Kinderkram

Suuupersüss!

Selbst-Infantilisierung: Auch Influencer müssen möglichst niedlich sein, um Absatz zu finden. (Montage: Boris Müller)

«Die Laster einer grossen Nation sind deren grösster Reichtum», so lässt es sich in «Wein und Haschisch» nachlesen, meine Damen und Herren, einer jüngst erschienenen Essaysammlung des französischen Dichters Charles Baudelaire. Ich bin da nicht so sicher. Denn welche Laster sind noch übrig (von grossen Nationen gar nicht zu reden)? Vielleicht zeichnet sich unsere Zeit nicht zuletzt dadurch aus, dass Laster, auch mit Konsum verbundene, mehr und mehr durch schlechte Eigenschaften ersetzt werden. Also Gewohnheiten, die sich mangelnder geistiger Regsamkeit verdanken, zum Beispiel Massenwahn, Herdenverhalten und blinde Nachahmung. Auch in der Welt des Konsums. In Berlin (wo sonst) ist kürzlich die erste «Influencer-Akademie» gegründet worden, in der man Ausbildungsziele erreichen kann wie beispielsweise «Multiplikator» oder «Socializer» oder «Kontakter».

Das klingt albern, nach Selbst-Infantilisierung. In seinem neuen Buch «Erwachsenensprache» konstatiert der Kulturphilosoph Robert Pfaller eine gesellschaftliche Entwicklung, die «Erwachsenheit» nicht mehr selbstverständlich von erwachsenen Menschen erwartet. Was heisst «Erwachsenheit»?

Nicht mehr zumutbar

Nun, für Pfaller heisst das: erstens Selbst- und Weltdistanz, zweitens Toleranz für Ambiguität und Ambivalenz sowie drittens Widerstandskraft, oder, psychologisch: Resilienz. Und auch wenn ich persönlich Pfallers Grundprämisse, nämlich dass die sogenannte politische Korrektheit nichts als das Feigenblatt eines entfesselten Neoliberalismus darstelle, für ebenso plakativ wie falsch halte, so enthält seine Analyse doch viele treffende Punkte. Zum Beispiel wenn er auf jene Befindlichkeit abzielt, die er symptomatisch für die aktuelle Kultur nennt: «die als evident vorausgesetzte Annahme, dass es Erwachsenen nicht zumutbar sei, sich als Erwachsene zu verhalten; dass die Belastbarkeit, die Erwachsenen eignet, nicht von jedem Erwachsenen mehr verlangt werden dürfe».

Konsumtechnisch, auch im Phänomen des Influencers, äussert sich die Infantilisierung nicht nur darin, anderen hinterherzulaufen, sondern auch warenförmig zum Beispiel in einer Nachfrage nach Niedlichkeit. Vieles muss heute niedlich daherkommen, um Absatz zu finden: Autos, Getränkeverpackungen, Telefonhüllen, Animationsfilme, Umgangsformen, alles niedlich. Eventuell handelt es sich um eine Kompensationsbewegung angesichts der Durchdigitalisierung und Allgegenwart von Technologie im postindustriellen Zeitalter: die Sehnsucht nach Niedlichkeit als die nostalgische Sehnsucht nach einer älteren Welt. Sie endet dann auf Facebook, wo mutmasslich erwachsene Menschen ihre Profile mit Babyfotos von sich selbst dekorieren. Wie süss. Oder gruselig.

5 Kommentare zu «Kinderkram»

  • Sebastian sagt:

    Ach, ich liebe aus der Manesse Bibliothek der Weltliteratur diese sorgfältigst gearbeiteten Bändchen (mit Böndeli wie beim Chelebüechli). Auch Wein und Haschisch habe ich mir sofort besorgt und bin damit einem Influencer erlegen. Baudelaire schreibt indes auch: Der Wein ist nützlich, er befruchtet. Das Haschisch ist nutzlos und gefährlich (S. 72, mit aufschlussreicher Anmerkung). Wie ich gerade so auf dem Diwan sitze und dies tippe, fällt mir auf dem Salontisch ein Buch auf, das ich nach der Lektüre längst wieder vergessen hatte: Edouard Louis, Im Herzen der Gewalt, 2017. Ein infantiler Roman, behaupte ich.

  • Anh Toàn sagt:

    Ich mag den Begriff Infantilisierung nicht, der er bezeichnet Kinder an deren negativen Eigenschaften, ganz salopp übersetzt heisst es „infantil“ dumm. Ich wünsche mir mehr kindliche Eigenschaften bei Erwachsenen, mehr Neugier, also Sehnsucht nach und nicht nur Offenheit gegen Fremdes. (Erwachsene sagen dem naiv), mehr Gegenwartsfreude als Zukunftsängste (Erwachsene sagen dem unverantwortlich, obwohl sie Kurse besuchen, um besser im hier und jetzt zu sein), weniger Besitz- und Statusdenken, und mehr gnadenlose Ehrlichkeit, statt erwachsenes politisch korrektes Heucheln: Wären doch alle etwas infantiler!

  • Paul Rutz sagt:

    Es ist die reine Verdummung, die wie ein Krebsgeschwür um sich greift, gepaart mit staatlich verordneten Denkmustern, die sich viele aufzwingen lassen. Kritisch hinterfragen ist zur Seltenheit verkommen. Zum Glück habe ich ein intaktes Umfeld ohne FB, Influencer und ähnlichen Mist.

  • Kristina sagt:

    Meinen Sie das: `Shaaz, ich hab` die Kinder gekrümelt.`? Oder: `Ich wünscht`, ich war` ein marmorner Pfeiler? Ich meine, beides lebt von der Fremd- und Selbstdistanz, Toleranz für Ambiguität und Ambivalenz sowie Widerstandskraft, oder, psychologisch: Resilienz.

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