Der Körper als Investition

Und seine Beziehung zur Berühmtheit.
Selbstperfektionierung – körperlich, nicht geistig. Foto: iStock / Montage Nathalie Blaser

Selbstperfektionierung – körperlich, nicht geistig. Foto: iStock / Montage Nathalie Blaser

Der Sozialhistoriker Jürgen Kocka hat konstatiert, meine Damen und Herren, dass dem Kapitalismus insofern Kulturbedeutung zukäme, als dass er bestimmte Denkfiguren der Ökonomisierung und Kommodifizierung kulturell implementierte: Optimierung, Profitdenken, Kosten-Nutzen-Kalkül. Nichts anderes als eine solche Ökonomisierung der Erscheinung findet beispielsweise statt, wenn Blac Chyna sich mutmasslich die Wangen aufspritzen lässt, weil das ihre Wahrnehmungschancen im Realitätsfernsehen erhöht. (Mit Realität hat das freilich wenig zu tun.) – Wie bitte, Sie wissen nicht, wer oder was Blac Chyna sein soll? Da geht es Ihnen wie meiner Tante Kitty. Sie haben meine Sympathien sofort auf Ihrer Seite. Und wie meiner Tante Kitty, so antworte ich Ihnen: Google it.

Selbstdesign als Seelenersatz

Das neue Verhältnis dem eigenen Körper gegenüber offenbart eine materialistische Auffassung von Selbstperfektionierung, die nicht mehr viel mit irgendeinem protestantischen Ideal zu tun hat, aber hervorragend passt zu einem spätmodernen Konzept von «Celebrity» als «Selbstzurschaustellung», einem Konzept, das Selbstinszenierung mit Authentizität verwechselt. Von Transzendenz ist nichts übrig geblieben als der eigene Ehrgeiz, sein Sosein zu überschreiten: Selbstdesign als spätmoderner Seelenersatz.

Durch das exponentiell erweiterte Angebot an Manipulations- und Modifikationsmöglichkeiten erfährt der spätmoderne Mensch den eigenen Körper als Projekt. Dies inspiriert eine genuin neue Art der Selbstwahrnehmung und des Leibbewusstseins: Der eigene Körper wird quasi mit einem professionellen Blick betrachtet, als Instrument, als Investition. Man investiert, in der Hoffnung auf Erträge.

Die mediale Entfremdung

Nun war Schönheit, Attraktivität freilich (auch) immer Mittel zum Zweck, von jeher. Was ist dann das wirklich Neue am heutigen Körperselbstverständnis? Ich denke, dass es das Problem der Entfremdung ist – um diese uralte, vielfach aufgeladene und missbrauchte Vokabel hier in Ermangelung einer besseren zu bemühen. Wenn man «Entfremdung» als eine Art gestörte Welt- und Selbstaneignung auffasst, wie etwa die Philosophin Rahel Jaeggi, leisten nicht nur Selfies, sondern überhaupt die Erfahrung von Leibschema und Körpernormen unter dem Aspekt der Kommodifizierung und der digitalen Repräsentation einen ganz unmittelbaren Beitrag zu einem Phänomen, das man «mediale Entfremdung» nennen könnte: Die Menschen können mit der von ihnen selbst veranstalteten Inszenierung ihrer selbst nicht mehr mithalten, sie kommen gar nicht mehr in die Lage, ein ungestörtes, in sich selbst ruhendes Verhältnis zu ihrer eigenen Leiblichkeit zu entwickeln.

Die spätmoderne digitale Gesellschaft mit ihrem Tsunami an indiskreten Technologien und ihrer vulgärnarzisstischen Fixierung auf Bilder und Körper erschwert dem Einzelnen die Selbstdistanz. Hier, im individuellen Körpererleben des Einzelnen, fokussiert quasi das Paradoxon, dass wir in einer digitalisierten und entkörperten Welt leben und der Körper trotzdem im Mittelpunkt steht.