Facetime überall?

Über den laufenden Verfall der Sitten.

Montage: Nathalie Blaser

«Economy is the art of making the most of life. The love of economy is the root of all virtue.» (Ökonomie ist die Kunst, das Beste aus seinem Leben zu machen. Die Liebe zur Ökonomie ist die Wurzel aller Tugend.) Dieses Zitat, meine Damen und Herren, verdanken wir dem bekannten irischen Dramatiker George Bernard Shaw, übrigens einem Mitbegründer der London School of Economics. Man muss nun nicht einmal ein besonders tiefes philosophisches Wasser sein, um zu realisieren, dass «the love of economy» das eigentliche Gegenteil jener überkonsumtiven Einstellung repräsentiert, die unsere Tage kennzeichnet: Everything now, das scheint das Motto der Gegenwart zu sein.

Umgangsformen wandeln sich

Besagte Einstellung äussert sich auch im zwischenmenschlichen Bereich: Die Ökonomie wirkt stets auch auf die Umgangsform. Zum Beispiel verzeichnen wir eine drastische Zunahme von Facetime-Konversationen im öffentlichen Raum: Man will die Leute, mit denen man telefoniert, offenbar nicht nur hören, sondern sie auch sehen. Everything now. Dabei war doch gerade der Umstand, dass man sich eben nicht sieht, stets einer der grössten Vorteile des guten alten Telefons, wenn Sie mich fragen.

Mikro-Aggressivität

Eventuell gibt es keine deutlichere Versinnbildlichung des zeitgenössischen Manierenverfalls als dieses Phänomen: Facetime While Walking (FWW). Also: Jemand videotelefoniert mit seinem Smartphone, während er (oder sie) sich gleichzeitig durch den öffentlichen Raum bewegt. Ein Verhalten, das ich in seiner Selbstbezüglichkeit und Abschottung gern als mikro-aggressiv bezeichnen möchte. Schlimmer als Kauen mit offenem Mund. Und zwar nicht nur, weil die störenden Emissionen und Immissionen für die Umwelt bei Videotelefonie eben noch höher sind als bei klassischen Telefongesprächen. Sondern vor allem wegen der Attitüde der Abgewandtheit, die sich in jenem Verhalten ausdrückt. Abgewandtheit von der Welt ist schliesslich das, was den Grundstein für schlechte Manieren legt.

13 Kommentare zu «Facetime überall?»

  • Samuel Müller sagt:

    Ich empfinde es als (makro-)aggressiv, wenn sich Leute über Leute aufregen, die mit anderen Leuten reden. Zu Ende gedacht, müsste man Konversation im öffentlichen Raum verpönen. Denn man kann sich mit ebenso gutem Recht über analoge Gespräche, deren ungewollter Zeuge man wird, aufregen. Etwas mehr Gelassenheit, bitte.

  • Michael Stucker sagt:

    Was ist Facetime? Auch so eine Art WhatsApp, oder vergleichbar? Ich habe das gar nicht auf meinem Handy.

  • Hanspeter Amstutz sagt:

    Die Feststellung, dass gut ein Drittel der Passanten dauernd mit dem Handy beschäftigt ist und es offenbar nicht schafft, einige Minuten offline zu sein, gibt schon zu denken. Medienfachleute winken ab und beruhigen, es sei alles nur halb so schlimm. Nachrichtensüchtig seien nur die wenigsten. Die Frage ist nur, wo man die Grenzlinie zwischen gesundem Informationsbedürfnis und geistlosem Nachrichtenkonsum zieht. Ich finde, dass nüchtern betrachtet die gegenwärtige Entwicklung ziemlich unerfreulich ist.

  • Maura Hailey sagt:

    Ein guter und treffender Kommentar; danke. Ich habe aufgehört, mich schuldig oder ‚altmodisch‘ zu fühlen, wenn ich diesen ‚Walking bulldozers‘ entgegne. Im Tram, auf dem Velo, in der Natur höre ich so viel Bla Bla, was ich unglaublich übergriffig finde – und äussere mich heute. Weil es ‚Zeitgeist‘ sein soll, jedoch nicht ist, habe ich eine Verantwortung, mich persönlich damit zu vefassen und-wenn angebracht-zu reagieren. Wir lassen aus Bequemlichkeit so vieles durch!

  • Meier sagt:

    Das Video stört mich ja als Unebteiligter weniger, als vielmehr der Umstand, dass aufgrund der Technik die Lautstärke steigt. Aber, wenn sich 2 Menschen in der Öffentlichkeit unterhalten, ist es dann leiser? In einem Zug voller wanderfreudiger Rentner sicher nicht. Ich bin selber nicht sicher, ob der Dialog letztlich nicht natürlicher ist, als wenn man nur einer Seite zuhören muss. Und immerhin sprechen da ja noch 2 Menschen miteinander. Ist doch eine gute Sitte. Mir hat mal ein Ire erzählt, dass es ihn befremdet, wie still es morgens in Berlin in der U-Bahn ist, dass sich niemand unterhält.

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