Der Segen des Verpassens

epa04752498 A picture made available on 17 May 2015 of casting show finalist Severino Seeger posing for the camera at the final of pop casting show 'Deutschland sucht den Superstar' (DSDS), the German version of Pop Idol franchise, at OeVB Arena venue in Bremen, Germany, 16 May 2015. Severino Seeger won the 12th season's title.  EPA/INGO WAGNER

«FOMO» heisst eine der gängigen Phobien des spätmodernen Menschen, meine Damen und Herren, und das steht für «Fear Of Missing Out», also: die Angst, etwas zu verpassen. Das ist natürlich eine uralte Angst, eine archaische Konstante und Kondition des Menschseins, nimmt heutzutage aber oft phobische Züge an. Denn virtuelle soziale Netzwerke und das Erleben der Globalisierung als bedrängende Gleichzeitigkeit nähren die Massenillusion, dass überall in Permanenz erfahrungstiefe Erlebnisse und lukrative Gelegenheiten warteten. Oder eben – vorbeigehen. Am Beginn der Moderne, so schreibt Marianne Gronemeyer in ihrem überaus lesenswerten Buch «Das Leben als letzte Gelegenheit», wird das Leben als biologische Lebensspanne konstituiert: Es wird zur einzigen und letzten Gelegenheit; nicht für die Rettung der Seele, sondern für die Anhäufung von Lebenskapital, von Erfahrung, von Sinn. Das Leben gerät unter das Gesetz der Akkumulation. Es wird panisch. Neben den Tod tritt ein anderer, beinahe noch ärgerer Widersacher des Lebens: das Versäumnis. – Aber das muss nicht sein. Wissen Sie was? Wir ziehen jetzt einfach mal die Bremse. Und schwenken um: statt FOMO auf JOMO. Das steht für: «The Joy Of Missing Out», den Segen des Verpassens. Dieses herrliche Gefühl, wenn man bei 15-Minuten-Berühmtheiten fragen kann: «Wer ist das?». Hier kommen fünf Phänomene, die wir im neuen Jahr unbedingt verpassen wollen:

  1. Das nächste Kardashian-Baby

  2. Das nächste Nackt-Selfie von irgendeinem Nationalrat.

  3. Die nächste Liebesgeschichte von Taylor Swift.

  4. Die nächste Gastkollektion bei H&M.

  5. Alles mit dem Wort «Star» oder «Talent» im Titel.

Bild oben: Erinnern Sie sich? Severino Seeger gewann die zwölfte Staffel von «Deutschland sucht den Superstar». Mehr Ruhm dürfte ihm allerdings seine Verturteilung wegen Betrugs eingebracht haben. Foto: Keystone

 

4 Kommentare zu «Der Segen des Verpassens»

  • Winston sagt:

    1. Die Reden von Herrn Köppel im Parlament.
    2. Die Führungsseminarien unter der Leitung von Frau Martullo in fremder Sprache.
    3. Die öffentlichen Äusserungen des Bischofs von Chur.
    4. Die Kleberli-, Märkli-, Pünktli- und Figürli-Aktionen der Grossverteiler.
    5. Den Gebrauch des Begriffs „nachhaltig“ im Allgemeinen und überhaupt.
    6. Die Blog-Einträge von Herrn Tingler — natürlich nicht!

  • Kristina sagt:

    Unbedingt.

  • Hans S. sagt:

    Genau so! Ich bin ich jetzt voll mit dabei. Beim JOMO meine ich, der Rest kann mir gestohlen bleiben. Bloss, es ist schon nicht ganz einfach sich dem Getue auf dieser Welt zu entziehen! Es gelingt mir nur teilweise. Wie machen das andere?

  • Gabriela sagt:

    Amen zu 1 bis 4, aber den neuen Star Trek gehe ich dann glaub doch schauen.

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