Der Wert des Besonderen

Wonach bewerten wir Dinge?
Tingler

Klopapier mit Wellnesswirkung: Auch das ist Fortschritt. Montage: Laura Kaufmann

Eines der meistdiskutierten Sachbücher des vergangenen Jahres, meine Damen und Herren, war zweifellos «Die Gesellschaft der Singularitäten» des Kultursoziologen Andreas Reckwitz. Und eine der zentralen Thesen von Reckwitz ist, dass wir in einer Gesellschaft der Bewertungsdiskurse leben. Wir bewerten ständig und überall. Bei diesen Diskursen geht es nicht zuletzt um den Besonderheitswert von Waren, Bildern, Menschen, Kunstwerken, Orten oder Ereignissen. Denn eben das, die Besonderheit, sei der neue soziale Leitwert, der zum Gegenstand von Auseinandersetzungen der Bewertung und Entwertung werde, schreibt Reckwitz, der in dieser Leitfunktion der Besonderheit eine epochale kulturelle Verschiebung sieht.

Schliesslich sei die Gesellschaft des letzten Jahrhunderts, also die Gesellschaft der industriellen Moderne, gekennzeichnet gewesen durch eine soziale Logik des Allgemeinen, durch Rationalisierung, Standardisierung und Formalisierung, also Prozesse, bei denen es um eine Verfertigung der Elemente der Welt als gleiche, gleichartige, auch gleichberechtigte ging, im Rechts- und Sozialstaat, in der Welt des Konsums und der Produktion.

Mit Blick auf unsere heutige spätmoderne Ära hingegen konstatiert Reckwitz: «Was heute als exzeptionell gilt, kann schon morgen entwertet und als konformistisch oder gewöhnlich eingestuft werden. Und während es so manche Dinge und Menschen trotz aller Anstrengung nie auf den Sockel des Aussergewöhnlichen schaffen, werden andere in Umwertungsprozessen in die Sphäre der Singularität katapultiert. So wird aus Sperrmüll wertvolles Vintage und aus dem Sonderling der anerkannte Nerd. Das heisst: In der Gesellschaft der Singularitäten gehen Prozesse der Singularisierung und der Entsingularisierung Hand in Hand. Sie bekräftigen damit aber, was als wertvoll gilt: nicht das Allgemeine, sondern das Besondere.»

Alles soll «authentisch» sein

Nun ist aber die Frage: Wie neu ist das wirklich? Das «Besondere» als Distinktionsmerkmal gerade von Konsumgütern? Bereits vor über 30 Jahren hat der amerikanische Kulturhistoriker Paul Fussell in seinem Buch «Class» dargelegt, dass die gesellschaftliche Vereinbarung dahin gehe, die Qualität und den Status von Sachen damit in Verbindung zu bringen, wie alt und echt sie seien. Die Prädikate «alt» und «echt» lassen sich zu «authentisch» zusammenfassen, und «Authentizität» wiederum lässt sich in unserer heutigen Konsumkultur getrost als Synonym zu «Besonderheit» verwenden. Wir leben schliesslich in einer Zeit, wo bitte alles «authentisch» sein soll, bis hin zum Service an der Tankstelle.

Worin also besteht das Neue? Wenn Sie mich fragen, viel eher darin, dass heutzutage eben die Statusaufladung auf viel mehr Güter ausgreift, also viel mehr Konsumakte, auch solche, die früher banal und alltäglich waren, heute mit Statusbotschaften verknüpft sind, Geltungskonsum darstellen. Fair-Trade-Kaffee, Himalaja-Salz, Klopapier mit Wellness-Wirkung: Auch das ist Fortschritt.

5 Kommentare zu «Der Wert des Besonderen»

  • Rolf Rothacher sagt:

    Der Mensch hat sich immer schon gegen die Zivilgesellschaft als Ganzes abgrenzen wollen und sich darum individualisiert. Früher (vor ein paar tausend Jahren) mögen es Tätowierungen, Schmuck oder Kleidung gewesen sein. Später kamen Nahrungsmittel und Luxusgüter hinzu.
    Die heutige „Authenzitierung“ mittels Social Medias ist bloss Ausdruck der neu zugänglichen Technik.
    „Statusaufladung“ hingegen sollte man differenzieren, zwischen dem Status, den man im Berufsleben benötigt, um mehr Geld/bessere Anstellung zu finden und zwischen dem Status als Ausdruck des Stolzes oder der Sucht nach Anerkennung. Ersteres war/ist „lebens“-wichtig, weil es Lebensvorteile verschafft. Letzteres ist bloss Ausdruck des Wohlstands, da man seine Lebenszeit mit solchen Belanglosigkeiten verschwenden kann.

  • Meinrad Thomas Angehrn sagt:

    Wenn «bitte alles ‹authentisch› sein soll», ist nichts mehr besonders. Anders gewendet: Die Statusaufladung oder -botschaft genügt nicht, damit es einen Empfänger gibt, der diesen Status wahrnimmt und wertet. Es vereinzelt sich alles. So werden Singularitäten erreicht, die sich aber aus dem Schwarm gar nicht mehr erkennbar hervorheben können. Verschwindet damit die Geltung? Oder zieht sich die Geltung in einen immer kleiner werdenden Kreis zurück? Genau das lässt sich heute beobachten! Geltung ja, bitte, aber sicher nicht bei jemanden, der nicht schon vorher ein Vertrauter war. So schleicht sich das Normative oder gar Tribalistische durch die Hintertür wieder zurück. Da wird mir ein bisschen mulmig.

    Zusätze:
    Wieso soll Gewöhnliches keinen Wert haben?
    Gibt es noch authentische Kunst?

  • Kristina sagt:

    Das Besondere ist das Authentische, das in einem Zeichen Platz findet. Weil das Komplexe in der Abstraktion aufgeht. Wahrhaftig.

  • Henry sagt:

    „Rechts-und Sozialstaat“ ?? Aber Herr Doktor, non datur. Entweder oder, beides zugleich gibt es nicht. Denken Sie doch mal nach.

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