Skrupel der Worte

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Ist Ihnen aufgefallen, meine Damen und Herren, dass der Ausdruck «Wutbürger» seine positive Konnotation verloren hat? Früher fand man «Wutbürger» in Deutschland, woher der Begriff stammt, ganz grossartig: Das waren diese kritischen, mündigen Bürokratiegegner, die sich gegen den Umbau des Stuttgarter Bahnhofs wehrten. Und jetzt? Wird damit leicht pikiert der Pegida-Pöbel bezeichnet. Nicht anders ging es dem Wort «Transparenz». Das fanden politische Tendenzliteraten, wie die Deutsche Juli Zeh, früher mal ganz toll, wegen Snowden und so, – und jetzt ganz bedenklich, wegen Google und «The Circle» und so. Dafür findet Juli Zeh jetzt Frau Merkel toll, die sie früher ganz schlimm fand. Habe ich schon mal erwähnt, dass mich Juli Zeh immer an dieses Mädchen erinnert, das Angie Dickinson anstarrt im Aufzug in «Dressed to Kill»? Dies nur am Rande. Es folgt ein kleines politisches Glossar. Für den Alltagsgebrauch.

 

  1. «Geflüchtete»

    Früher hat man von «Asylanten» gesprochen, dann von «Flüchtlingen». Dann hat jemand gefunden, die Schlusssilbe «-ling» hätte einen abwertenden Beigeschmack, wie bei «Schönling» oder «Schreiberling». Also heisst das nun politisch korrekt: «Geflüchtete», alternativ: «Geflohene». (Um einen entsprechenden Ersatz für das Wort «Häftling» hat sich noch niemand bemüht. Wahrscheinlich wird hier ein abwertender Beigeschmack eher toleriert.)

  2. «politisch korrekt»

    Hierbei handelt es sich um ein Prädikat, das (wie zum Beispiel auch «Hipster») stets als Fremdzuschreibung fungiert. Niemand würde sich selbst als «politisch korrekt» bezeichnen. Was bereits ein Hinweis darauf ist, dass diese Etikette nicht komplimentierend vergeben wird. Als Kompliment gilt vielmehr das Gegenteil: «politisch inkorrekt».

  3. «Multikulti»

    Einst positiv besetzt; wird heute nur noch abwertend benutzt.

  4. «Rassismus»

    Ist zur Pauschalverurteilung geworden. Der Duden definiert den Begriff wie folgt: «Lehre, Theorie, nach der Menschen bzw. Bevölkerungsgruppen mit bestimmten biologischen Merkmalen hinsichtlich ihrer kulturellen Leistungsfähigkeit anderen von Natur aus über- bzw. unterlegen sein sollen.» Wenn also zum Beispiel der «Blick» gegen vermeintlich zu viele Deutsche im «Literaturclub» agitiert, ist das kein Rassismus. Sondern Nationalismus. (Dieser Begriff ist aber aus der Mode.) Oder Kulturchauvinismus.

  5. «Chauvinismus»

    Ist seit jeher durchaus nicht dasselbe wie Sexismus.

Im Bild oben: Das politische Glossar bietet viele, sich wandelnde Fettnäpfchen. (iStock)

16 Kommentare zu «Skrupel der Worte»

  • Anh Toàn sagt:

    Und es heisst „Flüchtende“, die fliehen noch immer, solange bis sie an einem sicheren Ort zumindest vorläufig aufgenommen wurden. Nicht mehr riskieren, jederzeit zurück geschafft zu werden. Erst dann sind es „Geflüchtete“.

    • justin meier sagt:

      falsch! flüchtende (sowie auch studierende u.Ä.) sind personen die auf der flucht sind, so z.B. ausgebrochene häftlinge. ein flüchtling jedoch verlässt seine heimat wegen krieg, vergolgung usw.. das partizip präsens beschreibt nur eine momentane beschäftigung. ein studierender kann auch einen ortsplan studieren, ein student allerdings ist an einer universität immatrikuliert. selbst in der schule können lehrkräfte keine grammatik mehr‘

    • Anh Toàn sagt:

      @justin meier: Ich bin weder Lehrkraft noch Grammatik, also helfen Sie mir. Ein „Geflohener“ aus Syrien, der auf einem Schlauchboot unterwegs ist nach Griechenland, ist ein „Schlauchbootfahrender“, wartet er in Idomeni, ist er ein „Wartender“ und klettert er über einen Stacheldraht, ist er ein „Überdenstacheldrahtkletternder“. Ich verstehe nur nicht, warum dies anders sein soll, ob er aus einem Gefängnis oder vor Krieg und Verfolgung geflohen ist.

  • Peier Roland sagt:

    Das sind schon Riesenprobleme. Für mich sind Flüchtlinge immer noch Asylanten, von denen ich keinen einzigen, aber nicht einen einzigen aufnehmen würde, da diese nur Kosten verursachen.

    • Thomas Lieven sagt:

      Weil Ihnen Geld wichtiger ist, als jedes Menschenleben…
      Ihr Weltbild widert mich an. Oder um es „politisch korrekt“ zu sagen: Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte!

    • Barlach sagt:

      Schön, dass man diese Info immer wieder entgegengedrückt kriegt, obwohl sie niemand danach fragte. In diesem Sinne: Herr Rassist!
      Ps: ich bin Veganer.

  • Kristina sagt:

    Ausgerechnet Kohelet. Für alles gibt es eine Stunde.

  • marcel sagt:

    Es sollte eigentlich heissen: Wirtschafts geflüchtete, und Politisch korrekt wäre es dies geflüchtete von Anfang an CHF 6’000,- zu geben ohne Gegenleistung weil man sich sonst bloss gibt als anti multikulti was wiederum bedeutet das man sich den Verdacht von Rassismus auflädt. Und da dies meistens von einem Mann so geäussert wird, klagen die Frauenvereine / SP das man ein versteinerte Anhänger des Chauvinismus ist.
    Und schon wieder haben die Linken einen Schlacht gewonnen, und dass nur mir Wörter.

    • LiFe sagt:

      Es müsste auf dieser Welt so eingerichtet sein, dass niemand flüchten muss. Our planet should be our castle. The only one we have.

  • Martin sagt:

    Schon komisch, dass man sich ausgerechnet über solche Begriffe/ Bezeichnungen den Kopf zerbricht, aber andere Bezeichnungen, welche durchaus wichtiger wären, links liegen lässt. Bspw. werden immer noch Leute nach dem Eintreffen der Polizei „verhaftet“. Verhaftet ist man erst, wenn es einen Haftbefehl gibt, ausgestellt bspw. durch einen Haftrichter. Beim Gesetz haben die Worte eine genau definierte Bedeutung. Auch wird in der Presse gerne von einem „Maschinengewehr“ geschrieben, wenn auf dem Bild ein Polizist mit einer Maschinenpistole zu sehen ist.

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