Lässt sich die Welt in Zahlen ausdrücken?

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In seinem Buch «To Save Everything, Click Here» diagnostiziert der Technologiekritiker Evgeny Morozov ein neues Paradigma der Problemlösung, meine Damen und Herren, eine dominierende Denkweise der digitalen Welt, die Morozov «technological solutionism» nennt. Und das bedeutet in seinen Worten «die Reformulierung aller komplexen sozialen Situationen entweder als klar umrissene Problemlagen mit eindeutiger, berechenbarer Lösung oder als gut durchschaubare Prozesse, die leicht optimierbar sind, sofern nur die richtigen Algorithmen zur Anwendung kommen».

In dem, was Morozov als Silicon Valleys «imperialistische Neigung zur Quantifizierung» bezeichnet, steckt womöglich ein wirklicher Paradigmenwechsel im Sinne des Wissenschaftstheoretikers Thomas Kuhn. Ein Paradigmenwechsel in der philosophischen Selbstwahrnehmung des Menschen, in den Werten, Regeln und Methoden zur Bestimmung seines Daseins in der Welt. Dass jedoch ein quantitativ dominiertes Denken, das sich auf individueller Ebene zum Beispiel im Phänomen des Self-Tracking widerspiegelt, auf gesellschaftlicher Ebene in grundlegender Hinsicht problematisch ist, zeigt sich am Beispiel des sogenannten Predictive Policing. Predictive Policing heisst: präventive polizeiliche Verbrechensbekämpfung mittels hochkomplexer Algorithmen, die in einer speziellen Software die Auswertung von Kriminalitätsstatistiken mit einer topografischen Zuordnung von Verteilung und Häufigkeit der registrierten Verbrechen zu einer Vorhersage darüber verbinden, mit welchen Straftaten wo und wann zu rechnen sei. Woraufhin die betreffenden Gebiete verstärkt durch die Polizei überwacht werden können.

Und hier offenbaren sich sofort die Grenzen des quantitativen Paradigmas der digitalen Gesellschaft, was das «Time Magazine» in einer Besprechung von Morozovs Buch unter der Etikette «Digital Perfectionism» kritisierte: Durch ergebnisorientierte digitale Lösungen sozialer Probleme (wie Verbrechen) werden nicht selten deren komplexere Ursachen (etwa Armut oder Bildungsdefizite) völlig ignoriert. Daneben werden Fragen von Datenschutz und Grundrechten aufgeworfen, im Beispiel des Predictive Policing etwa die Frage, ob und welche diskriminierenden Verzerrungen in die verwendeten Algorithmen Eingang gefunden haben. Dies betrifft die Fundamente des Rechtsstaats, der für polizeiliches Handeln eine Legitimation verlangt. Doch: Kann eine Software, ein digitales Rezept, das letztlich mit Wahrscheinlichkeiten operiert, eine solche Legitimation sein?

Wer die (zumeist ambivalenten) Fortschritte der digitalen Welt würdigt, muss darauf achten, nicht einer neurotischen Neigung der Spätmoderne im Verhältnis zu ihren technologischen Errungenschaften anheimzufallen, nämlich der Neigung, Technologie kategorisch den beiden Polen «gut» und «schlecht» zuzuordnen. Die Verteufelung des Digitalen ist keine Lösung. Seine Möglichkeiten sind nämlich nicht selten wundervoll. Aber wir dürfen darüber nicht mühsam errungene Freiheiten gering schätzen und aufgeben. Die Freiheit auch, Fehler zu machen. Man muss nicht alles wissen. Man muss nicht alles speichern. Dinge zu vergessen, Zahlen zu ignorieren, Prioritäten zu setzen aus innerem Grund – was für eine Erhabenheit der menschlichen Existenz liegt darinnen!

Bild oben: Tom Cruise alias John Anderton arbeitet im «Minority Report» für die Washingtoner Polizei, die dank Visionen weiss, welche Morde stattfinden werden  – und diese so verhindern kann.