Wegweisende Antihelden

Was Kevin Spacey mit Veganismus und digitalen Fussfesseln zu tun hat. (Tipp: Es betrifft auch Sie.)

Wenn das Angebot vorausschauend beschnitten wird: Kevin Spacey wurde aus einem Film entfernt. Montage: Laura Kaufmann

Konsum ist gesellschaftlich überformt, meine Damen und Herren. Das wusste bereits vor knapp 100 Jahren der Philosoph und Kulturkritiker Walter Benjamin: Waren und Moden sagen uns mindestens ebenso viel über Zustand und Richtung der Gesellschaft wie die Äusserungen ihrer offiziellen Exponenten, zum Beispiel jene von Politikern. Nichts Neues also.

Wenn irgendwas neu ist in der Konsumkultur unserer Zeit, dann vielleicht, dass jene Signalwirkung nun auch (und vielleicht sogar noch stärker) für die willentliche Beschneidung und Einschränkung von Konsum gilt. Ich rede nicht von staatlichen Konsumverboten, sondern von Konsumverzicht im Sinne der freiwilligen Selbstkontrolle.

Konsumverzichtmuster als Ausdruck des Daseins

Sehr schön manifestiert etwa in jenem mit dubiosen Reinheitsvorstellungen und Instagramisierung verbundenen Ernährungsnarzissmus des «Clean Eating». Egal, wie befremdlich der Verzicht ist (enzymmanipuliertes Weissmehl) oder wie postfaktisch seine Untermauerung (es gibt keine Wirksamkeitsnachweise für «Superfood») – die Abstinenz wird als Souveränitätsgewinn des Ich verkauft und vermarktet, sowohl von einer findigen Industrie, der man das nicht vorwerfen kann, als auch von eben jenem Ich selbst. Dazu fällt mir dieser wunderbare Scherz ein, den ich neulich auf Twitter las: «Ein vegan lebender Crossfitter – OMG, worüber wird er zuerst sprechen?»

Konsumverzichtsmuster als Ausdrucksgestalt des Daseins also. Etwas Ähnliches lässt sich beobachten im Konsum von Kulturprodukten, wo beispielsweise das Angebot vorausschauend der Nachfrage durch Selbstbeschneidung (oder: Zensur) entgegenkommt, indem etwa Kevin Spacey aus einem Film entfernt wird, weil sein Privatleben peinlich, übergriffig und verzweifelt sein mag. Also für anstössig befunden wird. So wie Stalin nachträglich Lenin aus Fotos wegretuschieren liess.

Die Beschneidung von Kunst unter Anwendung kunstferner Argumente hat stets etwas Totalitäres, und so wird auch die Übermalung eines Gedichts von Eugen Gomringer an einer Berliner Schulfassade kritisiert. Hier allerdings schliesse ich mich Monika Frommel an, einer emeritierten Professorin für Rechtsphilosophie, die feststellte: Das ist einfach ein schlechtes Gedicht, das kann begründungsfrei entfernt werden. Qualität sollte man eben nicht aus den Augen verlieren, auf keinem Markt, auch nicht dem für Kunst.

Konsumentscheidung als letzte Bastion

Wieso scheinen Konsumenten plötzlich so erpicht darauf zu sein, freiwillig Verzichtsleistungen zu erbringen, die früher nur unter ökonomischem oder staatlichem Zwang erfolgten? Aus dem gleichen Grund, warum sie sich freiwillig elektronische Kontrollgadgets anhängen, die einer Fussfessel gleichkommen: Dekomplexierung.

Will sagen: In einer beschleunigten, verwirrenden Gegenwart halten viele Menschen die eigenen Konsumentscheidungen für eines der letzten Gebiete, das sie noch kontrollieren können. Da werden Leute ohne strikte Konsumdoktrinen geradezu zu Aussenseitern. Doch gerade die Antihelden spiegeln den Zustand der Gesellschaft. Sagt Walter Benjamin.

14 Kommentare zu «Wegweisende Antihelden»

  • Peter Meier sagt:

    Dekomplexieren? Können Sie sich überhaupt vorstellen, Herr Tingler, was das für ein Aufwand ist? Das schafft längst nicht jeder.

Kommentar

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