Dicke Haube, dicke Hose?

Nicht mehr das Auto macht den Status der Männer aus, sondern ihr Mobilitätsverhalten.

Ein Mann, ein Auto: Daniel Craig in der Rolle als James Bond mit dem Aston Martin DB5. Foto: PD

In einer Welt, in der Individualität zu einem Glücksversprechen geworden ist, mit dem sich Waren aufladen und verkaufen lassen, ist das Auto ein wichtiger Symbolträger. Denn eine Identität ist schliesslich keine Identität, wenn sie nicht mit anderen geteilt und zumindest partiell von anderen bestätigt wird. Deshalb braucht der Mensch zur Ichdarstellung Dinge mit symbolischem Wert.

Hier besitzt das Auto als Ding nicht nur einen physischen, sondern auch einen virtuellen Körper, also eine symbolische Präsenz. Der spätmoderne Mensch kann für seine Rollenkonstruktion zurückgreifen auf eine breite Palette an symbolischen Repräsentationen des Automobils. Früher sprach man von Fahrerklischees. Sie wissen schon: dicke Hose, dicke Haube. Jetzt mal so vereinfachend.

Das Ende der Imponierkarosserie

Das war einmal. Und in Zukunft? Wird dem Fahrer die Steuerung dieser symbolischen Präsenz buchstäblich abgenommen. In nicht allzu ferner Zukunft wird nämlich Ihr Ferrari nicht nur für jedes Kätzchen bremsen und ganz leise autonom anfahren, meine Damen und Herren, sondern auch noch – während Sie bei Goldman Sachs im Virtual Trading Room schuften – autonom Ihre Schwiegermutter abholen und zum Bridge fahren.


Ein eigenes Auto ist bald nicht mehr «The one thing I need»: Proto-Mann James Bond in «Spectre» (Youtube)

Dazu kommt, dass neue Technologien in der Tat nicht nur neue Sichtweisen, sondern auch neue Formen der Gestaltung erlauben. Etwa weil die üblichen Motoren wegfallen. Klassische Imponierkarosserieformen, die zum Beispiel mit langer Haube oder breitem Kühler auf Imposanz angelegt sind, können dann nicht einmal mehr theoretisch ingenieurstechnisch gerechtfertigt werden.

Die Form folgt der Funktion eben nur bedingt beim Auto; die Form folgt vielmehr dem Stand der Technik. Die Elektromobilität beispielsweise macht mit Batterie und kleinerem Motor ganz neue Spielräume möglich, unter anderem, weil man kein Schaltgetriebe braucht.

Besitz wird zum Luxus

Das hat natürlich Folgen für das Verhältnis des Fahrers zu seinem Wagen, das man wiederum kulturanthropologisch als eine identitätsstiftende Objektbeziehung auffassen würde. Dazu ändern obendrein neue Mobilitätsmodelle die Bindung zwischen Fahrer und Auto, Auto und Eigentümer, wenn, gerade in urbanen Ballungsräumen, das Auto von mobilen Millennials weniger als Statussymbol und Persönlichkeitsprothese gesehen wird denn schlicht als Fortbewegungsmittel. Und zwar als eine Mobilitätsoption in einem ganzen Portfolio von Möglichkeiten, von neuen Mobilitäts- und Geschäftsmodellen, zu denen Konzepte wie Car Sharing oder Pooling gehören.

Durchschnittlich steht ein Wagen heute so ungefähr 22 Stunden am Tag in der Garage (oder am Strassenrand) – ein selbstfahrendes Auto dagegen kann ständig unterwegs sein. Das heisst: Parkraum wird vermehrt verfügbar.

Was dagegen zu einem immer grösseren Luxus aufsteigen wird, ist der Alleinbesitz eines Fahrzeugs. Mit all seinen Implikationen der Identifikation und Repräsentation. Der Fahrer richtet sein Distinktionsbedürfnis nicht mehr auf den Wagen, sondern auf sein Mobilitätsverhalten: nachhaltig, ressourcenschonend, sozialverträglich.

15 Kommentare zu «Dicke Haube, dicke Hose?»

  • Sebastian sagt:

    Der Bauernbub Sebastian fuhr gern Traktor, einen Ford 3000. Die Kupplung war mit viel Kraft zu drücken. Anstrengend war es auch, den Gang zu wechseln. Sebastian liebte es, die Maschinen an der Zapfwelle oder an der Hydraulik anzuschliessen, damit er heuen und die Pflanzen spritzen konnte. Die Fahrt auf dem Traktor war oft ruppig. Durch den ganzen Traktor zog der Fahrtwind, weil die Rückseite offen war und die Seitentüren zumeist auch. Musste Sebastian einen zweiachsigen Anhänger rückwärts um die Ecke in die Scheune lenken, gelang ihm das meistens nicht auf Anhieb, was ihm Schimpf des Vaters eintrug. Auch selbstfahrende Traktoren und Spritzdrohnen sind Zukunft. Aber dann hätte Sebastian nicht mehr viel gespürt, mit den Augen, mit Händen und Füssen, mit seinem ganzen Körper. Schade.

  • Nicolas sagt:

    Also grosser Narr von Autos und Motorrädern, trauere ich dem zukünftigen Entwicklungsstopp des Verbrennungsmotor bereits jetzt nach. Eine Zukunftsperspektive ohne „Motoren“ die ich bereits als kleiner Junge hatte und die mich jetzt mit der ganzen Elektroauto und Carsharing Mentalität wieder einholt. Ich möchte jedenfalls mein persönliches Auto nicht freiwillig gegen ein öffentliches Verkehrsmittel eintauschen, auch wenn dies finanziell attraktiver sein sollte. Die Freiheit mit meinem selbst gewählten Fahrzeug dorthin zu fahren wann und wo es mir JETZT gerade passt, ist eben unbezahlbar. Ich denke auch das wir nicht generell ein Problem mit der Mobilität haben, sondern mit der weltweiten unkontrollierten Überbevölkerung, welche uns noch ganz andere Probleme bescheren wird.

  • Mona sagt:

    Dann sind wenigstens nicht die Frauen für die ‚Entmannung‘ schuld, sondern das Auto.

  • Kristina sagt:

    Da klingt ein bisschen Wehmut mit. Traurig, die Modellautos veräußert zu haben?

  • Dimitri Papadopoulos sagt:

    Bin vielleicht altmodisch und ein unverbesserlicher Individualist, aber für mich ist ein Auto mehr als nur ein Mittel um von A nach B zu kommen.

    Für mich ist ein Auto auch Freiheit und Selbstbestimmung. Ich muss nicht erst einmal nachschauen wann und wo was eventuell verfügbar ist und mir überlegen wieviel Kilometer ich fahren will und wann ich es zurückgeben muss, sondern ich habe mein eigenes Auto. Ich fahre damit wann ich will wohin ich will mit wem ich will und wie ich will.

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.