaligen Gedanken. Ein Fremder dürfte meine Einträge äusserst spannend finden.

  • Alfred Hahn sagt:

    Darf ich nur schmunzeln?:-) bevor ich in Lachen ausbreche..Sie haben meine Vorstellungskräfte aktiviert. Schön:-)
    Woher haben Sie nur so viele Ideen und Einfälle:-)

  • Ruth sagt:

    Mir scheint, Herr Tingler kritisiert die Werkzeuge, statt deren Missbrauch. „Bestrebungen zur egozentrierten ganzheitlichen Gesundheitspflege….“
    Es ist doch fein, wenn Wäscheklammerbasleln oder Tagebuchschreiben hilft. Die Idee dahinter wäre nach meinem Verständnis: Distanz gewinnen zu den Dramen des eigenen Lebens, indem man ihnen eine Gestalt verleiht und ihnen so vielleicht den gaaaanz persöööönlichen Schrecken nimmt. Von dem her eher egodistanziert.
    Aber es stimmt schon, alles kann zum Egoboost instrumentalisiert werden.

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