Das Gewissen der Wörter

Und: Was ist Big Dick Energy?
Tingler

Wäre sie ein Mann, wäre sie ein Experte. So aber ist sie eine Fee: Wetter-Moderatorin Linda Gwerder. Foto: PD

Neulich habe ich aus gegebenem Anlass darüber nachgedacht, meine Damen und Herren, dass es eigentlich in der an Differenzierungen doch nicht armen deutschen Sprache ein Wort geben müsste, was jene spezifische Gereiztheit, Übellaunigkeit und Ungeduld beschreibt, die (bei manchen Charakteren) entsteht, wenn man hungrig ist. Also so etwas wie «hungressiv», zum Beispiel. Im Englischen, so dachte ich weiter, wäre das eleganter: «hangry». Dann war ich sehr stolz und zufrieden, auf dieses Amalgam aus «angry» und «hungry» gekommen zu sein, bis ich es buchstäblich nächstentags auf dem Smiley-T-Shirt eines ungefähr sechsjährigen Kindes auf der Zürcher Bahnhofstrasse las. So viel dazu.

Sie wissen ja (oder auch nicht): Sprache ist mein Hobby. «Hobby» wiederum ist ein Wort, das irgendwie niemand mehr benutzt, jedenfalls niemand unter 35. Wahrscheinlich untergegangen in den Falten der Work-Life-Balance. Was mich umgehend zu anderen Ausdrücken bringt, die sich die Frage gefallen lassen müssen, ob sie eigentlich noch in unsere Zeit passen:

  1. «Wetterfee»

    Wird auch im Zeitalter von #metoo und Gender-Sternchen noch weitherum benutzt, obschon es den Typ der Fernseh-Meteorologin auf einen Phänotyp reduziert.

  2. «Bananenrepublik»

    Alle reden von «Framing», also der Einbettung von Ausdrücken in einen ideologischen Deutungsrahmen im politischen Diskurs, niemand redet davon, dass «Bananenrepublik» impliziert, dass sämtliche Länder, in denen Bananen wachsen, zur Korruption neigen; der Topos ist namentlich total südamerikafeindlich.

  3. «Junggeselle»

    Gleichzeitig sexistisch und altersdiskriminierend.

  4. «Big Dick Energy»

    Brandneuer Ausdruck. Damit Sie auf dem Laufenden bleiben. Hat sich jetzt sogar die BBC mit befasst. Kennzeichnet eine Art von natürlichem Selbstvertrauen und Charisma. Wofür man nicht notwendigerweise einen Penis braucht. Siehe Cate Blanchett.

  5. Seien Sie vorsichtig, wenn Sie Punkt 4 googlen, gerade auch in Verbindung mit «BBC».

17 Kommentare zu «Das Gewissen der Wörter»

  • Eric Pudles sagt:

    Was soll denn an dem Wort Wetterfee schlecht sein? es beschreibt doch simpel und einfach eine Frau, welche auf nette charmante Art die Wettervorhersagen präsentiert.
    Und beim Junggesellen, was ist hier sexistisch. Ein unverheirateter Mann und sonst nichts. Wir oder wurde zumindest für alle Altersgruppen verwendet.
    Diese politische Korrektheit artet langsam aber sicher aus. Man traut sich ja kaum noch irgend etwas zu sagen was mit Gender zu tun hat. Man riskiert jedes mal sexistisch, oder sonst irgend wie unkorrekt zu sein.

  • Kristina sagt:

    In der Frankfurter Denkschule kenne ich mich nicht aus. Werden Wörter um die Dimension Zeit erweitert, werden sie zum Spiegel, zur Erzählung; mitnichten zum Gewissen. In diesem Sinne: Congratulations and Celebrations…

  • Martin Frey sagt:

    Den Begriff ‚Bananenrepublik‘ kann man durchaus kontrovers diskutieren, obwohl auch in Europa solche Begriffe („Olivengürtel“) oder in den USA („rust belt“ oder „bible belt“) durchaus geläufig und letztendlich auch treffend vorkommen. Persönlich finde ich den Begriff zwar stereotyp, aber nach wie vor durchaus passend, und auch nicht wirklich völlig sachfern.
    Generell gesagt, Leute, die Begriffe wie Junggeselle tabuisieren möchten, sind wohl dieselben die bereits Begriffe wie „Fräulein“ relativ erfolgreich indexierten: Framing im Dienste einer ominösen PC at its best. Denn an beiden Begriffen, die es in ähnlicher Form in den meisten Sprachen gibt, ist an sich ja nichts verwerfliches. Und verkrampfte PC ist ansonsten auch nicht so das Ding des Autors.

  • Meinrad Angehrn sagt:

    Ach, BBC ist doch langweilig, zumal einen stets den Verdacht beschleicht, BBC sei nicht ganz aufrichtig. Mit Simmias im Dialog mit Sokrates: „Denn eines muss man doch in diesen Dingen erreichen, entweder, wie es damit steht, lernen oder finden oder, wenn dies unmöglich ist, die beste und unwiderleglichste der menschlichen Meinungen darüber nehmen und darauf wie auf einem Notkahn versuchen, durch das Leben zu schwimmen …“ (Platon, Phaidon, 85c/d). Für den Hinweis auf Phaidon danke ich E. A. Im Prinzip ersuche ich um Entschuldigung fürs Zitieren.

  • enzo sagt:

    Für Übellaunigkeit und Gereiztheit bei Hunger nutzen ‚wir‘ das Wort: Hungerböse

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