Sinnvoll einkaufen

Über Konsum und Anstand.

Obszön und charakterlos: Manche Produkte oder ihr Preis sind einfach unanständig. (Montage: Laura Kaufmann)

Der bekannte österreichische Neurologe und Psychiater Viktor Frankl hat bereits Ende des letzten Jahrhunderts die Diagnose gestellt, dass die gesamte Welt (nicht nur die westliche) durch ein «pervasives Sinnlosigkeitsgefühl» gekennzeichnet sei, ein «Defizit von Sinnkonstruktionen». Zugleich konstatierte Frankl, dass in jedem Menschen eine Intention in Richtung des Göttlichen wirke, und dies heisst wohl auch, meine Damen und Herren: eine Sehnsucht nach Sinn.

Diese Sehnsucht ist umfassend und äussert sich in der spätmodernen Konsumgesellschaft, in der wir leben, eben auch (und nicht zuletzt) in Akten des Konsums. Es gibt heutzutage auf dem Markt eine Fülle von Produkten mit einem impliziten oder expliziten Sinnversprechen. Sinn kann einerseits suggeriert werden durch die ausgestellte moralische Tadellosigkeit des Herstellungsprozesses und Produktlebenszyklus, also, ungefähr: plastikfrei und nachhaltig, vegan und fair. Sodass der Konsum selbst als Signal praktizierter Tugend zu lesen wäre. Andererseits gibt es auch immer mehr Produkte, die ihrem eigentlichen Inhalt und Gehalt nach Sinnfindung und Sinnbildung versprechen, zum Beispiel Meditationslektionen im Abonnement per App. Der Medienwissenschaftler Jochen Hörisch spricht sogar von einem aktuellen «Über-Angebot an Sinn», einer Inflation der Sinn-Optionen. Von Atkins bis Zen.

Obszöne Preise und freie Präferenzen

Nicht sinnvoll hingegen erscheint es, und zwar weder für Ökonomen noch für Philosophen, den Sinn eines Produkts bzw. Konsumakts nach seinem Preis zu bemessen. Ich persönlich bin, wie Sie wissen (oder auch nicht), durchaus der Auffassung, dass manche Preise nur als obszön bezeichnet werden können, wobei «obszön» eine moralische Bewertung hinsichtlich des im Rahmen der Transaktion gelieferten objektiven Gegenwerts darstellt. Aber die Unterscheidung zwischen «Sinn» und «Moral» ist eben hier relevant: Wenn, zum Beispiel, eine Saint-Laurent-Jeans mit zwei oder drei künstlichen Rissen an der oberen Bahnhofstrasse in Zürich 590 Franken kostet, verliert sie vielleicht in meinen Augen als Jeans ihre Glaubwürdigkeit und versagt in ästhetischer Hinsicht, wird also kitschig, geformt nach einem Mittelklassengeschmack, dessen Hauptrichtung nach Russell Lynes, dem Kunsthistoriker und legendären Herausgeber von «Harper’s Magazine» (nicht zu verwechseln mit «Harper’s Bazaar»), seit jeher darin besteht, so inoffensiv und charakterlos wie möglich aufzutreten. Dafür hat Yves Saint Lauren nicht gekämpft!

So ein Preis ist also in meinen Augen unmoralisch, auch falls er keine ökologischen und/oder sozialen Ausbeutungsverhältnisse zementiert, wie das übrigens nicht selten bei Textilien am anderen Ende der Preisskala der Fall ist; insofern kann auch ein zu geringer Preis durchaus obszön sein. Gar nichts zu tun hingegen hat damit die Frage: Kann man sein Geld sinnvoller ausgeben als für besagte Saint-Laurent-Jeans? Denn dies ist eine Frage der individuellen Präferenzen, und die sind in einer freien Gesellschaft eben zum Glück: frei.

6 Kommentare zu «Sinnvoll einkaufen»

  • Rolf Leemann sagt:

    Es muss sein: endlich mal ein dickes Lob für Ihre frischen, erfrischenden Zeilen, lieber Herr Tingler!
    Zum Thema Markt, Sinn und Moral: Warum scheint sich niemand für die Werbung zu interessieren, die VW in den US vor dem Skandal geschaltet hat?
    Ein schöner grosser Neger, pardon Schwarzer, äh, Afroamerikaner atmet
    nahe an einem Auspuff ein, und gibt sein Statement zu Umweltfreundlich-
    keit und Reinheit des Wagens ab. Umweltfreundlich und rassistisch vorurteils-
    los, grün und progressiv. Keiner der weissen Gelackmeierten („Neger“) von
    heite will die Obszönität solcher Werbung diskutieren. Weil man den Rassismus-
    vorwurf fürchten muss? So funktioniert Werbung (so mancher Grossfirmen) heute: Perfekt. Obszön. Unsere sauberen Wagen für die upward-mobilen Aframs.

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