Selbstekel der Privilegierten

Germany Berlin Pussy Riot

Am Wochenende artikulierte Kollegin Birgit Schmid in einer «Polemik» ihr Unbehagen am modernen Feminismus, den sie als Lifestyle-Phänomen bezeichnet, als dekadente Erscheinung, da ja die Frauen im Westen nicht mehr benachteiligt seien und sich also nur noch beklagten um des Beklagens willen, womit die Autorin impliziert, dass Frauenanliegen Auswüchse einer sich selbst reproduzierenden Opfer-Industrie sind. Man könnte auch sagen, die Autorin leidet unter feministischem Selbstekel.

Dazu gibt es ein paar Dinge zu sagen. Erstens mag Schmid durchaus recht haben, sofern sie über sich selber spricht. Schliesslich ist sie in diesem Themenbereich tätig, vor einigen Wochen etwa lobte sie das schwedische Modell im Umgang mit der Prostitution, das durch die Kriminalisierung der Freier ausschliesslich Männern die Verantwortung für das ganze Gewerbe zuschiebt. Ein Modell, welches übrigens die organisierten Sexworkerinnen alles andere als toll finden, genau so, wie sie es nicht mögen, wenn pivilegierte Frauen und Autorinnen wie Schmid über Prostitution schreiben. Sie wittern hinter deren Ansichten eine moralische Position, welche Bezahlsex aus Prinzip schlecht macht.

Was Privilegien von schreibenden Frauen angeht, nehme ich mich nicht aus. Trotzdem glaube ich, dass Schmid irrt, wenn sie den Feminismus als Phänomen der Dekadenz klassifiziert. Sie irrt auch in einem weiteren Punkt: Wer sich als Feministin outet, gewinnt keineswegs nur Freunde, sondern in erster Linie viele Feinde. Spannend wird es bei den Genderdiskussionen aber dann, wenn man genau hinschaut, nicht nur von sich selber spricht, sondern versucht, die grossen Linien zu sehen. Seit ich zur Thematik publiziere, wenden sich viele Frauen mit Berichten über Sexismus und strukturelle Hindernisse an mich. Es sind Geschichten, wie ich sie selber nie erlebt habe und von denen man heute auch kaum mehr prominent liest. Nicht, weil sie nicht mehr stattfinden, sondern weil niemand mehr hören mag, dass Frauen Opfer seien.

Genau deshalb aber ist es wichtig, den Feminismus nicht als Reproduktionsmaschine eines Täter-Opfer-Schemas zu verstehen, sondern  genau hinzuschauen. Es geht eben gerade nicht darum, Männer und Frauen gleichzumachen, sondern die Unterschiede herauszuarbeiten und darüber nachzudenken, wie die sich im täglichen Leben auswirken. Wenn eine Frau einen Mann fälschlicherweise der Vergewaltigung bezichtigt, dann ist das eine Schweinerei – das festzuhalten sollte ebenfalls ein feministisches Anliegen sein, wenn es tatsächlich um Gerechtikgeit geht. Oder nehmen wir die Frauenquote. Schmid beklagt sich, wer sich heute in ihren Kreisen gegen eine Quote äussere werde angeschaut, als habe er sich für Kinderarbeit ausgesprochen. Interessant wären aber doch die Argumente. Zum Beispiel, dass es tatsächlich weniger Frauen gibt, die sich für Führungsposten interessieren. Dass, wenn bei einem Bewerberumfeld von neun Männern und einer Frau letztlich ein Mann gewinnt, acht Männer verloren haben, aber nur eine Frau. Dass die Downside der Quote auch bei den Entlassungen spielen kann. Wenn es zum Beispiel darum geht, ob eine schlechte Mitarbeiterin oder ein schlechter Mitarbeiter entlassen wird, man sich eher vom Mann trennen wird, um einer imaginären Frauenquote zu genügen. Es ist nicht einfach, eine gerechte Gesellschaft zu imaginieren, gerade deshalb müssen wir genau hinsehen und nicht nur an uns selber denken, sondern auch an die weniger Privilegierten.

Man kann sich auch an die Fakten halten. Das Unternehmen, für welches ich arbeite, hat kaum Frauen in Führungspositionen. Im Zuge einer anstehenden Neustrukturierung bekannte man sich also dazu, diese Frage anzugehen. Bei der Neubesetzung der Chefposten in den vergangenen Wochen wurde aber wiederum keine Frau berücksichtigt. Und als in unserer Abteilung jüngst eine Retraite durchgeführt wurde, bei der die Chefs, die Ressortleiter und ihre Stellvertreter ausser Haus weilten, durfte ich feststellen, dass das Büro plötzlich fast nur noch von Frauen besetzt war. Solche Phänomene auf ihre Ursachen zu durchleuchten lohnt, sofern man nicht nur in Begriffen der Benachteiligung denkt, sondern die speziellen Bedingungen herauszuarbeiten versucht, unter der die Geschlechter operieren, Männer und Frauen auf ihre je eigene Art. Erst dann kann man auch Lösungen finden, diesen oft komplementären Veranlagungen auch Rechnung zu tragen.

Im Bild oben: Eine junge Frau demonstriert in Berlin ihre Solidarität mit der russischen Frauenband Pussy Riot. (Keystone)