Schwarze Pisten für Hansi

skioutfit1(Ozone Ferd)

Wenn man in Gstaad ist, empfiehlt sich nach dem Wintersport (oder auch anstelle desselben) ein Besuch auf dem Wasserngrat-Gipfel auf 1900 Metern, wo man ein herrliches Panorama geniesst und dazu einen Kaffee mit Schnaps, entweder im Eagle-Clubhaus oder im Bergrestaurant, jenachdem, welchem Milieu man sich zurechnet. Für ebendiesen Kaffee war ich mit Richie verabredet, dem besten Ehemann von allen. Wir trafen uns in der Lobby des Palace Hotel, wo wir abgestiegen waren, und als Richie mich sah, erstarrte er für einen winzigen Moment. «Ehm … du wirkst etwas … flamboyant», raunte er. «Wieso denn», fragte ich, «ich bin doch bloss bergtauglich» In der Tat trug ich eine riesige Ralph-Lauren-Antarktisjacke mit pelzgesäumter Kapuze, dazu verspiegelte Ray-Ban-Aviators und Camouflage-Cargo-Hosen von Carhartt. Und in der Tat reagierten die Leute auf dem Sessellift wie Japaner beim Anblick von Godzilla.

Woraus wir schon mal eine wichtige Regel des Pistendresscodes ableiten können: Man muss den Ortsgeist beachten. Will sagen: In St. Moritz wäre ich mit Pelzkragen und Spiegelsonnenbrille durchgekommen, in Gstaad wirkte ich fehl am Platz. Gstaad ist, wie Klosters, Val-d’Isère, Lech und Zermatt – und im Gegensatz zu St. Moritz, Ischgl und Courchevel – immer noch eine eher konservative, sportorientierte Winterdestination, und wer sich hier auf (oder jenseits) der Piste bewegt, egal ob sie blau, rot oder schwarz ist, fährt immer noch am besten mit den klassischen Wintersportfarben: Rot und Blau. Wenn man sich dazu noch den uralten Rossignol-Pullover mit dem R auf der Brust überstreift, kann nichts passieren.

Dieser in den Sechzigerjahren kulturell definierte James-Bond-Pink-Panther-Cortina-d’Ampezzo-Pistenchic mit Bruststreifen, figurbetonten Schnitten, abgesetzten Schultern und allerhöchstens diskreten Mustern wurde als leicht ironisiertes Versatzstück auch von der Snowboard-Mode aufgenommen, die den Auftritt im Schnee in der letzten Dekade entscheidend beeinflusst hat und sich ansonsten gerade durch das Gegenteil von Zurückhaltung auszeichnete: Leuchtfarben, Reptilprägungen, Surfer-Blumenranken, locker sitzende Skihosen, die aussehen wie Jeans, und dazu futuristische Skibrillen mit integriertem MP3-Player – Snowboarden wurde zu einer Art Pisten-Hip-Hop, übrigens mit der strikten Altersbegrenzung, die für Zebramuster, Hawaii-Arabesken und laute Farben nun mal gilt: 25. Okay: 28. 30 tops.

Aber Snowboarden ist am Aussterben – oder jedenfalls am Zurückfallen, denn man fährt wieder Ski, und zwar Freestyle Ski oder, kurz: Freeski. Das sind diese Skier, die ziemlich kurz und an beiden Enden aufgebogen sind (sogenannte Twin-tip Skis), und man fährt mit ihnen nicht, wie wir das früher gelernt haben: mit den Brettern so nah wie möglich beieinander, schön wedeln, Stock-Kurve-Stock; nein, man fährt breitbeinig, hält die Stöcke in der Hüfte, springt, zischt rückwärts über Buckelpisten – oder gleich in die Half Pipe. Und mit dem Freeski zurück kam das Stilgebot der Funktionalität, das dieser Richtung zugrunde liegt. Auch wenn mehr und mehr Snowboarder das Freeskiing kapern. Und natürlich gibt es auch noch Hardcore Snowboarder, Snowboarding ist schon noch cool geblieben, aber die Coolsten machen eigentlich beides. Mit dem Snowboard durch Pulverschnee ist eben unschlagbar.

Die ersten Freeski-Fahrer prägten also ein nüchternes Auftreten, was jeder Altersgruppe steht: gedeckte Farben, Protektoren, Helme, enganliegende Garderobe aus atmungsaktiven und wetterabweisenden High-Tech-Materialien mit verschweissten, wasserdichten Nähten und Abriebschutz an Ellbogen und Schultern. Getragen von der Erkenntnis, dass ein Outdoor-Outfit, in dem man schwitzt oder friert oder das bei der ersten kleinen Schneeböe gleich den Geist aufgibt, den Wintersportler nackt und angreifbar macht – wie eine Stewardess ohne Make-up. Darüber hinaus haben Freeski-Fahrer immer einen Rucksack dabei. Was ist da drin? Bitte schreiben Sie mir.

Aber nun hat sich die Freeski-Mode ein bisschen mit dem Snowboarding-Stil vermischt zu einer Art Mash-up, und das sieht ganz OK aus, sofern man unter 25 ist. Okay: unter 28. – Doch natürlich braucht, wer grundsätzlich nur bei schönem Wetter auf breit gewalzten Pisten unterwegs ist, keine Captain-Future-Ausstattung, und natürlich stirbt auch der Typ Hansi Hinterseer nicht aus, Sie wissen schon: die zeitlos braungebrannte Sorte, der Skilehrer-Schrägstrich-Naturbursche, mit einteiligem Skianzug, Neopren-Bündchen und Sonnenbrille, die Frisur eine Mischung aus dem frühen Sascha Hehn und der späten Linda Evans. Apropos Krystle Carrington: Wir haben in diesem Magazin ja schon gelegentlich festgestellt, dass Pelz für Männer immer heikel ist, und dies gilt natürlich auch – und sogar ganz besonders – auf der Piste. Pelz trägt der Herr von Welt höchstens als Zuschauer beim Hahnenkamm-Rennen in Kitzbühel. Am besten aber geben Sie Ihren Zobel im «GreenGo» oder im «Les Caves» an der Garderobe ab – und lassen ihn hängen. So wie ich das mit dem Monster von Ralph Lauren gemacht habe. OK: Machen werde. Nächstes Jahr. Aus der Bahn, Luis Trenker!

Im Bild oben: Captain Future lässt grüssen. (Quelle: Flickr / Ozone Ferd)