Es gibt keine Work-Life-Balance

Commuters get on a suburban train at Museumsstrasse train station in Zurich's main station, pictured in the evening of September 29, 2009 in Zurich, Switzerland. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Pendler steigen am 29. September 2009 abends im Bahnhof Museumsstrasse im Hauptbahnhof Zuerich in eine S-Bahn ein. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Ist Arbeit gut für die Seele, meine Damen und Herren? Nun, vor über 110 Jahren stellte der deutsche Soziologe Max Weber die These auf, dass die Arbeitsethik des Protestantismus die kulturelle Grundlage für das kapitalistische Wirtschaftssystem liefere. Für Weber war dabei die protestantische Arbeitsethik gekennzeichnet durch die Vorstellung von Arbeit als Pflicht und gottgewolltem Lebenszweck. Arbeit ist demnach so gut wie irgend möglich zu verrichten und nicht infrage zu stellen. Sie bildet den Mittelpunkt des Lebens, um den herum Freizeit gestaltet wird. Selbst im Himmel wird gearbeitet.

Das Gefühl der Verpflichtung der Arbeit gegenüber fungiert für Weber als Grundlage der Sozialethik der kapitalistischen Kultur, die für ihn direkt zusammenhängt mit der rationalen Ethik des asketischen Protestantismus beziehungsweise dem, was Weber «okzidentalen Rationalismus» nennt: einer Kultur strenger Wirtschaftlichkeit, der nüchternen Selbstbeherrschung und Mässigkeit im Dienste der Leistungsfähigkeit. Arbeit wird zum weltlichen Gottesdienst, der Beruf zur von Gott gestellten Aufgabe, in innerweltlicher Askese zu erfüllen, um sich zu bewähren. Innerweltliche Askese verlangt Spar- und Enthaltsamkeit; Arbeit ist Pflicht und damit Moral; Erfolg gilt als Zeichen göttlicher Prädestination. Diese religiöse Fundierung des Arbeits- und Berufsbegriffs ist für Weber die Basis der «Wahlverwandtschaft» der religiösen Weltanschauung der Protestanten, insbesondere der Calvinisten, und des kapitalistischen Prinzips der Akkumulation von Kapital und Reinvestition von Gewinnen, das den Hintergrund der Industrialisierung bildete. So konnte es im Okzident zur Entstehung des bürgerlichen Betriebskapitalismus mit seiner rationalen Organisation der Arbeit kommen.

Kapitalismus ist nach Weber das Streben nach Gewinn, nach Rentabilität – im kontinuierlich, rational arbeitenden Betrieb. Der Beruf, das Erwerbsstreben und die Akkumulation sind allerdings in diesem Denken jeder lustorientierten, Glück stiftenden oder auch bloss Nutzen maximierenden Komponente entkleidet; sie sind vielmehr Erfüllung einer göttlichen Pflicht und insofern Selbstzweck und etwas Transzendentes. Trotzdem – oder gerade deshalb – ist Arbeit gut für die Seele. Fleiss und Genügsamkeit sind die Antriebe einer moralischen Ökonomie, die langfristige seelische Gewinne durch strikte Askese verspricht. Die sittliche Gefahr der Versuchung durch Reichtum wird von einer protestantisch-puritanischen Moraltheologie dabei ebenso benannt wie das Verwerfliche des Ausruhens auf dem vorhandenen Besitz. Regsamkeit ist Pflicht und gottgefällig: Der Protestantismus stipuliert die Gottgefälligkeit der Lebensbewältigung, und in dieser Bewährungslogik verpflichtet er den Einzelnen, zum Ruhme Gottes, Besitztum zu erhalten und durch rastlose Arbeit zu vermehren – beides wesentliche Bestandteile des «modernen kapitalistischen Geistes». Für Weber ist nicht die blosse Begünstigung der Kapitalbildung die wichtigste Folge protestantischer Lebensauffassung, sondern eine durch sie bedingte «Tendenz zu bürgerlicher, ökonomisch rationaler Lebensführung». Genau diese Lebensführung führt zum «modernen Wirtschaftsmenschen» als Träger der kapitalistischen Expansion.

Die protestantische Arbeitsethik enthält den Auftrag zur Selbstverbesserung. Dieser Auftrag ist zum Dogma der digitalen Gesellschaft geworden, deren umfassende Beschleunigung dazu führt, dass wir die Logik des Wettbewerbs auf sämtliche Lebensbereiche ausdehnen: Karriere, Beziehungsplanung, Freundschaften, Körperformung, Besitz, Spass, Gesundheit, Wohlbefinden. In all diesen Domänen schreibt das Prinzip der Leistungsgesellschaft nicht nur Erfolge, sondern auch Versagen stets dem Individuum als eigene Verantwortung zu. Denn spätmodern zu leben, heisst, nicht nur aufs Jenseits zu verzichten, sondern auch eine andere Auffassung fürs Diesseits zu vertreten: Das Schicksal ist als Kategorie drastisch geschrumpft. Und das Glück ist zum Wettbewerb geworden.

Gleichzeitig spukt die Idee einer Work-Life-Balance als hegemoniale Vorstellung des Wünschenswerten durch gesellschaftliche Diskurse. Aber: Was ist eigentlich «Work», und was ist «Life»? Wenn wir mit Hartmut Rosa Arbeit in einem erweiterten Sinne verstehen als «Jagd nach Ressourcen» und realistischerweise davon ausgehen, dass die Verteilung von Ressourcen und Möglichkeiten dem Konkurrenzprinzip folgt und multidimensionale Optimierungsansprüche in sämtliche Lebenssphären getragen werden, dann ist alles Arbeit.

Bild oben: Ein glücklich Volk von Pendlern: S-Bahn Zürich zu Stosszeiten. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

13 Kommentare zu «Es gibt keine Work-Life-Balance»

  • Irma Bruni sagt:

    Ich habe Ihren Artikel von Ende bis Anfang gelesen, also in umgekehrter Richtung, der Erfahrung folgend, dass das journalistische Schulwesen die uninteressantesten Feststellungen normalerweise eben am Artikelanfang platziert, unbeachtet dessen, dass nicht alle Leser an generischen situativen Beschreibungen als Einführung interessiert sind.
    Ja, es ist alles Arbeit. Aber eben: nur in protestantischen Längengraden. Anderswo findet der Mensch trotz Lebenswidrigkeiten und wenig Geld oft noch Platz für Sinn, Kunst, Lebensfreude.

  • LiFe sagt:

    Ist die Balance zwischen Work & Life gestört, ja mei, dann hilft nur Granteln. Granteln is schee 🙂

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