Die Kunst der Konsumverweigerung

Am Beispiel des Vegetarismus.
(Bild: iStock / Montage Nathalie Blaser)

Fleischverweigerung als Identitätsentwurf. (Bild: iStock / Montage Nathalie Blaser)

Konsum ist nicht erst in der spätmodernen Gesellschaft, in der wir leben, meine Damen und Herren, auch ein Stilmittel. Stil und Stilisierung, also ästhetische Ausdrucksinteressen, ihrerseits wiederum sind nicht nur Mittel im Konkurrenzkampf um soziale Vorteile; sie fungieren nicht bloss als Gliederungsprinzipien und Klassifikationsmerkmale des sozialen Raumes. Sondern gerade weil sich Lebensstile über individuelle Konsumentscheidungen als Identitätsentwürfe präsentieren, artikulieren sich in ihnen immer auch gruppenspezifische Wertvorstellungen und symbolische Verdichtungen von Lebensformen, also eine politische Qualität. Und zwar darin, dass sie gesellschaftliche Möglichkeitsspielräume, die Horizonte des Verfügbaren abbilden.

Was Konsumverweigerung bedeuten kann, finden Sie sehr ergreifend dargestellt in dem Roman «Die Vegetarierin» der südkoreanischen Schriftstellerin Han Kang. Wieder so ein grosses kleines Buch. Eine seltsam verstörende, hypnotisierende, aus verschiedenen Perspektiven erzählte Geschichte über eine Frau, die laut ihrem Ehemann an Durchschnittlichkeit kaum zu übertreffen ist – bis sie eines Tages beschliesst, kein Fleisch mehr zu essen. Verweigerung. Das ist nun aber kein Pamphlet für Vegetarismus, sondern was ganz anderes und viel mehr: Es geht um Selbstbestimmung, Selbstauflösung, Gewalt, Scham und Begierde, Macht und Obsession, Unabhängigkeit und Konformismus, den Versuch der Annäherung und schliesslich um nichts weniger als die Frage: Muss man am Leben hängen?

Ausserdem ist dies das einzige Buch von den vielen, vielen, vielen Büchern, die ich in meinem Leben schon gelesen habe, bei dem mir tatsächlich übel geworden ist. Aber das spricht keinesfalls gegen das Buch, sondern für die erzählerische Gabe der Autorin Han Kang. Lesen Sie «Die Vegetarierin». Auch wenn Sie Fleisch lieben.

3 Kommentare zu «Die Kunst der Konsumverweigerung»

  • Kristina sagt:

    Die Frage nach der Quality of Life. Ohne sie geht es nicht, mit ihr zeigt sie uns immer wieder die Endlichkeit des Seins auf und die Fata Morgana auf sie verzichten zu können. Also immer der Nase nach.

  • Meinrad sagt:

    „… artikulieren sich in ihnen immer auch gruppenspezifische Wertvorstellungen und symbolische Verdichtungen von Lebensformen …“ – Meine einzige Furcht vor dem Übertritt in die Kantonsschule war damals, dass ich keine Jeans besass und dort doch alle mit Jeans rumlaufen würden. Jeans, die mein Opa jeweils schmunzelnd als „diese blaue Hosen“ der Arbeiter bezeichnete (vgl. auch Otto Angehrn, Nachruf auf die Ehre, Zürich 1982). Vielmehr musste ich die Kleider meiner Geschwister nachtragen. Als ich dann in die Kanti kam, merkte ich, dass meine Kleidung überhaupt keine Rolle spielte; alle hatten ganz Verschiedenes an. Das vermeintlich Gruppenspezifische verlor sich – aus meiner persönlichen Sicht – in wertfreien Einzeldingen. Naja, bei Büchernarren ist das wohl immer so. 🙂

  • Henry sagt:

    Wenn ich schon mit meinem Continental GT die Polkappen zum schmelzen bringe, so verkündet es unter vorgehaltener Hand die verbeamtete Nachbarschaft, lasse ich mir wenigstens die Gänsestopfleber schmecken, bis dann die jakobinischen Vorkämpfer mit tadellosen Vorurteilen für eine bessere Welt mit Fackeln und Mistgabeln bei mir am Hoftor stehen. Der Weg in die Hölle ist mit besten Ansichten gepflastert, die Herrschaften sind moralisch bestens präpariert, apodiktisch überredet. Konsumverzicht ? Ich ? Wieso ? Komm‘ ich nochmal zur Welt ? Ich glaube nicht an Wiedergeburt, ich muss das schon jetzt zu Ende bringen.

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