Drehen wir uns im Kreis?

Über Konsum und Beschleunigung.

Schnell wars wieder vorbei mit dem Fidget Spinner. Montage: Boris Müller

Können Sie sich noch an den Fidget Spinner erinnern? Das war dieses Ding, eine Art spätmoderner Brummkreisel, ein Spielzeug, ein Kugellager mit Auslegern – und offenbar eines der kurzlebigsten Phänomene der Konsumgeschichte überhaupt. Sehr viele hatten das Ding, für einen Moment, und im nächsten Moment hatte keiner mehr eins. Manche Konsumforscher unterscheiden zwischen «Trend» und «Hype», wobei dem «Hype» seinem Wesen nach bei beträchtlicher Reichweite eine extreme Kurzlebigkeit zu eigen sei, er also viel flüchtiger wäre als der Trend und dessen Flüchtigkeit in spätmodernen Zeiten noch verschärft und beschleunigt wird durch die Anfach- und Aushauchwirkung sogenannter sozialer Medien. Apropos: Niemand benutzt mehr Twitter, man benutzt jetzt Mastodon.

Sozialer Stress

Identität entsteht durch Abgrenzung und Dazugehörenwollen. In diesem Wechselspiel steht auch die Mode und damit der Konsum. Sozialer Stress ist der schlimmste Stress von allen, und so konnte ein Fidget Spinner, wenn auch nur für ein paar Wochen, quasi als ausgeflaggte Geste des Dazugehörens fungieren. Darinnen dürfte sein eigentlicher therapeutischer und beruhigender Effekt gelegen haben; nicht unbedingt identisch mit jenem von etwelchen Herstellern reklamierten therapeutischen Nutzen, wonach der Spinner einen Rückzug aus Stresssituationen ermögliche, ähnlich wie diese Anti-Stress-Knautschbällchen, die sich übrigens länger zu halten scheinen. (Das haben wir freilich von Crystal Pepsi auch gedacht.)

Abgrenzung durch die Oper

Als Zugehörigkeitssignal war dieses Spielzeug in gewisser Hinsicht das Gegenteil von sogenannter Distinktionsware, bei deren Konsum es nicht zuletzt um Abgrenzung geht: Ein Opernbesuch zum Beispiel wäre als Kulturkonsum klassische Distinktionsware. Ebenso, in der spätmodernen Gesellschaft: ausbeutungsfrei hergestellte Anziehsachen oder recyclingfähige Glasuntersetzer, mit deren Anschaffung man, jenseits des konkreten Nutzens, auch sein Wertebewusstsein und moralische Sensibilität ausstellen kann, was wiederum als Distinktionskapital fungiert, genau wie die gelegentliche Glutenallergie oder politisch bewusst korrekter oder inkorrekter Sprachgebrauch.

Physischer Müll

Was bleibt? Was bleibt vom Fidget Spinner? Was meistens bleibt: Schrott. Schrott im Internet in Form von Fidget-Videos. Und schlimmer: jede Menge physischer Müll, Plastik. Und was sagt uns der Spinner darüber hinaus als Zeichen unserer Zeit? Birgt seine Kurzlebigkeit die Erkenntnis unserer metaphysischen Einsamkeit in einem sinnentleerten Niemandsland (also das, was Nietzsche den «kalten Dämon» nannte)? Oder ist er einfach ein Zeichen, dass wir uns fügen müssen in die vermeintlich ewigen Zirkel des Konsumlebens? Weder noch. Sie können das kulturelle Skript ganz leicht ändern, meine Damen und Herren. Das nennt man Konsumentensouveränität. Nehmen Sie die Feiertage zum Anlass, etwas Dauerhaftes zu kaufen, etwas Entschleunigendes, so was wie: einen Füllfederhalter. Ich hoffe, Sie können diese Empfehlung annehmen, von jemandem, der sich noch an Crystal Pepsi erinnern kann.

2 Kommentare zu «Drehen wir uns im Kreis?»

  • Sebastian sagt:

    Gerade die Oper wirkt dem kalten Dämon Nietzsches entgegen, weil deren Besuch den modernen Menschen aus seiner persönlichen Zeit herausträgt, diesen in andere Rhythmen einfügt und in einer anderen Geschichte leben lässt. Wie im Kino. Wie bei der Lektüre. Etwa so lässt sich das kulturelle Skript tatsächlich leicht ändern. Ein amythischer Fidget Spinner unterscheidet sich an und für sich von den Mythen in Theaterstücken, Filmen oder Büchern. Das stammt à peu près von Mircea Eliade (1907-1986), der sogar behauptete, es habe gar keine Säkularisierung stattgefunden; die Mythen seien weiterhin vorhanden und würden sich nur tarnen. Das bedeutet weder ein Ja noch ein Nein zur Metaphysik, weder ein Ja noch ein Nein zum ewigen Zirkel. Weil diese Fragen unbeantwortbar sind. Oder sinnlos.

  • Ralf Kannenberg sagt:

    Alternativ zum Füllfederhalter könnte man auch noch einen zweiten Fidget Spinner kaufen, so teuer sind die ja nicht. Dann hat man für beide Hände einen. Vielleicht in einer anderen Farbe.

Kommentar

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Die benötigten Felder sind mit * markiert.

800 Zeichen übrig

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.