Schamlos

Freiheit durch Scheinwerferlicht?

Geht offen mit ihrem Gewicht um: Whitney Thore. Foto: Screenshot Youtube

Wir stellen in dieser Rubrik immer wieder fest, meine Damen und Herren, dass der Diskurs der Innerlichkeit, des Psychischen, der Selbstfindung einer der gesellschaftlichen Leitdiskurse unserer Zeit ist. Gerade in unserer spätmodernen, post-metaphysischen Gegenwart wird das Ich als die letzte Sinnprovinz der eigenen Existenz zelebriert.

Interessanterweise aber vollzieht sich diese Bewegung nach innen zeitgleich mit einer Bewegung nach aussen: Dem Körper kommt heute, in unserer Ära der Bildlichkeit, wieder eine symbolische Bedeutung zu wie zuletzt in vormodernen Zeiten; der Körper wird gleichsam das entscheidende Repräsentativum der Person. (Jedenfalls in gewissen Milieus, die popkulturell bedeutsam sind.) Ungefähr wie bei Richard III. Gesund oder krank, bezaubernd oder unattraktiv, gepflegt oder verkommen, schlank oder dick auszusehen, wird der Person als Ausdruck innerer Wesensmerkmale angerechnet, als Verdienst oder Makel des eigenen Seins: Du bist so, wie du aussiehst. Da kannst du noch so sehr auf deine Innerlichkeit verweisen.

Soziale Abschottung

Nun ist der Körper von jeher, neben Persönlichkeit und Status, ein wichtiger Bezugspunkt sozialer Schamgefühle. Und von jeher sind Menschen aufgrund ihrer physischen Natürlichkeit beschämt worden, sofern ebendiese Natürlichkeit als ein Versagen vor gesellschaftlichen Leistungs- oder Erscheinungsnormen erschien. Neu ist allerdings die Moralisierung von Beschämungen, zum Beispiel bei Übergewicht über das Argument der Gesundheit.

Und neu ist auch die Reaktion der Beschämten in der spätmodernen Mediengesellschaft. Scham und Beschämung verhalten sich ja zueinander wie Demut und Demütigung. Beschämungen verändern über die symbolische Gewalt stigmatisierender Bewertungen die Machtgefüge in sozialen Interaktionen, indem sie den Beschämten herabsetzt, der im Empfinden der Scham gewissermassen die eigene Unterordnung anerkennt. Indem man sich schämt, teilt man die Fremdbewertung als Selbsteinschätzung und rechtfertigt seine Blossstellung als selbst verursacht. Der französische Philosoph Jean-Paul Sartre hat dazu gesagt: «Meine Scham ist ein Geständnis.» Beschämungen sind damit eine informelle Technik sozialer Abschottung. Und das hat auch stets funktioniert. Bis vor kurzem.

Ein Kunststück

Scham inspiriert Rückzugsverhalten, aber in der spätmodernen Mediengesellschaft inspiriert die rationalisierte Scham eben neu auch so etwas wie kontraphobische Extraversion, also das Heraustreten aus dem Schatten der Scham in den Kegel des Scheinwerfers, um die eigenen konventionellen Schwächen aggressiv zur Besichtigung freizugeben: Morbid übergewichtige Menschen kleiden sich in Latex und setzen sich in Talkshows und erklären, glücklich mit ihrem Körper zu sein, zum Beispiel. Hier scheint die Schamlosigkeit emanzipatorischen Charakter zu zeigen. Aber es liegt auch etwas Zivilisationsvernichtendes in ihr. Das emotionale Gegenstück zur Scham war früher Ehre, heute ist es Würde. Und Schamlosigkeit mit Würde zu vereinbaren, ist ein Kunststück, das eben meist nur grossen Künstlern gelingt.

25 Kommentare zu «Schamlos»

  • Sam Fuller sagt:

    Früher wurden Menschengruppen wegen sogenannt „Rassen-Merkmalen“ ausgegrenzt und ermordet, heute benutzt man die gleiche Strategie, aber nutzt sogenannt „kulturelle Merkmale“. So gesehen grassiert heute der Kulturalismus und viel weniger der Rassismus. Das wirkt zeitgemässer und logischer: Rassen-Theorien sind deutlich verfemter und besser widerlegt. Leider aber wird zu wenig realisiert, dass solchen Stigmataprozesse immer gleich ablaufen egal was genommen wird (ob Kultur oder Rasse…). Gefährlich bleibt es alleweil. Das demokratische und humanistische Weltbild beginnt vermehrt zu erodieren. Das macht mir Angst!

  • Carlos Mexito sagt:

    Den Satz finde ich interessant, aber ich glaube ich versteh ihn nicht ganz: „Das emotionale Gegenstück zur Scham war früher Ehre, heute ist es Würde.“
    Scham und Ehre, weil beides gesellschaftlich aufgesetzte Zustände waren, welche sogar noch weniger als heute vom Träger selbst beinflussbar waren? Und wieso Würde anstelle der Ehre heute? Ich les den Philipp immer gerne und hier wäre ich froh, wenn mir das jemand erklären könnte 🙂

    • Benjamin Kraus sagt:

      (Da mein Kommentar noch hängt in aller Kürze) Richtig CM, Ehre war sowohl erwerbbar (durch Tugendhaftigkeit) als auch veräusserlichbar. Der Ehrendiskurs wurde durch Christianisierung und dem Ende der Aristokratie (und deren bürgerliche Reste) durch den Würdediskurs ersetzt. Dabei ist „Würde“ ambivalent: Das althdt. „wirdî“ bedeutete ugf. dasselbe wie die veräusserliche „Ehre“, man kann sich unwürdig/unehrenhaft verhalten. Das lat. „dignitas“ hingegen bedeutet im christl. Kontext die un-veräusserliche Würde selbst des nackten Menschen (homo sacer qua creatura Dei) in seiner ganzen Scham (und Sündhaftigkeit). Letztere Bedeutung verkennt nach meinem Verstehen Herr Tingler in seinem letzten Absatz.

    • Meinrad sagt:

      Lieber Carlos, Scham ist unangenehm, durch den sozialen Kontext bedingt und wird als Minderwertigkeitsgefühl erlebt. Ehre ist die auf Selbstachtung beruhende und daher als unverzichtbar geltende Achtung, die der Mensch von Anderen beansprucht. Scham und Ehre sind also durch das gesellschaftliche Umfeld bedingt. Aber Scham ist emotional unlustbetont, Ehre emotional lustbetont. Scham ist unmittelbar nicht beeinflussbar, sobald das soziale Umfeld bestimmt ist. Seine Ehre kann der Träger bewusst fördern und damit sogar die Gesellschaft beeinflussen. Der Begriff der Würde ist moderner als der Begriff der Ehre. Mit Würde meint der Autor vielleicht nicht die staatlich gewährleistete Menschenwürde, denn unpolitisch betrachtet ist auch Würde individuell. (Quelle z.T. dtv-Brockhaus-Lexikon, 1984)

  • Benjamin Kraus sagt:

    Ein äusserst interessanter Text Herr Tingler, gestatten Sie mir einige Kommentare (Vorsicht longform!):
    Teil 1: Die Säkularisierung hat im Zuge der Modernisierung die Implosion der vertikalen Transzendenz in die horizontale Immmanenz zur Folge. Entsprechend suchte man den Sinn und das Heil nicht mehr im übermenschlich Idealen und Ewigen im Himmel und im Jenseits, sondern in funktionalen Äquivalenten im (allzu-)menschlich Materiellen und Geschichtlichen auf Erden und im Diesseits.

  • Benjamin Kraus sagt:

    Teil 2: Statt Gott also das Ich oder vielmehr der eigene Körper, statt das Seelenheil der heile Körper, also Fitness und Gesundheit. Und zusammen mit der Ersetzung statt Jenseits und Wiedergeburt die gesicherte Rente und der schöne Tod, könnte man sagen, dass „die unsichtbare Religion“ (Luckmann) unserer Tage das Ziel hat, dass, nachdem man „seine Schuldigkeit“ gegenüber „Vater“ Staat getan hat, also in Form von Arbeit „Busse“ leistete, man als fitter Individualist und Rentier sich in Müssiggang üben kann, bis man (womöglich autonom) einem schönen Tod entgegengeht.

  • Benjamin Kraus sagt:

    Teil 3: In diesem Sinne waren wir nie modern (Latour), wenn wir um unser Ich kreisten. Vielleicht war dies ein Atavismus aus der idealistischen Romantik, dem monastischen Christentum, der philosophischen Antike, oder ein notwendiger Narzissmus in Zeiten der Transformation und Ungewissheit, in Zeiten also in der man Orientierung sucht und sich selbst be- und hinterfragt.

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