Originalität macht noch keine Kunst

Wenn sich biedere Leute für unkonventionell halten.

Originell, aber kein Künstler: Donald Trump mit Maske. Foto: Chris O’Meara (Keystone)

«Nur wo das Ich eine Aufgabe ist, hat es einen Sinn, zu schreiben», hat Thomas Mann festgestellt, meine Damen und Herren, und er hat recht in dieser typischen Thomas-Mann-Art, im grossen, grundsätzlichen Sinn.

Und in dieser typischen Thomas-Mann-Denkweise kann ihm dabei auch keinesfalls jene hermetische Innerlichkeits-Schrottprosa vorgeschwebt haben, mit der wir es heute im Literaturbetrieb, zumal dem deutschsprachigen, leider so häufig zu tun haben. Wo unmassgebliche Privatgeschichten und Privatzustände ausgebreitet werden, wo es nur ums Ich geht, wo die Welt bloss als Spiegel dient.

Literatur als ironische Weltumarmung

Das ist das genaue Gegenstück zu einer Art von Literatur, wie sie beispielsweise Goethe vorgelebt hat, das mythische Vorbild Thomas Manns, nämlich einer Literatur der ironischen Weltumarmung. Denn letztlich bietet sich das Goethesche Existenzbild so dar: Die Identität von Geist und Natur, Gott und Schöpfung, Wille und Vorstellung, das pantheistische Eins in Allem, Alles in Einem tritt als Konsequenz einer Überzeugung auf, nach der die tiefste Schicht der menschlichen Natur, jenes ganz Primäre und Absolute, in dem alles eigentlich Benennbare des Wesens erst wurzelt, ein Gefühl von dem elementaren und den Menschen selbst einschliessenden Zusammenhang allen Seins ist.

Das wollen wir mal festhalten. Und Thomas Mann? Nun, für den Verfasser des «Tonio Kröger» bestand die Wesensrichtung des Künstlers darin, in allem, was er tat, schuf und äusserte, seine Persönlichkeit zu entwickeln. Philosophischer könnte man sagen: Der Gegensatz zwischen der inneren Anschauung und dem äusseren Objekt ist für Thomas Mann in der künstlerischen Existenz restlos aufgehoben.

Das Selbst ist eine Insel

Nun gibt es, allgemein, wenig Schlimmeres als biedere Leute, die sich für unkonventionell halten – ein Schlag übrigens, der durch Geist und Stimmung unserer Zeit besonders gefördert wird. Denn das Selbst, assoziiert mit Heidegger-Vokabeln wie Eigentlichkeit, mit wahrer Identität, mit dem, was uns in Wirklichkeit ausmache, – dieses Selbst gilt dem durch Multioptionsstress gebeutelten Individuum als letzter sicherer Rückzugsort in der gnadenlosen Non-stop-Transparenzgesellschaft.

Das Selbst ist eine Insel, zu besiedeln, zu kultivieren, mit bestimmten Ritualen und Inszenierungspraktiken, die nicht zuletzt die Werbung bedient: Badeperlen, Kräutertee. Gerne zitiere ich wieder einmal den Soziologen Georg Simmel: Die tiefsten Probleme des modernen Lebens quellen aus dem Anspruch des Individuums, die Selbständigkeit und Eigenart seines Daseins gegen die Übermächte der Gesellschaft, des geschichtlich Ererbten, der äusserlichen Kultur und Technik des Lebens zu bewahren. Das wollen wir mal festhalten.

Kunst kennt keine Scheu vor der Konvention

Ich wiederhole: Es gibt, allgemein, wenig Schlimmeres als biedere Leute, die sich für unkonventionell halten – und als vermeintliche Schriftsteller sind solche Erscheinungen besonders peinlich. Grosse Künstler haben demgegenüber keine Scheu vor der Konvention. Originalität ist per se kein Kriterium von und für Kunst, weder notwendig noch hinreichend, sonst wäre Donald Trump ein Künstler. Oder Geert Wilders.

Denn was immer man gegen sie vorbringt, niemand kann abstreiten, dass diese Figuren leidlich originell sind; ja, es wird gelegentlich festgestellt, auch in dieser Kolumne, dass der Politikstil des neuen Populismus nicht wenig von der klassischen Aktionskunst und Strategie der künstlerischen Avantgarde der Moderne sich zueigen macht: Provokation, Tabubruch, Grenzüberschreitungen, Aussenseiterrolle, Selbstbezug und Selbstentblössung, Reduktion. Das alles ist unkonventionell, aber keine Kunst. Sofern man eine Grenzmauer nicht als Installation begreift.

6 Kommentare zu «Originalität macht noch keine Kunst»

  • Jean Liebchen sagt:

    Habe mal in einem Roman von Dr. Ph. Tingler gelesen, dachte dann aber, dass es doch zu seicht und plakativ sei. Hier nun das Gegenteil. Grossartig, so verkopft! Ohne Philosophie- und Literaturstudium versteht man das nicht.

  • Peter Aletsch sagt:

    Finde Unkonventionaliät nicht lächerlich, ärgerlich oder fürchterlich vor allem bei Künstlern, Literaten und Politikern, die ja in der absoluten Minderheit sind, sondern bei unbekannteren Zeitgenossen, die ihre ‚Originalität‘ mit Tätowierungen und Kinds-Namesgebnungen wie ‚J‘ öffentlich darstellen wollen. Ist auf Dauer so interessant und gesund wie eine Katze, die statt Mäuse Kekse frisst.

  • Martin sagt:

    Ich musste mich während meiner Schulzeit auch teilweise mit Literaturgeschichte herumschlagen und zwangsläufig waren da viele Werke verschiedener Schriftsteller aus verschiedenen Epochen dabei. Schon damals kam ich zum Schluss: Umso moderner um so gestörter. Dies kann man auch in der restlichen Kunstwelt beobachten. Picasso, Monet, Van Gogh usw. brachen Konventionen und Regeln. Malten draussen, kein goldener Schnitt, eigene Malstile. Auch bei Filmen kann dies beobachtet werden. In der Politik mündet es heute in der abstrusen Vorstellung, man müsse eine Multikulti Gesellschaft haben, da alle Regeln der eigenen Kultur gebrochen wurden. Da finde ich es gut, wenn ein Wilders oder Trump auftauchen, um Ordnung zu schaffen.

  • Martin sagt:

    In der Politik wird heute, das ist vor allem eine Schweizer Eigenart, wegen jedem Mist gleich ein Vertrag ausgehandelt. Linke Parteien argumentieren permanent mit Menschenrechten; kaum einer der Linken hat diese je gelesen und auch verstanden! Es werden Ideen nach einer Energiewende laut, aber leider lässt sich die Physik nicht überlisten. Wir leben heute in einer Welt, wo jeder dank dem Internet ein „Star“ sein kann und jeder Politiker versucht sich ein Denkmal zu setzen und sei es mit noch so blöden Ideen. Es bleibt bloss zu sagen: Sapere aude!

  • Meinrad sagt:

    Zu Goethe: „… jenes ganz Primäre und Absolute, in dem alles eigentlich Benennbare des Wesens erst wurzelt, ein Gefühl von dem elementaren und den Menschen selbst einschliessenden Zusammenhang allen Seins ist.“ Es seien zwei platte Einwände erlaubt: das Absolute und das Sein sind Begriffe, die überschiessen, die selbst das Transzendente übersteigen. Meine Sympathie für diese Begriffe ist verschwunden, auch in philosophie-geschichtlicher Hinsicht.

    Zu Thomas Mann: „Der Gegensatz zwischen der inneren Anschauung und dem äusseren Objekt ist für Thomas Mann in der künstlerischen Existenz restlos aufgehoben.“ Das klingt für mich viel sympathischer. Indes gestehe ich, von Thomas Mann keine Ahnung zu haben. Aber was hält Mann vom Gegensatz zwischen den Künstlern und den Nicht-Künstlern?

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