Warum Leser sich nicht einig sind

Wie konsumieren wir Literatur?
TINGLER BLOG warum Leser sich nicht einig sind

Dostojewski oder Dickens? Das ist hier die Frage. Foto: Andrea Fessler

Der Schriftsteller und Literaturkritiker Tim Parks, meine Damen und Herren, entwickelt in seinem jüngst erschienenen Band «Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen» einen interessanten Gedanken zum individuellen Literaturgeschmack: dass die Art, wie wir auf Romane reagieren, vor allem etwas mit der Art von «System» oder «Gesprächen» zu tun haben könnte, mit denen wir aufwuchsen und innerhalb derer wir uns eine Position suchen und eine Identität aufbauen mussten.

Parks bezieht sich auf die systemische Psychologie, die davon ausgeht, dass Persönlichkeiten und ihre Werte durch den sozialen Kontext, beispielsweise die Familienaufstellung, strukturiert würden, und er geht hier von vier Polaritäten oder Dichotomien aus, die eine soziale Gruppe prägen können:

Gut vs. Böse

Mut vs. Angst

Gewinnen vs. Verlieren

Zugehörigkeit vs. Ausschluss

Je nachdem, welche Polarität für ihre Sozialisation dominant war oder ist, werden sich Menschen für jene Autoren interessieren, deren Werk schwerpunktmässig auf ebendiese Polarität Bezug nimmt, also Dostojewski zum Beispiel auf die Dichotomie von Gut und Böse, oder Charles Dickens auf Zugehörigkeit und Ausschluss oder James Joyce auf Gewinnen/Verlieren.

So weit Tim Parks. Es ist eine interessante Frage, ob sich dieses Schema auf den Konsum auch anderer Medien erweitern liesse. Und selbstverständlich würde auch Parks nicht behaupten, dass es keine objektiven Kriterien für die Qualität von Literatur gebe. Er sagt nur, richtigerweise: Wenige Werke der Kunst können universellen Reiz ausüben.

6 Kommentare zu «Warum Leser sich nicht einig sind»

  • Stefan Werner sagt:

    Ja, sicher: Die meisten Menschen bevorzugen das, was der Summe ihrer eigenen Vorurteile am meisten entspricht. Wieso sollte das nur für die Literatur gelten? „Literatur“ ist ja nur ein geschwollener Ausdruck für „Lesestoff“. Ich denke, der Erfolg von sozialen Medien wie Facebook oder Twitter erklärt sich am meisten damit: Solche Medien erzeugen eine soziale Blase für uns, in denen wir vorwiegend solche Beiträge zu Gesicht bekommen, die sich mit unserer Weltanschauung decken. Man wähnt sich dann als Teil einer grossen Gemeinschaft und realisiert kaum noch, dass man in Wirklichkeit zu einer von immer mehr isolierten Splittergruppen gehört.
    Wer aus diesen Blasen ausbrechen will, muss sich aktiv bemühen, oder eines der verbliebenen traditionellen Medien konsumieren.

  • Meinrad sagt:

    Der Medien-Fortgang der erzählenden Dichtung: Gesang, Inschriften, Buchrollen, Buchdruck, Kino, Radio, TV, PC, Social Media. Die erwähnten Polaritäten kommen in allen Medien vor und wurden von den Menschen in den je aktuellen Medien verfeinert, ausgelegt und teilweise fortschrittlich überwunden. Aber in den Medien, die dem Buchdruck folgen, ging der festgesetzte Rahmen verloren. Ohne diesen Rahmen eines Buches oder eines Gemäldes wird die primäre Verortung des Inhaltes samt Polaritäten und auch Stil schwierig. Zudem wird der überschreitende „Rahmen des Rahmens“ und deren Differenz zum Universellen noch schwieriger eruierbar. Im Ergebnis wären die Polaritäten zwar „da“, aber etwa bei Social Media fahl, massenhaft duplizierbar, ohne qualitativen Wert und dem Fortschritt abträglich.

    • R Raschle sagt:

      Lieber Meinrad, das ist interessant und rückt die haltlose Behauptung des „Journalisten und Literaturkritikers“ Tim Parks ins rechte Licht: das ist einfach nur Geschwurbel. Dass Philipp Tingler, den ich als Literaturkritiker schätze, solchen pseudowissenschaftlichen Mist kolportiert, ist enttäuschend. Ihm scheint entgangen zu sein, dass „systemische Psychologie“ kein Zugang der wissenschaftlichen Psychologie ist, der akademisch anerkannt ist. Systemische Psychologie geht nämlich davon aus, dass es keine Wirklichkeit gibt, die wir zu erkennen vermögen und behauptet, dass all das, was wir für Wissen über die Welt halten, von uns selbst erfunden ist. Parks Behauptung wäre deshalb dann, wenn sie stimmen würde, nichts als subjektives Gebrabbel.

      • Meinrad sagt:

        Danke für Ihr Echo! Mit systemischer Psychologie kenne ich mich überhaupt nicht aus. Bei der Lektüre des Blog-Eintrags bin ich lediglich über den Begriff „Familienaufstellung“ (Hellinger!) gestolpert, wollte aber nicht darauf eingehen. Es steht Herrn Tingler mit Sicherheit frei, sich auf Parks zu beziehen, um daraus eine brandaktuelle Frage zu entwickeln. Ich persönlich bezog mich mehr auf Marie Theres Fögen, laienhaft auf ein wenig Hegel und auf das Objekt meiner Hassliebe, Slavoj Žižek. 🙂

  • Kristina sagt:

    Divine. Einatmen. Ausatmen.

  • Miller Martin sagt:

    Diese Kriterien sind wirklich populärpsyvhologisch simpel. Es ist auch in der Sozialpsychologie allgemein das Bedürfnis vorhanden, psychisches Verhalten zu reduzieren und in vorgefertigte Schachteln zu versorgen. Es ist nun einmal so, dass zum Beispiel Schweizer Autoren Literatur produzieren, die so langweilig ist, deswegen unleserlich. Aber die Schweiz als Gesellschaft ist so vollgefressen und akulturell, eben ein primitives Bauernvolk. Habe das zu Hause zu genüge erlebt. Ein ausländisches Akademikermilieu. Schlicht, die Neuen Romane der Schweizer sind schlicht unleserlich, Schrott. Ich kann mich aber leider mit meinem Urteil in die oben beschriebenen Kategorien nicht einordnen.

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.