Kann man das Fliegen lieben?

A flight attendant poses behind the bar in the rear of the business class section of Emirates' Airbus A380 after the jet arrived on its maiden flight at John F. Kennedy International Airport in New York August 1, 2008. Airbus's A380 superjumbo touched down in New York on Friday, marking the first commercial arrival of the giant, double-decker passenger plane on U.S. soil.  REUTERS/Chip East  (UNITED STATES)   FOR BEST QUALITY IMAGE: ALSO SEE GM1E57T038801 - RTR20JWF

Es nähert sich der hundertste Geburtstag Frank Sinatras, meine Damen und Herren, und ich muss Ihnen nicht sagen, dass ich ein Bewunderer der goldenen Stimme aus Hoboken, New Jersey, bin. Denn, ach, wer wäre das nicht? Ach, damals. Damals, als Zigaretten noch als Nahrungsmittel zählten und Alkoholismus Bestandteil des Showgeschäfts war. Und Fliegen glamourös.

Die Aureole des goldenen Jetset-Zeitalters flackert nur noch als ein schwacher Widerschein zu uns herüber, ein dünnes Licht in diesen düsteren Zeiten von islamistischen Terroristen, suizidalen Piloten, überfüllten Flughäfen, Billigairlines, Streiks, Verspätungen, Handgepäckskriegen. Sie wissen, was ich meine. Und trotzdem höre ich Sinatra, seine Verheissung von Freiheit und Abenteuer, jedes Mal beim Abheben. (Okay, fast jedes Mal.) Als Frank Sinatra im Oktober 1957 seinen Song «Come Fly with Me» aufnahm, war das Fliegen noch eine elitäre Veranstaltung, und die geradezu lächerlich unbeschwerten ersten Zeilen dieses Songs – «If you can use some exotic booze / There’s a bar in far Bombay» – illustrierten die Sorglosigkeit eines winzigen Abschnitts der Zivilisationsgeschichte im 20. Jahrhundert, als die zivile Luftfahrt ein Spielplatz war, ein mondäner Zirkus von Glamour, Romantik und Spass.

Ich selbst bin nicht ganz so alt wie Sinatra, gehöre aber wohl zu jener Generation, bei der immerhin der erste Flug noch ein besonderes Erlebnis darstellte. Meiner ging mit British Airways in meine Geburtsstadt Berlin (West), und ich war so ungefähr zehn Jahre alt. Inzwischen habe ich mutmasslich mehr Flugmeilen auf dem Buckel als manch osteuropäischer Aussenminister, doch für einen Moment, wenn die Räder den Boden verlassen, bin ich immer noch zehn Jahre alt. Es tritt eine wohlige Abspannung ein, der Geist wendet sich neuen Dingen zu, die grosse Fremde eröffnet sich dort hinter dem Bogen der Fenster, unterhalb des Horizonts, und freudige Erwartung beschäftigt das Gemüt, während wir durch die Wolken pflügen, von zartem metallischem Rauschen dahin getrieben. Manchmal rüttelt es ein bisschen, als wollte Mutter Natur der menschlichen Hybris durch gelegentliches Räuspern bedeuten, dass sie immer noch die Schürze anhat. Ich indes konsumiere das neueste Meisterwerk mit Melissa McCarthy im Bordunterhaltungsprogramm und etwas eiskalten Rotwein und das Gefühl, wie die prähistorischen Dimensionen von Raum und Zeit ein bisschen lockerer werden, wenn man sich beispielsweise in der Mitte eines 13-Stunden-Fluges nach Los Angeles befindet. Wo ist Morgen und für wen? Hier ist es nur ein kleiner Schritt von Sinatra zu Safranski, der feststellte, man müsse sich die Ewigkeit nicht als unendlich verlängerte Zeit, sondern als etwas anderes als die Zeit vorstellen. Und: Jeder Akt der Hingabe überwindet die Zeit in der Zeit.

Und in diesem kleinen Moment der Hingabe, beim Aufsteigen ins grosse Blau, wird dem Reisenden bewusst, dass der fliegenden Bewegung über unseren blauen Planeten immer noch etwas Wunderbares innewohnt. Auch wenn man möglicherweise neben Jabba the Hutt sitzt, der obendrein akut erkältet ist. Was mich auf eine wichtige Grundregel des Fliegens bringt: Für Langstreckenflüge in Economy gilt dasselbe wie für Rauschmittelkonsum, FKK oder Eishockeyspielen: Das sollte man den jungen Menschen überlassen. Und bitte schreiben Sie mir deswegen jetzt keine Briefe. Dies gilt besonders für Sie, liebe FKK-Freunde. Danke.

Bild oben: Soooo schlimm ist Fliegen gar nicht. Wenn der Rahmen stimmt. Wie etwa in der First Class von Emirates. Foto: Reuters

7 Kommentare zu «Kann man das Fliegen lieben?»

  • Linker sagt:

    Das ist die Baar der Businessklasse im A380!

  • Henry sagt:

    Lassen Sie den eiskalten Rotwein am besten zurückgehen. Sie fliegen ja nicht in der Holzklasse, weiter vorn kann man schon eine dem Weine angemessene Temperatur erwarten. Und weltliche Interpretationen von Ewigkeit ängstigen mich ebenso wie religiöse. Nichts finde ich als Ehemann erschreckender als die Vorstellung , weiter oben auf 72 Jungfrauen zu treffen oder, wo auch immer, ewig Leben zu müssen. Ich würde allerdings sofort von meinem Agnostizismus abfallen, garantierte mir einer die ewige Ruhe.

    • W. Sugi sagt:

      Henry, Bei EMIRATES wird in ALLEN Klassen verschiedenen Weine serviert.
      In business + first jedoch ist die Qualität jedoch entsprechend abgestimmt.

  • Philipp Rittermann sagt:

    kurz und bündig. nein.

    • Jacques sagt:

      Ich sage es auch kurz und bündig: Ich fliege ungern, ausser in kleinen wackeligen Maschinen. Da habe ich Vertrauen in den Piloten (Copain – alter IT-Ingenieur; sogar mit Dampflok – und Goldwing-Brevet). Also er kennt die div. Technik(en). Ich die Vol-%. Beim Rotwein aber traditionell: Burgunder sollte 16-18 Gead Celsius haben; die Beaujolais-Crus als Apéro dürfen schon etwas kühler sein. Aber auch später in der Bar; nehmen wir es noch relativ genau. Musik: Gloria von Van Morrison.

  • Sara Rümelin sagt:

    Frank Sinatra ist gut, Stefan Eicher ist besser: „Campari Soda“ ! Der würde auch das Problem vom Rotwein eiskalt lösen…Safe Flight!

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