Mode und alternde Männer

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Ich muss das hier einmal sagen, meine Damen und Herren (und ich bin ziemlich sicher, ich sage es nicht zum ersten Mal): Ich werde nie verstehen, warum ergrauende Männer sich die Haare tönen. Das Erste, was man bei einem Mann registriert, der sich die Haare getönt hat, ist: Er hat sich die Haare getönt. Woraus dann alle möglichen Assoziationen und Implikationen folgen, und keine – ich wiederhole: keine – davon ist vorteilhaft.

Das Alter fungiert – neben der Figur – idealerweise als quasinatürliche Grenze der Anwendung von Laufstegdiktaten und Schönheitsidealen auf die eigene Erscheinung. Dabei gilt allerdings: Man ist nicht so alt, wie man sich erklärtermassen fühlt; sondern so alt, wie man aussieht. Hier nun führen gewisse Techniken der vermeintlichen Verjüngung (zum Beispiel das Tönen der Haare oder Tragen jugendlicher Garderobe) paradoxerweise eben regelmässig gerade nicht dazu, dass die Betreffenden jung aussehen, sondern bloss wie noch ältere Leute, die versuchen, jünger auszusehen: Ein 55-Jähriger, der sich die Haare tönt, wirkt wie ein 65-Jähriger, der aussehen will wie 45.

Die Jugend ist, auch in unseren auf- und abgeklärten spätmodernen Zeiten, scheu vor dem Alter, weil sie von seiner Erfahrung kein Verständnis für ihren Lebenszustand erwartet, und mit der gleichen Scheu sollte das Alter (egal, ob Mann oder Frau) modischen Versatzstücken der Jugend begegnen, zum Beispiel jedweden Kleidungsstücken im sogenannten Used Look oder Vintage-Stil. Auch aufdringliche Applikationen und laute Sonnenbrillen sind mit einer Altersgrenze versehen, und diese lautet: 25. Und zwar Jahre, nicht Hundejahre. Für alle älteren Träger gilt grundsätzlich nicht die Unschuldsvermutung, sondern die Verdachtsdiagnose: kontraphobisch aufgetakelt. Also: aus Angst vor dem Alter zu jugendlich-übermodisch angezogen. (Farbige Sakkos, Herren-Mules und Männerröcke hingegen gehen in gar keinem Alter. Die fallen unter die Rubrik «Timeless Fashion Disaster», kurz: TFD.) Gerade bei derart auffällig modisch gekleideten Zeitgenossen zeigt sich oft in aller Drastik für die Mitwelt, wie gross der Abstand zwischen der Vorstellung von einem idealen Selbst und der tatsächlichen Erscheinung sein kann: nicht selten breiter als der Zürichsee (der zugegebenermassen nicht so besonders breit ist; but you get my point). So was verzeiht man wiederum nur jungen Menschen. Und selbst da hat man manchmal Schwierigkeiten.

Idealerweise bedeutet der Vorgang des Erwachsenwerdens für jeden, der erwachsen wird, ein Sichten und Sortieren, ein Sieben und Verfeinern, nicht nur, aber auch in Fragen der Garderobe, einen Prozess der Selbstfindung und der Einsicht, dass Experimente nicht endlos fortgesetzt werden können, ein Sich-mit-Anstand-Verabschieden von Konzepten und Visionen des Selbst, die sich entweder überlebt haben oder von Anfang an unrealisierbar waren. Irgendwann ist der Punkt erreicht, wo einem die Qualität und das Material von Anziehsachen nicht mehr völlig egal sind. Wo man sich fragt: Werde ich das im nächsten Jahr auch noch tragen oder vergessen haben? Wo man sich aus Elementarteilchen so was wie eine konsistente Garderobe zusammenbaut. Wo es um Authentizität geht statt um den letzten Schrei. Oder getönte Haare. Eurgh!

Bild oben: Der Schauspieler Richard Gere bewirbt im August 2015 den Film «Time Out of Mind» – mit ungetöntem Haupthaar.