Zeichen der Zeit

Was ist geblieben von 1968?

Tragische Entwicklung: Der Selbstverwirklichungsgedanke der 68er wurde zur Selbstperfektionierungspflicht. Foto: Getty Images

Die Jahreszahl 1968 ist längst zu einer Chiffre geworden, meine Damen und Herren, zu einem Zahlensymbol für eine soziale Bewegung Richtung Selbstbestimmung und Emanzipation. Und jetzt? Die Lage ein halbes Jahrhundert nach 1968 – und übrigens auch ein halbes Jahrhundert nach Warhols berühmtem 15-Minuten-Zitat – sieht wie folgt aus: Die Optimierung des Selbst, oft Mittel zum Zweck in der Wettbewerbsgesellschaft, ist zum Qualifikationsfaktor und Distinktionskapital aufgestiegen: Der spätmoderne Mensch will und muss sich darstellen und abheben. Was vor 50 Jahren die Haschpfeife war, ist heute der Hashtag. Und sonst? Wie haben sich die Entwicklungen von 1968 fortgeschrieben? Hier sind fünf Zeichen der Zeit:

  1. Die Verpflichtung zur Selbstperfektionierung wird als eigener Plan identifiziert und akzeptiert, weil die Optimierungsidee eine tragische Verquickung mit dem emanzipativen Selbstverwirklichungsgedanken im Gefolge von 1968 eingegangen ist.

  2. Zur zunehmenden Selbstökonomisierung der Gesellschaft gehört auch, dass der Interaktionsmodus des Wettbewerbs immer weiter entgrenzt und etwa auf Bereiche wie Bildung, Gesundheit, Liebesleben angewendet wird.

  3. Zugleich bewegt sich die Marktgesellschaft von einer Leistungs- zur Erfolgskultur. Das fördert Selbstdarstellungszwänge. Die Finanzmärkte sind vollständig dem Erfolgsprinzip gewidmet; es spielt keine Rolle, ob sich dieser Erfolg einer Leistung oder einer Lotterie verdankt.

  4. In der sozialen Logik des Allgemeinen, die in der klassischen Moderne vorherrschte, wurden 1968 die gesellschaftlichen Verhältnisse als gestaltbar angesehen; in der digitalen Spätmoderne seit der Jahrtausendwende dominiert hingegen die soziale Logik des Besonderen, das heisst: Verbesserungsarbeit gilt nicht so sehr der Gesellschaft als vielmehr dem «Inneren Selbst».

  5. Etwas Lebendiges lässt sich nicht optimieren, sondern höchstens entwickeln. Menschliche Bedürfnisse nach Wachstum, Weiterentwicklung und Zugehörigkeit lassen sich nicht über den Wettbewerb auflösen. Aber auch nicht über Neo-Marxismus, Populismus oder Fundamentalismus. Denken Sie mal drüber nach.

8 Kommentare zu «Zeichen der Zeit»

  • Rolf Rothacher sagt:

    Hatten die 68er irgendetwas Positives an sich gehabt? Gegen das man das Heute abgrenzen sollte? Die Aussteiger-Mentalität der 68er-Jahre hat weder zu Wachstum, noch echter Weiterentwicklung oder gar mehr Zugehörigkeit geführt. Die heutigen „Alt-68er“ haben auch nichts mit Selbstperfektionierung am Hut. Ein Vergleich von zwei verschiedenen Lebens-Modellen über Generationen hinweg bringt auch nichts.
    Würde Herr Tingler die „Roaring Twenties“ mit heute vergleichen, er käme auf viele Parallelen: alles feiert, als gäbe es kein Morgen mehr.
    Nur verspielen die heutigen Sozialisten nicht nur den vorhandenen Wohlstand mit ihrer Perfektionierungs-Sozialisierungssucht, sondern gleich auch noch die Zukunft unserer Kinder/Enkel mittels unverantwortlichem Schuldenmachen.

    • Ronnie König sagt:

      Vielleicht mal genauer hinsehen? Ganz gewaltig viel hat sich da bewegt und verändert, aber der regen wurde trotzdem nicht abgeschafft und das Fussballtor hat immer noch seine Masse. Ob in der Kunst, Sozialleben, Rechtswesen, überal hat der geist seine Spuren hinterlassen und es wirkt hie und da noch immer, wenn auch kein bärtiger Hippie mehr was verkündet. Und es wird nie mehr so steif und spiessig werden wie davor, aber es ist wie immer, die Zeit bleibt wie der Mensch nicht stehen. Und ein mancher Gedanke war schon davor, aber wie mit einem Knall gings dann in der Masse ab. Hippie und PC sind vergleichbar. Oder Haschpfeife und Hashtag.

    • Anh Toàn sagt:

      „Die Sozialisten…..mittels unverantwortlichem Schuldenmachen:“ Ja, der Sozi-Donnie senkt die Steuern in eine, wie er sich selbst als dafür verantwortlich rühmt, boomende Wirtschaft. Das zumindest kurzfristige Loch im Staatshaushalt, die versprochenen höheren Steuereinnahmen kommen ja später, falls diese kommen, finanziert Sozi-Donnie dann mit Schulden. So bleiben die Guthaben bei den Reichen, die dafür Zinsen vom Staat bekommen. Würde man es wegbesteuern, wären weniger Schulden:

      Schuldenabbau geht über Steuern und Inflation: beides hassen die Reichen. Warum wohl? Die Reichen haben die Gegenseite der Schulden, die Guthaben. Sie kassieren die Zinsen, welche den Staat, die Allgemeinheit belasten.

    • Christina sagt:

      Eben gerade nicht Aussteigermentalität, sondern Einsteiger in das selbst gestaltete Leben, selber etwas schaffen zu können und auch zu wollen. Deshalb auch Einsteigen in die Politik. Die Aussteiger mit Sandalan und Selbstversorgung und Musik waren eine kleine auffällige Gruppe, die sich leicht von den Bünzlis verachten liess, da sie von der Arbeit der anderen lebten. Der Marsch durch die Istitutionen dagegen ging nicht vom Sofa oder der Gartenlaube aus.

  • Rolf Hefti sagt:

    Vermutlich sind wir nur in der Endzeit der „guten“ Macht der 1968 Bewegung angekommen. 1968 ist 2018 = Absolute und totale Macht und sonst : Gar nichts weiteres mehr. Ob es für eine Konter-Revolution reicht, der 4.3.2018 leuchtet das endlich etwas aus .

  • Meinrad Thomas Angehrn sagt:

    Selbstoptimierung mit dem Ziel des Besten im Rahmen des Möglichen (ungleich Fülle) ist nicht verwerflich. Selbstperfektionierung ist nicht erstrebenswert, weil man daran zerbrechen kann. Erreicht man das Perfekte doch, so wird es nicht honoriert, ja überhaupt nicht als Perfektes von den Anderen erkannt. Die Honorierungserwartung entspringt einem uralten Hirngespinst, dem Streben nach Ehre, die von Mandeville († 1733) in der Bienenfabel als Erfindung der Moralisten und Politiker gegeisselt wird. Mandeville definiert als Ehre nur die gute Meinung Anderer, die höher oder geringer eingeschätzt werde, je nachdem sie mehr oder weniger geräuschvoll kundgetan werde. – Das klingt aber ebenso nach Moralismus. Und riecht nach Populismus. Emanzipation ist so utopisch. Mit Utopien ist aufzuhören.

  • Meinrad Thomas Angehrn sagt:

    Zu 5: „Menschliche Bedürfnisse nach Wachstum, Weiterentwicklung und Zugehörigkeit lassen sich nicht über den Wettbewerb auflösen.“ Das stimmt. Aber es gibt Alternativen – da bin ich überzeugt -, die Sie bewusst offen lassen. Da kommt mir unmittelbar aber nichts in den Sinn. Vielleicht über Zusammenwirken oder Zusammenarbeiten? Das klingt ein bisschen zu kollektiv, ist aber auch Teil des Wettbewerbs, also jenes Gebietes, wo Zufügung von Schaden (im juristischen Sinn von Vermögensverminderung) legal ist. Vielleicht über das Gewährenlassen der Entwicklung, ohne bewusst als Mensch (massiv) einzugreifen oder eingreifen zu wollen? Das klingt illusorisch. Es muss etwas mit selbstverantwortetem Handeln im Sinne des gemeinsam Wünschenswerten zu tun haben. Andere Floskeln habe ich nicht. 🙂

  • Meinrad Thomas Angehrn sagt:

    Es liegt mir eine Zusatzbemerkung am Herzen, sry. In einem der katholischen Hochgebete heisst es: „Lass alle Glieder der Kirche die Zeichen der Zeit verstehen und in der Treue zu Deinem Evangelium wachsen. Mache uns offen für die Menschen um uns, dass wir ihre Trauer und Angst, ihre Hoffnungen und Freuden teilen und ihnen den Weg weisen zum Heil.“ Abgesehen von jeder Frömmelei und vom zwischenzeitlich säkularisierten Heil lassen sich die Zeichen der Zeit als Liebe zum Nächsten (was nicht heisst: zum Fremden) und als Liebe zum Frieden (vorrangig zur Gerechtigkeit, vgl. Robert Nef) verstehen. Das sind keine Floskeln, von denen oben keine mehr übrig waren. Und das Wachsen ist das optimale (nicht: optimierte) „Kontinuum“ (Philipp Tingler, a.a.O.) in unabdingbarer Offenheit.

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