Die Zeitung von gestern

Präfaktisch, sozusagen.
epa05624446 An African American child looks at election coverage on the front pages of today's newspapers on display outside the Newseum in Washington, DC, USA, 09 November 2016. The victory of Republican presidential candidate Donald Trump surprised many in the country after weeks of polling data appeared to indicate that Hillary Clinton was poised to win. EPA/MICHAEL REYNOLDS

Hinterher sind alle schlauer: US-Zeitungen nach der Wahl. Foto: Keystone

Trump, Trump, Trump. Die Presse überschlägt sich. Eine der besten Stellungnahmen zu Trump wurde, ausgerechnet, in der deutschen «Taz» zitiert, meine Damen und Herren, und zwar stammt sie von Filmemacher und Oscarpreisträger Michael Moore. Er war übrigens einer der wenigen Nicht-Trump-Unterstützer, der dessen Wahlsieg prophezeite und ansonsten inzwischen aussieht wie eine verrückte Katzenfrau, die schreiend mit sieben Plastiksäcken über den U-Bahnhof läuft, aber seis drum. Herr Moore sagte Folgendes: «Jeder muss aufhören, zu sagen, wie fassungslos und schockiert er ist: Trump war niemals ein Witz.» Wahrer gehts nicht.

Eine andere Sache ist es, jetzt jene Druckerzeugnisse zu studieren, die noch vor der Wahl erschienen sind, wie das etwa bei Monatsmagazinen der Fall ist, zum Beispiel bei «Vanity Fair». Dessen Chefredaktor, Graydon Carter, hat sich schon lange gegen Trump positioniert – und war, in der Tat, einer der Allerersten, die auf Trumps kleine Hände hingewiesen haben. In der aktuellen November-Ausgabe von «Vanity Fair» schildert Herr Carter in seinem Editorial unter dem Titel «The Ugly American» eine Reihe mehr oder weniger fürchterlicher Anekdoten, die Donald Trump involvieren.

Der Ruin der Zuckerwatten-Frisur

Mit am schönsten und schauerlichsten ist die Geschichte eines Fotoshootings mit Trump und seiner damals zukünftigen (und seit 1999 auch wieder ehemaligen) Frau Marla für «Vanity Fair» in Palm Beach in den frühen Neunzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Während dieses Shootings entschied die Chefstylistin, dass der Loro-Piana-Kaschmirpullover, den sie für Trump ausgewählt hatte, doch nicht ganz das Richtige sei, und bat Trump, ihn auszuziehen. Trump aber weigerte sich, den Pullover über den Kopf zu ziehen, um seine Zuckerwatten-Frisur nicht zu ruinieren. Schliesslich musste ein Assistent den Pullover den Rücken entlang aufschneiden.

So schreibt Graydon Carter, und er endet mit den Sätzen: «Ich denke nicht, dass Trump es bis ins Weisse Haus schafft, aber allein der Umstand, dass er mit seiner Rummelplatz-Nummer so weit auf dem Weg dorthin gekommen ist, wird auf diesem Weg einen unauslöschlichen orangefarbenen Fleck hinterlassen. Trump kennzeichnet, mehr noch als sogar die unsichersten und bedürftigsten Politiker oder Entertainer, ein bodenloses Bedürfnis nach Aufmerksamkeit. Er lebt von der Bestätigung der Menge. Und ab einem bestimmten Punkt wird diese Zuwendung schwächer und schwächer werden, wie das stets bei Leuten wie Trump passiert, und die Kameras werden sich woanders hindrehen, und Trump wird nichts bleiben als alte Zeitungsausschnitte, sein gefärbtes Haar, seine Sprühbräune – und diese kurzen, kurzen Finger.»

Auch Obama lag falsch

Da wusste Herr Carter noch nicht, dass diese kurzen, kurzen Finger bald Zugriff auf den metaphorischen Knopf haben werden, der die 2000 strategischen Nuklearraketen der USA kontrolliert. Die Verfassung der USA kennt keinerlei checks and balances bezüglich der Verfügungsgewalt des Präsidenten über das atomare Arsenal. Apropos Präsident: In der gleichen Ausgabe von «Vanity Fair» findet sich ein grosses Abschiedsinterview mit Barack Obama, in dem der aktuelle Präsident der Vereinigten Staaten mit Blick auf Donald Trump sagt: «I don’t think his temperament is suited for this office. But it’s not something that I have to emphasize because I think the majority of the American people have figured that out.»

So viel zur Zeitung von gestern.