Ist der Liebesroman von gestern?

Über Konsum und Kitsch

Literarisches Produkt für den Eskapismus: Der Liebesroman. Montage: Kelly Eggimann

Wir sprechen in dieser Kolumne gelegentlich über Kulturkonsum als Welt- und Lebensflucht, meine Damen und Herren, über Kulturkonsum als Medium der Selbstbestätigung und Validierung einer Privatmoral, die ihre Besitzer automatisch ins Recht setzt. Gerade auch in der Aufnahme von Kunstwerken und Pseudo-Kunstwerken zeigt sich das Phänomen des milieuspezifischen Konsums, es gibt kaum noch Kunst und Kulturformate mit wirklicher Breitenwirkung, der sogenannte Strassenfeger kann die unendlichen Verästelungen nicht mehr erreichen, die der spätmoderne Kulturgeschmack aufgefächert hat.

Die Trennung der Milieus, die Abgrenzung der Geschmäcke, die Distinktion und das Naserümpfen, die Partikularisierung der Kulturtechniken vollzieht sich auch am Beispiel des Mediums Buch. Auch Bücher werden heutzutage nicht nur viel geschmacksnischenspezifischer konsumiert, sondern oft genug bereits zielgruppenorientiert vermarktet – und geschrieben. Und ein prototypisches literarisches Produkt für den Eskapismus der digitalen Spätmoderne stellt, neben der sogenannten Fantasy-Sparte, immer noch die Liebesgeschichte dar. Vielleicht auch bloss die nicht-tragische Liebesgeschichte, deren Lektüre bereits seit Anbeginn des Literaturkonsums ein starkes distinktives Element innewohnt, indem sie seit je den Inbegriff der «literarischen Kost für Zahnlose» zu verkörpern scheint, um dieses Wort des Feuilletonisten Alfred Polgar zu gebrauchen.

Kein typischer Liebesroman: «Lempi, das heisst Liebe» von Minna Rytisalo. Foto: PD

Und nun möchte ausgerechnet ich Ihnen einen Liebesroman ans Herz legen, einen Liebesroman jedenfalls der oberflächlichen Anmutung und dem (deutschen) Titel nach: «Lempi, das heisst Liebe». Und zwar heisst Lempi Liebe auf Finnisch. Es handelt sich um den Debütroman der finnischen Autorin Minna Rytisalo, ein Buch, das in doppelter Hinsicht aussergewöhnlich ist: Zunächst wirft es einen Blick auf die Geschichte Finnlands im Zweiten Weltkrieg, ein Kapitel europäischer Geschichte, das vielen Lesern in Mitteleuropa nicht vertraut sein dürfte. Und dann erzählt es in einer Geschichte gleichsam vier Geschichten, indem nämlich die Autorin das vermag, was die wenigsten Autoren vermögen: Sie beherrscht verschiedene Stimmen. Rytisalo erzählt das Leben der (abwesenden) Hauptfigur Lempi aus den Perspektiven dreier Figuren: des Ehemanns Viljami, der Magd Elli, der Schwester Sisko.

Dabei bringt das Buch den Leser wie nebenbei dazu, seine Haltung zu reflektieren (da wir von milieuspezifischen Vorlieben sprachen). Man ertappt sich bei seinen Präferenzen, wenn einen die Geschichte aus Sicht der eifersüchtigen Magd mehr anspricht als die herzgebrochene Litanei des verlassenen Ehemanns. Und über der archaischen, beinahe märchenhaften Geschichte von Liebe und Hass, schnörkellos wie ein Holzhocker von Alvar Aalto, schwebt ein grosses Thema, ein Hinweis auf den Urgrund der Literatur schlechthin, auf das, was Literatur seit je ihre Existenzberechtigung verleiht und über alle gesellschaftlichen Spaltungen hinweg vereinend wirken kann: Die Frage, wie wir Identität, unsere und fremde, aus Geschichten konstruieren. Welche Rolle dabei Natur- und Schicksalsdeterminismus spielen. Wie geradezu tragisch unzuverlässig dieses Verfahren sein kann.

Insofern ist «Lempi» eben gerade kein typischer Liebesroman, jedenfalls keiner, der übliche Erwartungen bediente. Die Bedienung von Erwartungen ist immer ein Hinweis auf Kitsch. Denn der Kern von Kitsch ist die Konvention.

5 Kommentare zu «Ist der Liebesroman von gestern?»

  • Philipp M. Rittermann sagt:

    ich habe hin und wieder 3-groschen-romane in den 70ern ge-äh-lesen. die mit dem cellophan rundrum.
    protagonist war ein ehrbarer revolverheld namens „gun gunisson.“ nachdem er jeweils seine widersacher umgelegt hatte, gabs liebe. also sex. also liebe. das war schon ganz lustig. zumal der mann sogar noch besser vögeln als schiessen konnte.

  • Leo Klaus sagt:

    Stimmt! Dieser Kapitel der Geschichte bekommt selten die Aufmerksamkeit welche er verdient. Die heutige finnische „Psyche“ sei immer noch stark von den damaligen Ereignissen gepraegt, heisst es.

    Allerdings erinnern wir uns, dass Siegfried Lenz in seinem Debuetroman „Es waren Habichte in der Luft“ genau diese historischen Umstaende als Kulisse bediente. Ich muss nun mal diesen Roman hier lesen, aber Lenz erzaehlte auch mehrere Geschichten aus unterschiedlichen Perspektiven, darunter auch eine Liebesgeschichte.

    Aber, wenn jemand ihm das Wasser reichen kann, dann hat sie nicht schlecht angefangen.

  • Kristina sagt:

    Was sind die Gemeinsamkeiten? Liebe, Krieg, Konsum und Konvention orientieren sich an 24/7/365 äh 366 – tragisch aber nicht wirklich unzuverlässig.

  • Dodimi sagt:

    Ja, Herr Tingler, die Zeiten der Galanterie scheinen wirklich vorbei zu sein, ganz zu schweigen vom Minnegesang. Ein bisschen mehr Romantik würde unserer so nüchternen, fast kalten, auf jene Fall über-pragmatischen Gesellschaft gut tun. Dann würden vielleicht nicht mehr Häuser in schachtelweise gebaut, fast überall quadratische Blöcke, und ja keine „Schnörkel“. Halt auch ein Spiegelbild unserer Gesellschaft.

  • Max sagt:

    „Lebensabschnittroman“, Herr Tingler.
    Die Romanform, die von gesellschaftlichen Klassen handelt, gibt es übrigens auch nicht mehr, sondern: „Lebensentwurfroman“.
    „Das von der prominenten Jury des Literaturpreis XY auszgezeichnete und vom Feuilleton begeistert aufgenommene Werk der Schriftstellerin A.B. handelt von einem Menschen, der sich für den Lebensentwurf der Armut entschieden hat.“

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