Ängste der Spätmoderne

epa03922570 US singer Lady Gaga (L), wearing a costume, arrives in Berlin, Germany, 24 October 2013. Lady Gaga came to Berlin to present her new album 'Artpop'. The man at her right side is identified.  EPA/Ole Spata

Das Londoner Kaufhaus Selfridges, meine Damen und Herren, hat im März einen Pop-up-Store namens Agender eröffnet, in dem von 45 Labels ausschliesslich Unisex-Sachen angeboten werden. Damit wurde eine der letzten popkulturellen Phobien der Moderne auf die eleganteste Art erledigt, nämlich durch den Markt. Ich spreche von der Angst vor Geschlechterkonfusion. Wir befinden uns indessen längst in der digitalen (manche sagen: post-digitalen) Post-post-Moderne oder Spätmoderne, die ihre ganz eigenen Phobien pflegt. Werfen wir mal einen Blick darauf:

  1. Aufzugkritikphobie

    Das hat nichts mit Fahrstühlen zu tun, sondern bezeichnet die Überempfindlichkeit gegenüber Kritik an der eigenen Aufmachung und Garderobe. Klinischer Fachausdruck: «Fear of Fashion Criticism» (FFC) respektive «Notwiththatonphobia». Heutzutage, wo scheinbar alles geht, virulenter denn je.

  2. Botoxphobie

    Nicht im Sinne einer hypochondrischen Überempfindlichkeit, sondern als soziale Störung: das zwanghafte Feststellen von und Absuchen nach gefrorenen Gesichtszügen beim gesellschaftlichen Gegenüber. Klinischer Fachausdruck: «Fear of Frozen Faces» (FFF)

  3. Nomophobie

    Kurz für «No-Mobile-Phone Phobia». Bezeichnet die Angst davor, mobiltelefonisch nicht erreichbar und damit mutmasslich nicht mehr mit der Welt verbunden zu sein. Sei es durch Abhandenkommen des Telefons oder durch das Nichtvorhandensein von Batterie. Oder Geld. Oder Netzwerk.

  4. Die Panik, etwas zu versäumen

    In engem Zusammenhang mit der Nomophobie, aber nicht damit zu verwechseln: Fomo. Dieses Akronym steht für «Fear of Missing Out» und also die uralte menschliche Angst, etwas zu verpassen. Das ist zwar eine archaische Konstante und Kondition des Menschseins, nimmt heutzutage aber oft phobische Züge an. Denn virtuelle soziale Netzwerke nähren die Massenillusion, dass überall in Permanenz erfahrungstiefe Erlebnisse und lukrative Gelegenheiten warteten. Oder vorbeigingen.

  5. Phobie vor dem peinlichen Tweet

    In der Ära der sozialen Netzwerke scheint vielen nichts schlimmer als die virtuelle Blossstellung.

Bild oben: Lady Gaga ist wohl nicht besonders empfindlich auf Kritik an ihrer Aufmachung (mit ihrem Lebensgefährten Taylor Kinney in Berlin 2013).

7 Kommentare zu «Ängste der Spätmoderne»

  • Cheshire Cat sagt:

    Ouroboros oder Erebos? Ist wie Glashaus oder Wolke. Rausgehen hilft.

    • Jacques sagt:

      Rausgehen hilft immer. Erich Kästner meinte einmal bei einem CH-Kuraufenthalt, u.a.a. wegen der vielen frischen Luft. Doppelkohlensaures Natron (Natriumbikarbonat) hilft manchmal – Kirschwasser immer; und verliess das Kur-Hotel.

  • Marcel Zufferey sagt:

    Mode kauft man wenn, dann a) sowieso nur in Italien und b) halte ich die Postmoderne selber für eine Geisteskrankheit…

  • Winston sagt:

    Neu ist die Bärfussphobie. Das ist die Furcht vor den Zwergen in der Schweizer Bevölkerung.

    • Jacques sagt:

      Falsch/ Faute. Die Angst vor den Bank-Gnomen in Frankfurt am Main. Nicht zu verwechseln – mit dem Kleinstädtchen Frankfurt an der Oder …

  • Jacques sagt:

    Da habe ich wieder einmal Glück gehabt. Ich leide nur an „paroxysmalen Attacken vegetativer Dystonie“. Damit muss ich nicht einmal zum Arzt. Der Hausarzt meines Vertrauens sagte mir einmal; etwas mehr an die frische Luft – oder in eine gute Music-Bar. Das kann man sogar gut verbinden mit Abendluft und Morgenluft. Man kann aber auch Molière lesen: Der kannte diese Krankheit auch.

    • Henry sagt:

      Im Auffinden eigener Krankheitsbilder tun sich die Leute unterschiedlich schwer. Ich ziehe mich da immer auf meine Neurasthenie zurück, mit einem wundervollen Bündel an Symptomen, welche sich die Klientel, die sich diese Diagnose weiland leisten konnte, nutzte, um sich und ihr Verhalten der Wirklichkeit etwas entziehen zu können. Mein Gott, was für Leute heutzutage zum Psychiater gehen.

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