Wenn nicht drin ist, was draufsteht

Über Mogelpackungen
Tingler

Wer Donald Trump wählte, wusste, worauf er sich einlässt. Montage: Laura Kaufmann

Unlängst war in einem Kommentar in der «New York Times» unter der Überschrift «Die radikale Ehrlichkeit des Donald Trump» zu lesen, Trump sei «kein Meister der Täuschung, was mehr Planung, Geduld und Disziplin erfordern würde, als er je meistern könnte. Er ist vielmehr ein Geysir an Enthüllungen (…) Er versteckt weder seine Engstirnigkeit noch seine Launenhaftigkeit. Noch lenkt er uns erfolgreich von seiner Vulgarität und Bigotterie ab. (…) Es ist nicht nur so, dass der Kaiser keine Kleider trüge, er trägt auch keine Tarnung.»

Insofern kann man, bei allem, was man über Trump sagen kann, ihn gewiss nicht als Mogelpackung bezeichnen. Der Wähler konnte wissen, was er wählte. Mogelpackungen an sich aber sind so alt wie der Markt, meine Damen und Herren; der politische Markt und der Markt der Güter, oder, für unsere heutige Perspektive zusammengefasst: der Markt der Eitelkeiten. Wir kennen die Mogelpackung als Konsumenten: Es ist nicht drin, was drin zu sein vorgibt. Selten sehen zum Beispiel eine Ben & Jerry’s-Eiscreme oder Zerealien von Kellogg’s in der Packung so aus wie auf der Packung. Jeder weiss das. Wird trotzdem gekauft. Mundus vult decipi, sagt der Lateiner dazu.

Immer neue Bedürfnisse schaffen

Warum? Die eine Richtung würde sagen, dass Mogelpackungen mit dem freien Markt quasi notwendig einhergehen. Der streitbare Ökonom John Galbraith argumentierte bereits vor über einem halben Jahrhundert in seinem Buch «Gesellschaft im Überfluss», dass moderne Konsumgesellschaften immer neue Bedürfnisse schaffen müssten, und so was fördert natürlich die Mogelpackung. Es lässt sich in dieser Lesart ja auch als Mogelpackung verstehen, wenn beispielsweise zur Vermarktung neuer Smartphone-Modelle minimale Innovationen als unabdingbar beworben werden.

Die andere Richtung würde sagen, dass es vor allem (und unabhängig vom Wirtschaftssystem) das zeitlose, überkulturelle menschliche Verlangen nach Geltung und Abgrenzung sei, das die Verführbarkeit für Mogelpackungen und also deren Existenz begründe. Bereits die Philosophen im antiken Griechenland waren uneins: Während Aristoteles «die angemessene Zurschaustellung privaten Reichtums als Zeichen von Bürgertugend und Bürgerstolz» ansah, befürchtete sein Lehrer Platon, dass der Luxuskonsum «virile Bürger entmanne» und zu einem «Verlust der Selbstbeherrschung» führe.

Aber trotzdem und deshalb kann man ja vor Mogelpackungen warnen. Eine solche liegt beispielsweise mit Blick auf die bevorstehenden Zürcher Stadtratswahlen vor, wenn der Spitzenkandidat der CVP, Markus Hungerbühler, sich mit dem Slogan «Gleiche Rechte für alle» plakatieren lässt. Wir erinnern uns: Die CVP war es, die kürzlich versuchte, dem Schweizervolk in einer Initiative eine rückständige, religiös fundamentierte Ehe-Definition auf Verfassungsebene unterzujubeln, nämlich die Festschreibung der Ehe als «Lebensgemeinschaft von Mann und Frau». Das genaue Gegenteil von «Gleiche Rechte für alle». Der Wähler kann wissen, was er wählt. Vergeuden Sie Ihre Stimme nicht.

14 Kommentare zu «Wenn nicht drin ist, was draufsteht»

  • Philipp Mazenauer sagt:

    Ausnahmsweise bin ich nicht Ihrer Meinung, Herr Tingler. Im Gegensatz zu den Randparteien zeichnet sich die CVP geradezu dadurch aus, dass sie mehrere Meinungen toleriert. Die CVP von Stadt und Kanton Zürich sind traditionell gesellschaftsliberaler als beispielsweise die Ableger in den Urkantonen. So hat denn auch die JCVP-ZH die von Ihnen angesprochene Heiratsstrafinitiative zur Ablehnung empfohlen.
    Zudem gilt bei der Mittepartei CVP mehr als bei anderen Parteien, dass man aufgrund der gewollten Meinungsfreiheit primär eine Person – und nicht eine Partei – wählt.
    Zwischen all den parteitreuen JA- und NEIN-Sagern braucht es eine differenzierte Mitte.

  • Charly Schnyder sagt:

    Was soll daran eine Mogelpackung sein, wenn Hungerbühler mit dem Slogan „Gleiche Rechte für alle“ wirbt? Immerhin engagiert er sich seit Jahren in der homosexuellen Arbeitsgruppe Zürich (HAZ) und hat die Fachgruppe LGBTI der CVP Schweiz ins Leben gerufen. Die CVP-Initiative hat er aufgrund der Ehe-Definition nachweislich zur Ablehnung empfohlen. Seine Haltung entspricht also durchaus seinem Slogan.
    Freuen wir uns doch, dass es auch in der CVP immer mehr Leute gibt, für welche die Gleichstellung der LGBTI-Community eine gesellschaftliche Selbstverständlichkeit ist.

  • A.N. sagt:

    Dies ist umso mehr ein Argument, die Stimme für Markus Hungerbühler einzulegen. Wir können nicht der CVP ein rückständiges Gesellschaftsbild vorwerfen und gleichzeitig ihre progressiven Kandidaten verhindern. Die Tatsache, dass diese Partei einen Kandidaten aufstellt, der mit dem Motto „Gleiche Rechte für Alle“ antritt, sollte für uns ein Zeichen sein, dass auch die CVP nicht so konservativ ist, wie hier gezeichnet, zumindest nicht in Zürich. Eine Stimme für Markus Hungerbühhler ist daher eine Stimme für die Stärkung des aufgeschlossenen, progessiven Flügels der CVP.

  • Kristina sagt:

    Gut kombiniert, Doktor. Evangelische Volksfrömmigkeit fuer alle oder ist das schon reformiert? Dürfen wir untereinander solidarisch sein, selbst gewählt, in Freiheit?

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