Für immer Madge

Madonna, philosophisch.

Seit jeher kritisiert und geliebt: Madonna an den Grammy Awards 2015, … (Fotos: Getty Images)

… wo sie Lust hatte, Po zu zeigen.

So, wir habens hinter uns gebracht, meine Damen und Herren: Madonna ist 60. All die Häutungen und H&M-Trainingsanzüge, all die geistreichen Elogen und Würdigungen: gegenkulturelle Ikone, Wegbereiterin der Emanzipation, Mutter und Freiheitskämpferin, Vorreiterin des fingerlosen Handschuhs und konischen Büstenhalters, ein wegweisender kultureller Einfluss. Das ist Madge, wie sie die Engländer, angeführt vom «New Musical Express», zu ihrem Missvergnügen nennen.

Missvergnügen bereitet es Madge möglicherweise auch, dass andere Stimmen in ihr weniger eine Ikone sehen als vielmehr eine zynische Selbstvermarkterin, die ohne viel Substanz und Botschaft die Pornografisierung der Gesellschaft vorantreibe, die schlechtesten Texte der Welt schreibe und nur marginal besser singe als schauspielere. Nach dieser Schule wäre Madge eher eine Exhibitionistin als Feministin, hat Oberarme wie Gollum und kein Talent ausser diesem sicheren Instinkt, auf jene Züge aufzuspringen, die im Abfahren begriffen sind. Was immerhin auch eine Gabe ist. Und zweifellos mehr als viele Berühmtheiten des Instagramzeitalters bieten können.

Wir hingegen wollen die Sache hier, wie Sie es von uns gewohnt sind, eher auf die philosophisch-allgemeingültige Ebene heben: Für uns steht Madonna in der grossen transatlantischen Philosophietradition irgendwo zwischen dem Amerikanischen Pragmatismus und dem Neuenglischen Transzendentalismus, dessen geistiger Vater, Ralph Waldo Emerson, im Sinne der steten Selbstneuschöpfung einst feststellte: «Eine unvernünftige Konsequenz ist der Plagegeist und das Schreckgespenst aller kleinen Geister. (…) Gross sein heisst missverstanden werden.» Ganz auf dieser Linie folgen hier fünf lebenspraktische Deduktionen aus Madonna als hypostasierter Philosophie: 

  1. Harte Arbeit zahlt sich aus. Meistens.

  2. Es wird immer Leute geben, die an dem, was man macht, irgendwas auszusetzen haben. Ein dickes Fell ist unverzichtbar. Ebenso die Gabe, einzusehen, dass besagte Leute auch recht haben können. So ungefähr jedes fünfte Mal.

  3. Niemand sagt auf einer Filmpremiere die Wahrheit.

  4. Auch in Zeiten des Internets wird vieles vergessen.

  5. Im Zweifel: Mehr anziehen.

2 Kommentare zu «Für immer Madge»

  • Kris sagt:

    Intelligenz hat ja mehrere Ausprägungen. Raffinesse ist eine davon. Seit gestern kenne ich auch die Bauernschläue. Madonna aber hat eines gezeigt: Cleverness. Das hat mich schon als Kind beeindruckt.

  • Meinrad Angehrn sagt:

    Das Zitat von Emerson ist furchterregend. Der Zweck heiligt die Mittel. Falsch. Er macht eine Differenz zwischen kleinen Geistern und den Grossen. Aristokratisch. Material. Aber das ist dem Autor gleichgültig 🙂 . Oder er verweist damit auf Madonna. Madonna war ein grosser Star zu Beginn der 90er. Die Musik war tanzbar, geil. Mit Wehmut erinnere ich mich an das T&M (Vogue!). Zwar steht Emerson angeblich im Vorgang zu William James. Ich hange auch dem Pragmatismus an, diesem Auffangbecken, aus dem ich ab und zu einen Fisch ziehe. Aber Madonna kann nicht philosophisch gedeutet werden, es sei denn utilitaristisch. Dr. Tingler hat wieder mal Recht. Mit Missverständnissen gibt es viel zu schaffen, aber deswegen soll man sich nicht als Grossen schimpfen. PS: Pendent bleibt Susan Sontag.

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