Business Class

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Auf dem obigen Bild, aufgenommen zur Geschäftszeit in meiner Heimatstadt Zürich, sehen Sie einen klassischen Garderobenfehler, liebes Publikum: Der abgebildete Geschäftsmann trägt zum Anzug keine Kniestrümpfe, sondern Socken – die mutmasslich aus einem Zehnerpack stammen, das als Ganzes wohl nur unwesentlich weniger gekostet haben dürfte als diese billigen Schuhe mit der angeklebten Sohle; ja, gerade bei Herrenschuhen sieht man immer, wenn sie billig sind, kauft Euch lieber zwei ordentliche Paare als sechs billige, eurgh, Good Governor, ich hasse billige Schuhe, there, I said it … Wo war ich? Richtig: Der Herr trägt also Socken zum Anzug. Die Folge: Wenn er die Beine übereinanderschlägt, wird ein Stück bleicher Wade sichtbar. Dies ist ein Fauxpas. Und zwar ein schwerer. Genausogut könnte der Herr überhaupt keine Strümpfe oder Sandalen oder Turnschuhe zu seinem Anzug tragen; das alles wäre auch nicht schlimmer.

Doch was den Geschäftsanzug angeht, diese weltgültige Uniform der Gesittung, die äusserlich die Spielarten des Menschlichen zu anständiger Einheit zusammenfasst, so sind Fehltritte leider an der Tagesordnung, besonders in Mitteleuropa. Jedesmal, wenn ich in Europa im Flugzeug sitze, und zwar gerade in der Klasse, die drolligerweise das Etikett «Business» trägt, als wären sämtliche ihrer Insassen dem Müssiggang abhold, und meinen Blick so müssiggängerisch schweifen lasse, wundere ich mich. Ich wundere mich über Geschäftsreisende, die Paisley-Krawatten, Haifischkragen in Vichy-Karo und Pochetten mit groben Querstreifen in schreienden Zusammenstellungen arrangieren, welche gleichsam auf sich selbst mit Fingern weisen. Für die Geschäftswelt, meine Herren, sind Sie mit mehr als zwei Mustern gleichzeitig stets unpassend angezogen, es sei denn, Sie machen Ihre Geschäfte beim Privatfernsehen oder bei lauter Musik an einer Metallstange. Ansonsten sind doch Diskretion und Dezenz die Basis jedes seriösen Geschäfts. Überhaupt nicht dezent sind übrigens auch sogenannte Travel Suits aus betont knitterfreiem Mischgewebe, denen man den riesigen Polyester-Anteil zehn Meter gegen den Wind ansieht und die ihren Trägern stets ein wenig schlottricht und unwahrscheinlich am Leibe sitzen.

Was macht einen guten Anzug aus?

Viele Männer, zumal im deutschsprachigen Raum, haben also Schwierigkeiten mit dem ordinären Geschäftsanzug. Am besten im Anzug sind immer noch die Engländer, und das liegt daran, dass sie schon als Schuljungen an Uniformen gewöhnt sind, und der Geschäftsanzug ist ja wie gesagt nichts anderes als eine Uniform. Und obschon ich durchaus kein Militarist bin, unterschreibe ich sofort den Satz, dass jede Art von Uniform bei ihren routinierten Trägern einen korrekten Sinn sowie ein knapperes strackeres Betragen befördert – und das heisst: Die Engländer wirken im Anzug gut und graziös, ob er nun von Marks & Spencer kommt oder den typischen Savile-Row-Schnitt hat: einreihig, das Jackett relativ lang (seine Kante sollte bis zum ersten Daumenknöchel gehen) und sanft tailliert, schmal in den Hüften und scharf in den Schultern. Vor allem. Denn die Schultern sind das Wichtigste beim Anzug. Ich wiederhole: Die Schultern sind das Wichtigste beim Anzug. Es scheint so viele Regeln und Einzelheiten zu geben, aber die sind alle zweitrangig: Der Anzugkragen legt sich unterhalb des Hemdkragens um den Nacken, so dass das Hemd etwa anderthalb Zentimeter übersteht. (Ein abstehender Anzugkragen, fachsprachlich als jacket gape bezeichnet, ist kein gutes Zeichen, sondern gemäss Paul Fussell ein Klassenstigma.) Der Ärmel reicht bis zum Handgelenkknochen. Die Hemdmanschette ist ungefähr anderthalb Zentimeter länger und bedeckt das Handgelenk. Die Bügelfalte der Hose läuft über die Mitte des Knies und stösst mittig auf den Schuh. Der Hosensaum liegt im Stand auf dem Schuh auf und berührt den Absatz. Die Krawattenspitze sollte genau bis zum Hosenknopf reichen, das heisst sie bedeckt die Gürtelschnalle zur Hälfte. Und so weiter und so weiter. Und selbstverständlich lässt sich der Schnitt nicht unabhängig vom Stoff betrachten. Ein ordentlicher Anzug sollte zu mindestens 98 Prozent aus Naturfaser, also Schurwolle, Kaschmir, Mohair, Seide, Baumwolle, Leinen oder deren Mischung bestehen, und natürlich kostet das mehr als ein Polyester-Tanker. Bei Schurwolle unterscheidet man zudem nochmal nach der Garnfeinheit – davon hängen die Klimaeigenschaften, das Gewicht und das Fliessen des Stoffes ab. Je feinfädriger das verwebte Garn, umso teuerer der Oberstoff – und desto leichter knittert er leider auch.

Das alles (und noch viel mehr) können Sie in 587 Interweb-Ratgebern nachlesen oder auch Ihrem Schneider oder Konfektionsverkäufer überlassen, denn es rüttelt alles nicht am Fundament der Anzuglehre: Das Wichtigste ist der Schnitt. Und das Wichtigste beim Schnitt ist die Schulterpartie. Auch teure Anzüge sehen übel aus, wenn sie nicht richtig sitzen. Schlechter Sitz in den Schultern bedeutet regelmässig falsche Länge der Ärmel. Bei geschlossenem Jackett sollten Ihre Faust zwischen Ihre Brust und den Stoff passen – nicht mehr, nicht weniger. Der Stoff darf nicht über den Schulterblättern spannen und nicht zentimeterweit über die Schultern hinausragen, was dann natürlich zu viel zu langen Ärmeln führt, womit wir, neben den Socken, schon den die wesentlichen Makel in der Erscheinung mitteleuropäischer Geschäftsmänner aufgelistet hätten, die bei Konfektionsware offenbar ein paar Kröten für den Änderungsschneider scheuen und ihren Anzug also lieber tragen wie ein Konfirmand in einem Bauernschwank seinen Sonntagsstaat. Übrigens möchte ich anfügen, dass trotz Ausreissern wie dem oben abgebildeten die schweizerischen Geschäftsmänner überdurchschnittlich gut angezogen sind. Ein weiterer Vorteil des internationalen Finanzplatzes. Gott schütze ihn.

Wieso hinken die Mitteleuropäer hinterher?

Wieso aber hinken die Mitteleuropäer grundsätzlich und durchschnittlich in Anzugfragen hinterher? Das ist doch schon deswegen erstaunlich, weil neben den 587 Internetratgebern heutzutage auch schon auf jedem drittklassigen Business Coaching propagiert wird, dass man in der Geschäftswelt mit Vorteil schlicht und gediegen auftritt und auf laute Muster, zudringliche Krawatten, farbige Hosenträger oder alles sonstige tunlichst verzichten sollte, womit der Träger möglicherweise aussieht wie Flokko der Clown (und ich persönlich würde diese Verbotsliste gerne noch erweitern um billige Aktenkoffer mit Zahlenschloss und aufgeklebten Initialen, Laptop-Taschen aus aggressiven Kunstfasern sowie Krawattennadeln und Gürtelschnallen aus Katzengold). Das Problem aber ist, dass zum Beispiel die Deutschen, das grösste Geschäftsvolk in Mitteleuropa, durch all diese vermeintlich komplizierten Anzug-Regeln (und durch ihre Sozialisation, die den Anzug als etwas Besonderes begreift) einen derartigen Respekt vor dem Anzug aufgebaut haben, dass sie entweder aus Angst vor ein paar Knitterfalten (und aus Knickrigkeit) gleich zu den erwähnten Polyester-Tankern greifen – oder in kindische Trotzreaktionen verfallen, indem sie durch pseudo-unkonventionelle Varianten dem Anzug seinen Schrecken nehmen wollen. Das führt dann zu Entsetzlichkeiten wie T-Shirt zum Zweireiher oder Turnschuhen zu Nadelstreifen. Sowie dem ständigen Ablegen des Sakkos bei jeder sich bietenden Gelegenheit, wie das der fürchterliche Herr Steinbrück seinerzeit gerne beim G-8-Finanzministertreffen praktizierte. Das alles ist falsch und peinlich. Das Anzugtragen ist vielmehr, wie der souveräne Auftritt in jeder Form von Garderobe, in erster Linie eine Frage der Attitüde und der Einsicht, dass die Überwindung einer Konvention in ihrer gelassenen Vollendung liegt. Punkt. Oder, wie ein grosser deutscher Brioni-Träger gesagt hätte: Basta.

77 Kommentare zu «Business Class»

  • Ursula sagt:

    Die Engländer mögen zwar gewandt sein im Tragen von Anzügen, wahrscheinlich tatsächlich, weil sie bereits in der Schule nur Uniformen gewohnt sind. Dafür wissen sie sich ausserhalb des Bereichs der Uniformen überhaupt nicht zu kleiden. Ausserhalb des Schul- bzw. Geschäftsalltags sind die Engländer und Engländerinnen sehr oft sehr geschmacklos gekleidet (man gehe an einem Samstag Abend in irgendeiner englischen Stadt in den Ausgang, dann sieht man sofort, was ich meine). Wenigstens das kommt in Ländern wie der Schweiz, wo nicht bereits Kinder Uniformen tragen müssen, nicht vor.

  • Stefan Müller sagt:

    Der Blogschreiber ist der Ansicht, man sollte Kniesocken zu Anzügen tragen. Mit einer solch absurden Ansicht entwertet alles, was im Artikel noch folgt, indem er zeigt, dass gänzlich frei von Geschmack ist. Wer die Hosen in der richtigen Länge hat, normal lange dunkle Socken trägt und dazu schaut, dass diese nicht hinunter gestreift sind, hat auch kein Problem bzgl. käseweissen Waden, die sichtbar werden. Wadenwärmende Kniesocken, die allenfalls noch einen Blutstau verursachen, sind ein schlichter Irrsin. Und Nylonstrumpf-Kniesocken wie die Frauen kann Mann ja schliesslich nicht tragen.

    • Mark Aurel sagt:

      Kniesocken müssen nicht sein. Definitiv nicht. Aber Wadensocken gerne. Die bedecken sorgsam jede Wade.

    • J E Widmer sagt:

      Herr Mueller, offenbar haben Sie noch nie gute (wirklich gute!) Kniesocken getragen. Gute Kniesocken sind wesentlich bequemer als normale und FOERDERN die Durchblutung, indem Sie oberhalb der Wade sitzen. Kniesocken helfen uebrigens auch bei langen Fluegen das sogenannten Economy Syndrom (Blutstau bei langem Sitzen) zu reduzieren – gluecklicherwise reise ich nie in der Economy Class auf langen Fluegen, trage aber trotzdem Kniesocken. Ich trage nur in London massgeschneiderte Anzuege und selbst bei richtiger Beinlaenge gehoeren Kniesocken zu einem guten Anzug! Mode kann man kaufen, Stil nicht.

    • Dominic Hassler sagt:

      Leider falsch.
      Die Hose mit der richtigen Länge verdeckt die Waden eben gerade nicht, sobald das Bein angewinkelt wird. Versuchen Sie es mit ganz normalen schwarzen Kniesocken. Die müssen Ihnen weder das Blut abschnüren noch aus Nylon sein.
      Woher kommt Ihre Kniesockophobie, die durch ihre blosse Erwähnung dazu führt, dass Sie dem Autor jeglichen Geschmack absprechen?

  • Bruno sagt:

    Interessant, über was sich die neuste Yuppie-Generation so ihre Gedanken macht und empört. Aber über was soll man sich denn sonst beim Latte Machiato trinken an der lässigen Langstrasse unterhalten?

  • Paul Jäger sagt:

    Ist dieser Bericht jetzt wirklich ernst gemeint? Irgendwann hab ich nur noch runter gescrollt, weil sich alles wiederholt – langweilig. Aber ich finde es schön, wenn hier Einheitsbrei propagiert wird. Und genau wegen solch kritischer Blicke sieht man in Zürich nur (zu 97%) dunkle Anzüge mit weissem Hemd und blauer oder roter Krawatte. Lebenslust und Individualität? Fehlanzeige.

  • Mark O. Vischer sagt:

    Alles Unsinn. Ein echter Engländer, der eine neue Schale gekauft hat, was er nur höchst ungern tut, denn alles neu Aussehende ist ihm zutiefst ein Gräuel, wetzt zuerst einmal die Ellbogen- und Kniepartien mit Schmirgelpaper ab. Er achtet keineswegs auf die Schultern, sondern vor allem darauf, dass der Schneider noch mit den Schnitten vertraut ist, die vor mindestens 40 jahren in Mode waren. Anschliessend geht er damit im kalten Winter ohne Mantel auf die Strasse, wobei er sich einen von Motten zerfressenen Schal um den Hals wirft. Und das Verrückte ist: dabei sieht er unverschämt cool aus 🙂

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