Kreativität und Brutalität

Über Kunst und Konsum. Und Brutalismus.

Der Brutalismus wird plötzlich als kreativer Ausdruck eines rebellischen Antidesigns verstanden. Montage: Laura Kaufmann

Kreativität ist ein Markt, meine Damen und Herren. Kreativität scheint käuflich, ist Gegenstand des Konsums, der Persönlichkeitsbildung und des Qualifikationsprofils. Der Kultursoziologe Andreas Reckwitz hat den Siegeszug des Kreativitätsdispositivs im Kontext allgemeiner gesellschaftlicher Ästhetisierungsprozesse analysiert: Kreativ ist nicht mehr nur der Künstler, sondern auch die Eventplanerin, das Beschaffungsmanagement und der Barista (sowie, nicht zuletzt: der Wissenschaftler).

Freilich geht es bei diesem aufgeblähten Kreativitätsbegriff oft genug nur noch um Algorithmen, also vermeintlich unkonventionelle, innovative Techniken der Lösungsfindung für organisatorische und prozedurale Probleme. Also um die Frage: Wie räume ich am schnellsten ein Regal ein? Und nicht mehr um die Erschaffung von Gegenwelten, wie wir sie von der Kunst erwarten.

Doch es bleibt die Sehnsucht nach Schönheit, und es gibt in der Tat eine neue gesellschaftliche Diskussion um Schönheit, Schönheit im Alltäglichen und wo man sie finde, zum Beispiel im Brutalismus, jener rohen Betonbaukunst, für welche die Zürcher Hardbrücke als ein Beispiel gelten mag, jedenfalls wenn man sie als Fussgänger von unten betrachtet. Der Brutalismus, nach seinen Blütezeiten in den Sechziger- und Siebzigerjahren lange verfemt, wird plötzlich als kreativer Ausdruck eines radikalen und rebellischen Antidesigns verstanden, dessen Botschaft sich hervorragend über Instagram mitteilt und von unerschrockenen Millennials auch für die Gestaltung von Websites herangezogen wird.

Ohne Gegenwelt und Gegenwert

Der Brutalismus aber erinnert uns an eine wichtige Eigenschaft der Kreativität, die in ihrer gegenwärtigen Vermarktung unterzugehen droht: Ambivalenz. Es gibt eine Kreativität des Bösen, des Verbrechens, gerade in jenem operationellen Sinne, in dem Kreativität heute vorzüglich verstanden und als Eigenschaft des mittleren Managements verlangt wird. Es gibt auch eine Kreativität der Gier: Die Komposition komplexer Finanzderivate in den Jahren vor der Krise 2008 kann als kreativer Akt verstanden werden, ausgezeichnet durch «die euphorische Verbindung aus Informationstechnologie und Finanzkapital», wie es der Philosoph Joseph Vogl ausdrückt. Vogl erwähnt in diesem Zusammenhang in seinem Buch «Das Gespenst des Kapitals» ausserdem «die sublime Grösse unvorstellbarer Geldsummen», «ein Ökonomisch-Erhabenes, das in keiner sinnlichen Form aufgeht».

Mit dem «Erhabenen» zitiert er eine Kategorie der Kantischen Ästhetik, die ebenfalls der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich verwendet, zur Kennzeichnung jener zeitgenössischen Kunst, deren Erfolg sich nicht mehr im Museum, sondern auf dem Markt manifestiert, und Erfolg auf dem Markt heisst: hohe Preise. In einer faszinierenden Dynamik wird dabei der monströse Preis dem Kunstwerk quasi einverleibt, also ein Teil von ihm, denn, so Ullrich: Gerade das Verhältnis – oder eher: Missverhältnis – von Kunstwerk und Preis erzeuge ein Gefühl von Erhabenheit. Nur eben leider ohne Gegenwelt. Und Gegenwert.

4 Kommentare zu «Kreativität und Brutalität»

  • Sebastian sagt:

    Ja, die Ambivalenz. Und diese Ambivalenz ist untrennbar mit der Kontingenz verwoben. Seit Platon und den diesbezüglichen Fussnoten können wir nie, nie wissen, ob und wann das Böse in Menschengruppen wieder durchbricht und die Herrschaft gewinnt. Persönlich glaube ich zwar an das Gute im Menschen, aber wissen kann ich es nicht. Und ja, auch das Böse bedient sich der Kreativität und bringt sogar Blumen hervor. Aber vom Kern des Erhabenen dachte ich immer, dass es als Verstärkung des Schönen erst recht das Gute beinhaltet. Vielleicht bin ich zu stark meiner Kinderreligion verhaftet. Aber offenbar kann auch das Erhabene schrecklich oder schauderhaft sein. Nichtsdestotrotz wäre heutzutage das zivilisierte, aufgeklärte Kreieren doch ein gütiges Sollen und Tun und eben nur darum erhaben?

  • Nemesis sagt:

    Die konsumdebile Stumpfheit, die vitalprospektive Ignoranz und marktobsessive Zivilgesellschaftssklerose mutend in ihrer Fatalität mit Verlaub auch irgendwie erhaben an – freilich ebenso ohne einen Gegenwert. Ganz im Sinne Kants auch schaurig-schön; wenn man bedenkt, dass man selbst nicht mehr Gefahr laufen wird, deren Konsequenzen in ihrer ganzen Tiefe einmal ausbaden zu müssen. Ein wenig mehr existentielle Bodenhaftung täte wohl not.

  • Kristina sagt:

    Das Gespenst des Kapitals hat sehr wohl eine sinnliche Form. Sie nennt sich Black Friday. Oder ist das zu elitär?

    Wissen Sie, ich bin ziemlich froh, dass wir eine durchschnittliche Lebenserwartung von bald 130 Jahren haben werden und die Erfahrung von ganz vielen Menschen teilen können, Das ermöglicht eine ganz andere Sicht auf die Dinge. Dass Aesthetik einer Schablone folgt. Erhabenheit sich dem Haben entzieht und doch etwas ganz Intimes ist. Und vielleicht gefallen mir deswegen die Arbeiten des Rodin, allen voran die Menschen von Calais. Sie sind so gross, so erhaben.

    • Sebastian sagt:

      „Erhabenheit sich dem Haben entzieht und doch etwas ganz Intimes ist.“ Das gefällt mir. Vielleicht hätte es auch Richard Rorty gefallen.

      In der lateinischen Sprache heisst augustus erhaben, in der griechischen σεβαστός (sebastos). 🙂

Kommentar

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