Macron, Merkel und Make-up

Über die Symbolik von Ausgaben.

Sündhafte Eitelkeit versus tugendhafte Konsumabstinenz: Emmanuel Macron und Angela Merkel. (Montage: Laura Kaufmann)

Können Sie sich noch an den Hashtag «coiffeurgate» erinnern, meine Damen und Herren? Das war letzten Sommer, als eine leicht konsternierte Öffentlichkeit erfuhr, dass der damalige französische Präsident François Hollande einen Coiffeur im Bereitschaftsdienst hielt, für rund 10’000 Euro im Monat. Und nun? Haben wir einen neuen Hashtag: «maquillagegate» (#makeupgate): Der aktuelle französische Präsident Emmanuel Macron zahlte laut Meldung von AFP in den ersten drei Monaten seiner Amtszeit seiner Chefvisagistin 26’000 Euro. Es regte sich Empörung, die Ausgaben wurden als «unanständig» bezeichnet, und das Büro des Präsidenten gab bekannt, die Aufwendungen für Make-up sollen künftig «deutlich gesenkt» werden.

«Unanständig» ist eine moralische Vokabel; wir haben es also hier mit der moralischen Bewertung von Konsum zu tun. So sehr die Ich-Verwirklichung als Konsumziel der Wettbewerbsgesellschaft gilt und also legitim ist, so sehr scheint doch auch Adornos Aphorismus «Bei vielen Menschen ist es bereits eine Unverschämtheit, wenn sie Ich sagen» ins Spiel zu kommen, sobald von Repräsentationsaufwendungen in der Demokratie die Rede ist. Geht es um den verschwenderischen Umgang mit Steuergeldern? Nun, Steuergelder werden auch für Blumendekorationen und silbernes Puiforcat-Besteck im Elysée-Palast aufgewendet. Es geht eher um was anderes, nämlich um die Symbolik von Ausgaben, die wiederum die Moral auf den Plan ruft.

Sündhafte Eitelkeiten

Um diese Dynamik zu bezeichnen, könnte man analog zum Kunsthistoriker Aby Warburg sagen, dass Akte des Geltungskonsums im politischen Betrieb zwar in der Regel in Funktionen der Liturgie, der Repräsentation, der Reklame und der Selbstsicht eingebunden sind, jedoch genuin die Fähigkeit besitzen, diese bedingenden Faktoren zu unterlaufen oder gar subversiv in ihr Gegenteil zu verkehren. Das wäre dann, nun wiederum in Analogie zu dem, was Jacob Burckhardt über die Kunst in den «Weltgeschichtlichen Betrachtungen» schreibt, die Rolle des Konsums als «ewiger Verräter»: Verräter einer Psyche, die Eitelkeiten pflegt, – und Eitelkeit ist auch in unserer spätmodernen Zeit immer noch sündhaft. Jedenfalls für Repräsentanten des Volkswillens.

Ich möchte behaupten: Ein Teil des Erfolgs von Frau Merkel kommt von ihrer Konsumabstinenz, daher, dass sie glaubwürdig uneitel ist, daher, dass man sich auch in wildesten Fantasien nicht vorstellen kann, dass sie 26’000 Euro für eine Visagistin ausgibt. An Frau Merkel hat sich vielmehr schon Karl Lagerfeld die Zähne ausgebissen, der sie neu anziehen wollte, wofür sie keine Zeit hatte. Keine Zeit! Wie super ist das denn, wenn jemand heutzutage für ein Styling keine Zeit hat! Verschönerungsversuche prallen an Angelas quasisozialistischer Hosenanzugsuniform ab wie die von Querulantenhand geschleuderten Tomaten. So ist die Wahrscheinlichkeit ihrer erneuten Wiederwahl grösser als die Wahrscheinlichkeit, dass François Hollande sich auch ausser Diensten weiter die wenigen verbliebenen Haare tönt. Also nahe an einhundert Prozent.

11 Kommentare zu «Macron, Merkel und Make-up»

  • Beat Schenker sagt:

    Was für ein Vergleich?
    Frau Merkel hat das doch überhaupt nicht nötig weder für Ihren Status noch für Ihre Präsenz, schliesslich ist Sie ja kein Französischer Sonnenkönig?

  • Ästhet sagt:

    Nein, kann ich mir nicht vorstellen, denn im Fall von Frau Merkel bringt diese Investition nichts.

  • Eduardo sagt:

    Ich habe es bis zum letzten, endlich völlig verständlichen Absatz geschafft. Macht der Herr Dr. Tingler hier diskret moralische Wahlwerbung für die Frau Dr. Merkel? 😉

Kommentar

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