Nicht ohne meine Karte!

Über die Metaphysik der Kreditkarte

Anfassen erlaubt: Die Kreditkarte verbindet: Montage: Nathalie Blaser

Einsamkeit ist das neue grosse Thema, meine Damen und Herren. Die Spätmoderne, in der wir leben, ist offenbar die Ära der Einsamkeit (inwiefern das durch belastbare Daten unterstützt wird, ist wieder eine andere Frage). Fest steht: Der Raum der Gleichheit und des Gemeinsamen, auch der gleichberechtigten öffentlichen Debatte, des zivilen Diskurses, wird zusehends kleiner, nicht zuletzt, weil immer mehr Menschen ihre vermeintliche Identitätskostbarkeit mit nach draussen nehmen. Das heisst, dass immer mehr Menschen nicht wie früher selbstverständlich voraussetzen, dass man draussen mehr Zumutungen ertragen müsste als zu Hause, indem andere Leute zum Beispiel husten. Oder Fleisch essen.

Diese zunehmende Empfindlichkeit gegenüber gefühlten Intrusionen in die eigene Komfortzone äussert sich auch im Konsumalltag. Einerseits in einer zunehmenden kulturellen Tribalisierung: Man bleibt auch beim Konsumieren gern unter sich. Und andererseits in ganz neuen Kategorien gefühlter Manierenverstössen: Beispielsweise empfinden es manche Leute (nicht nur in Rotterdam) als Affront, wenn andere Menschen im öffentlichen Raum eine Zigarette konsumieren. Oder wenn das Verkaufspersonal beim Bezahlvorgang ihre Kreditkarte anfasst. Und in den Schlitz einführt.

Verbindung zum Leben

Zu Letzterem muss man wissen, dass die Kreditkarte ein Symbol ist. Marxisten würden wahrscheinlich sagen: Sie ist Teil der ideologischen Superstruktur des Kapitalismus. Ich sage: Sie ist ein Symbol für alles, was herrlich ist am Kapitalismus: Freiheit, Emanzipation, Autonomie, Selbsterschaffung. Die Kreditkarte ist eine Verbindung zum Leben, sie öffnet Türen und bewegt einen von A nach B. Gern beklagt wird ja heutzutage eine vermeintlich zunehmende Durchökonomisierung des Privatlebens, die Fülle von hoch spezialisierten Dienstleistungen: Liebescoach, Schlaftrainer, Hochzeitsplaner und so weiter. So was soll der Massenkommerzialisierung der Gefühle Vorschub leisten, wie sie die Berkeley-Professorin Arlie Russell Hochschild in ihrem Standardwerk «Das gekaufte Herz» beschreibt. Hochschild zieht die Konsequenz, dass wir auch intime Aspekte unseres Lebens aus der Sicht von Käufern als Produkte betrachten, also materialistisch und ergebnisorientiert. Womit wir wieder bei der Einsamkeit landen.

Ich möchte diese Perspektive hier gern mal umdrehen und postulieren: Nicht die Ökonomisierung des Lebens sollte uns umtreiben, sondern die Verlebendigung der Ökonomie! Will sagen: Die Kreditkarte ist, ökonomisch gesprochen, auch ein Symbol für eine hohe Gegenwartspräferenz. Etwas weniger wissenschaftlich ausgedrückt heisst das: Konsum bedeutet, im Heute zu leben. Buy now, pay later – hört sich verrucht an, ist aber lebensbejahend und das Wesen des Kredits. Darauf fusst unsere freie Wirtschaft, zum Glück – nicht auf ererbten Privilegien oder autoritärer Zuteilung.

Die Kreditkarte ist ein Badge für den Ausweg. Das ist ihre quasi-metaphysische Symbolwirkung: Sie bietet eine Bewältigung der unbewältigbar scheinenden Komplexität des Daseins, indem sie ein neues Bewegungsprinzip kreiert: Anstelle des entfesselten Zufalls oder der Zwangzusammenhänge einer jenseitigen Vorsehung steht der emanzipatorische, schöpferische, identitätsstiftende Konsum. Für die Einkaufssitten folgt daraus: keine falsche Scham! Lassen Sie andere Leute Ihre Karte ruhig mal anfassen. Das kann der erste Schritt aus der Einsamkeit sein.

8 Kommentare zu «Nicht ohne meine Karte!»

  • Kristina sagt:

    Carte Blanche? Wie unterschiedet sich die matte Schwarze von der glänzenden Weissen? Wieso heisst es die Karte, der Kredit?

  • Marco sagt:

    Noch lebendiger wird die Ökonomie, wenn, statt die Kreditkarte als Symbol dieser herrlichen Gegenwartspräferenz zu nehmen, man dieser Präferenz einen menschlicheren Antlitz gibt. Singen Sie die Ode an den Konsumkreditbanker!

  • Rolf Rothacher sagt:

    Ode an die Kreditkarte. Warum nicht? Allerdings bedeutet Konsum auf Kredit nicht, „im Heute zu leben.“, sondern bloss, sich heute Anerkennung zu kaufen oder seinen Stolz auszuleben, sich deshalb für die Zukunft selbstständig unter Zwang zu stellen, denn das Geld muss ja verdient werden.
    So lebt der Mensch mit (überzogener) Kreditkarte nicht im Heute, sondern ist in der Zukunft gebunden, begibt sich mehr oder weniger Freiwillig in eine Abhängigkeit.
    Nur wer bereits mehr als genug Geld besitzt (z.B. durch „ererbte Privilegien oder autoritäre Zuteilung“), kann die Kreditkarte als Ausdruck der Selbstbestimmung benutzen. Wir Normalos hingegen verschenken mit ihr unsere Freiheit.

  • jeanpierre.neidhart sagt:

    Konsum bedeutet, im Heute zu leben; Also das sehe ich nicht so. Fuer mich bedeutet Konsum nicht leben, konsumieren muss ich zum Ueberleben. Ausserdem moechte ich niemals ein Sklave einer Karte sein, den eine Karte zu besitzen bedeutet Abhaengigkeit von Faktoren welche ich eigentlich nicht beeinflussen kann, und das hat mit einem freiheitlichen Leben nichts mehr zu tun.

  • Meinrad Angehrn sagt:

    Die Kreditkarte ist Zeug und Schuldpotenzial schuldig. Die Idee ist von Baudelaire. In dessen Aufsatz «Wein und Haschisch» spricht der Wein zum Menschen: «Ich werde meine Schuld grosszügig begleichen, denn es bereitet mir ausserordentliche Freude, mich in einen von der Arbeit ausgedörrten Schlund zu ergiessen.» Laut Anmerkung handelt es sich um eine Paraphrase des Gedichts «Die Seele des Weins». Da heisst es: «Doch will ich niemand schaden und nicht schnöde sein, denn gross ist meine Freude …». Das Versprechen zur Begleichung der Schuld ist hier der Wille, niemandem zu schaden. Die Karte als Werkzeug ist uns nichts schuldig. Der Besitz wird belanglos. Die Karte will niemandem schaden und ist von Dritten anfassbar. ― Und das Herrliche am Kapitalismus ist auch die Freude des Zeugs.

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