Ironiekonsum

Zurück zu den Klassikern!
Tingler

Ein grosser Dichter und wahrer Ironiker: Gustave Flaubert. Montage: Boris Müller

So, meine Damen und Herren, jetzt habe ich so ungefähr den dreihundertsten Artikel darüber gelesen, dass Ironie endgültig tot sei, gekillt vom Hipstertum und den sozialen Medien, diesmal in der britischen GQ. Der Artikel, meine ich, nicht das Killing. Echte Ironie ist nämlich, zum Glück, nicht wirklich totzukriegen. So oft, wie das schon versucht worden ist. Und nun empfehle ich Ihnen für Ihren Ironiekonsum einen Klassiker: «Bouvard und Pécuchet». Dies ist der Titel des letzten Romanprojekts des grossen französischen Dichters Gustave Flaubert, von dem wir die Kälte und Präzision eines Skalpells gewohnt sind, wie es sich für einen wahren Ironiker gehört, dessen Haltung sich nicht in Zitaten erschöpft.

«Bouvard und Pécuchet» ist ein Romanvorhaben mit dem Ziel, die Erzählerinstanz zum Verschwinden zu bringen (auch dies also nicht unbedingt erst ein postmodernes oder spätmodernes Phänomen). Flaubert verzichtet weitgehend auf eine konventionelle Handlung, auf Spannungsbögen und Figurenentwicklungen. Der Handlungsfortgang in diesem Buch (das Flaubert nicht mehr beenden konnte) ist völlig vorhersehbar: Was immer die Titelhelden dieses dekonstruierten Schelmenromans sich vornehmen und in die Tat umsetzen, ist zum Scheitern verurteilt. Durch eine Erbschaft unerwartet zu Reichtum gelangt, ziehen sich Bouvard und Pécuchet aus Paris aufs Land zurück, in die französische Provinz des Jahres 1838, auf ein Landgut in der Normandie, um fortan in einer Reihe von Studien und Experimenten alle menschlichen Kenntnisse zu erproben – und in allem spektakulär Schiffbruch zu erleiden, gleichgültig, ob sie Melonen anbauen oder sich mit der Philosophie befassen.

Zeitloses Geschwätz

Flaubert selbst hielt «Bouvard und Pécuchet» für sein bedeutendstes Werk und hat einen ganzen Kosmos um die beiden Protagonisten erschaffen: Neben dem eigentlichen Roman gibt es weitere Texte, die zusammen einen kompletten Werkkomplex formen: «Das Wörterbuch der gemeinen Phrasen» und die «Universalenzyklopädie der menschlichen Dummheit». Dieser Werkkomplex liegt nun, zusätzlich ergänzt um transkribierte Handschriften und Kommentare Flauberts, endlich und erstmals vollständig erschlossen in deutscher Übersetzung vor, ein editorisches Glanzstück und Grossprojekt, das zur Lebensaufgabe des vielfach ausgezeichneten, leider 2016 verstorbenen Übersetzers Hans-Horst Henschen wurde, der fast 20 Jahre an der Übersetzung und Kommentierung und Annotierung der drei Werke gearbeitet hat.

In seinem «Wörterbuch der gemeinen Phrasen» ordnet Gustave Flaubert alphabetisch Gemeinplätze und Plattitüden, die das Geschwätz seiner Zeit prägten. Wie langlebig manche der hier zusammengetragenen Umschreibungen und Banalitäten sind, zeigt bereits der flüchtigste Blick in dieses Kompendium. Zum Beispiel findet sich unter «Verwandte» der Eintrag: «Alle lästig. Wenn sie nicht gerade reich sind, muss man mit ihnen hinterm Berg halten.» Oder unter «Wetter»: «Immerwährendes Thema. Allgemeine Ursache von Krankheiten. Ständig darüber klagen.» – Und was nun verzeichnet Flauberts Wörterbuch unter «Ironie»? Müsste eigentlich vor «Italien» kommen (= «Ziel aller Hochzeitsreisen»). Wir finden indes: nichts. Offenbar hatte man im 19. Jahrhundert andere Sorgen. Also ergänzen wir den Dichter sinngemäss: «Ironie: Immerwährendes Thema. Allgemeine Ursache von allem, was mit unserer Zeit nicht stimmt. Ständig darüber klagen.»

3 Kommentare zu «Ironiekonsum»

  • Kristina sagt:

    Steht da etwas über den Dummkopf? Moronization? Weil sich das mit der Ironie, Tongue-in-Cheek trifft es besser, nicht erträgt. Unvorstellbar. Das absolute High der Ironie in diesem Kontext ist übrigens das Malteser: gross wie eine Haselnuss, innen geschäumtes Eiweißgebäck, aussen mit Schokolade überzogen.

  • Hans Hasler sagt:

    Autsch. Ausgerechnet Tingler – der Autor, der wohl die am wenigsten ironisch gemeinten Beiträge schreibt – schreibt über Ironie.
    OK. Die Ironie ist definitiv noch nicht tod :).

  • Meinrad Angehrn sagt:

    Ihr Text, geschätzer Herr Tingler, hat mich sehr beschäftigt. Wieso? Zum Einen ist es die Empirie, die Flaubert betrieb. Zum Anderen ist es das Verschwinden der eigenen Erzählinstanz. Was ist das Motiv von Flaubert? Heute früh las ich Ihren Eintrag, und da kam mir der Gedanke: Flaubert ist kein Langweiler, litt aber an seiner langen Weile. Nur woran? Das «Wörterbuch der gemeinen Phrasen» gibt einen Hinweis. Die Antwort: Lange Weile an der Umgebung. Ich bin auch so ein Skalpell-Typ. Aber den diesbezüglichen Sarkasmus, eine Abart der Ironie, verstehen nur Wenige. Ohne jede Anmassung überkommt mich deshalb auch oft die lange Weile. Das ist Realität und schadet dem Humor! Aber Sie, Herr Tingler, sind ein Lichtblick. Nur weiss ich inzwischen nicht mehr, was ein Narrativ ist. 🙂

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