Sei du selbst?

Lieber nicht!

Selbstfindung birgt Enttäuschungspotenzial: Was ist, wenn da nicht viel ist? (Bild: iStock)

Wir leben in einer Ära der Authentizität, meine Damen und Herren, wo «Sei du selbst» zur leitenden Maxime in sämtlichen Lebensbereichen avanciert zu sein scheint. Dahinter steht selbstverständlich die Idee, dass ein authentisches «Selbst» überhaupt existiere, im Sinne eines Apriori, eines faszinierenden, einzigartigen Wesenskerns, den es zu entdecken, freizulegen gelte, zum Beispiel durch Pilates oder Malen nach Zahlen. Diese spätmoderne Obsession mit dem Selbst erinnert bisweilen an die libidinöse Selbstliebe des kindlichen Ichs, und sie birgt Enttäuschungspotenzial: Was ist, wenn da nicht viel ist?

Die eine Möglichkeit wäre, dass die buddhistische Ansicht zuträfe, dass das Selbst eben, wie alles andere auch, über keinen fixen Kern verfüge, sondern im Flusse sei. Die andere Möglichkeit: Man entdeckt sein wahres Wesen – und ist desillusioniert. Es wäre ja denkbar, dass der tatsächliche Wesenskern sich einfach als nicht so interessant herausstellt, wie man das gerne hätte, also das persönliche Ich-Ideal unterbietet und damit nicht den Pfeilern der Selbststilisierung entspricht. Die Konformitätsnorm der Gegenwart ist der Individualismus, und so ist es für den Einzelnen peinlich und beschämend, wenn Leitbilder der eigenen Person, die wir in Interaktionen gewahrt oder bestätigt sehen möchten, nicht realisiert werden. Das dementiert die Identität, prätendiertes und aktuelles Ich geraten in Konflikt. Was dann? Am besten schnell weiterarbeiten, innen und aussen. So ungefähr lautete jedenfalls die Antwort in der protestantischen Tradition. Wobei anzumerken ist, dass die Vorstellung, dass es so was wie das unveränderliche wahre Selbst gäbe, also eine Art Muttergestein der Persönlichkeit, bestehend aus Überzeugungen und Fähigkeiten, natürlich dem inneren Wachstum nicht gerade dienlich ist.

Eine der letzten Zufluchten

Vielleicht hat diese spätmoderne Selbst-Metaphysik mit fehlender Verzauberung zu tun. Es ist keine neue These, dass die Natur als Objekt der Verzauberung mit der industriellen Revolution und dann schliesslich mit der Digitalen abgelöst wurde durch eine Ausrichtung auf das Innere. Das Ich und die Selbstfindung also als letzte Zuflucht. Oder eine der letzten. Manche Zeitgenossen fliehen vielleicht woanders hin, um verzaubert zu werden, zum Beispiel in die digitale Sphäre, deren hermetische Romantik sich Aussenstehenden verschliesst. Den Authentizitäts-Jüngern hingegen verschliesst sich eine ontologische Kondition: dass nämlich das menschliche Selbstbewusstsein auf die Wahrnehmung durch andere angewiesen und damit auch durch sie bildbar und verwundbar ist.

Wie also wäre es stattdessen mit etwas Selbsttranszendenz? Wäre doch gut, auch für den Diskurs. Denn, apropos Diskurs: Für die allermeisten von uns ist doch «Sei du selbst» tatsächlich eine fürchterliche Empfehlung. Denn was bedeutet Authentizität schliesslich in letzter Konsequenz? Jede Schranke zu schleifen zwischen dem, was man glaubt, und dem, was man sagt. Mit anderen Worten: Wenn wir alle authentisch wären, wird die Gesellschaft liquidiert.