Sex gegen Nervenschwäche

Producer Robert Evans poses at the second annual

Ich lese unter anderem gerade die exzellente Max-Weber-Biografie «Ein Leben zwischen den Epochen» von Jürgen Kaube, meine Damen und Herren, und dort, im achten Kapitel «Der nervöseste Mensch der Erde» – Max Webers Obsessionen und sein Zusammenbruch, bin ich auf folgende Passage gestossen: «Zunächst mochte Weber die eigene Nervosität, seine gehetzte und überarbeitete Existenz als blosse Teilhabe an einer Zeiterscheinung vorgekommen sein. Denn das Zeitalter selbst wurde damals als ‹nervös› charakterisiert, die Nervenschwäche und der Nervenzusammenbruch galten als ‹die Krankheit unserer Zeit›. Gemeint waren Folgeerscheinungen der industrialisierten, urbanisierten und technischen Zivilisation, die zu Reizüberflutung, Termindruck, beschleunigter Kommunikation, Verzettelung im Alltag und ‹tierischer Arbeitsamkeit› (Robert Musil) geführt habe. 1870 hatte der amerikanische Psychiater George M. Beard den Begriff der ‹Neurasthenie› für nervliche Schwächezustände geprägt, die angeblich aus all dem hervorgingen … Das zentrale Bild dieser Beschreibungen sind die ‹Nerven›. … Lange schien das Hauptproblem die Abstumpfung der Nerven, also die zu geringe Reizbarkeit der Melancholiker und Hypochonder. Für die Zeit ab 1880 hingegen ist das Gefühl typisch, die Nerven seien von dem ihnen Abverlangten überfordert.»

Klingt Ihnen das vertraut? Sonst ersetzen Sie mal «Neurasthenie» durch «Burn-out».

Weiter heisst es: «Weber wird therapiert mit: kaltem Wasser, lauwarmen Bädern, Packungen, frischer Luft, Ruhe, Diät, Hypnose, elektrischem Reizstrom, Anregung des Stoffwechsels, Ermunterung zum ehelichen Geschlechtsverkehr, Beruhigungspillen gegen Erektionen, Tonmodellieren, Alkoholverbot, Gymnastik, Tiefenatmung, Massage, Brom, Trional, Veronal, Heroin und ‹Opiumsalbe›. Man beruhigt, und man reizt, regt an und entspannt, will vom Problem ablenken und aufs Problem konzentrieren. Und warum so gegensätzlich? Weil es für die Heilwirkung des Entgegengesetzten jeweils eigene Theorien gibt. Oder sagen wir besser: eigene Vokabulare, denn Weber selbst wird später schreiben, die Nerventherapie entbehre vorerst jeder Theorie und sei ‹nun einmal vorerst eine auf rein empirisches Probieren angewiesene Kunst für jeden einzelnen Fall› … dieses Bild verlangt im Wechselbad der Therapien sein Opfer: den Patienten, der am Ende, wie Weber, ständig beides ist, erregt und erschöpft.»

Das war vor 120 Jahren. Manchmal hat man doch den Eindruck, trotz der allgemeinen Beschleunigung ändert sich gar nicht so viel in der menschlichen Pathologie und Kulturgeschichte. Man muss bloss Wesen und Erscheinung auseinanderhalten.

Apropos Erscheinung: Ich möchte nun gerne noch jemand würdigen, der auch gelegentlich Probleme mit den Nerven hatte: Robert Evans. Der legendäre Produzent und ehemalige Studiochef der Paramount Pictures, einst von Norma Shearer am Swimmingpool des Beverly Hills Hotel entdeckt, feiert seinen 85. Geburtstag.

Robert Evans ist immer herrlich braun gebrannt und einer der letzten Playboys in einer Zeit, in der dieser Begriff, wie «Manager», eigentlich nicht mehr verwendet wird. Zur Person und zum Phänomen Robert Evans empfehle ich die Dokumentation «The Kid Stays in the Picture». Hier wird eine Hollywoodkarriere gezeigt, die heute nicht mehr möglich ist, ganz oben und ganz unten. An seinem Tiefpunkt war Evans ein Hollywood-Pariah, drogensüchtig, mittellos und unschuldig in den sogenannten Cotton-Club-Mordfall verstrickt. Ein Nervenzusammenbruch führte ihn in die geschlossene psychiatrische Abteilung. Und dann wurde er gerettet, durch den Funken, der in ihm glomm, und nicht zuletzt auch durch Jack Nicholson.

Im Jahr 1998 erlitt Evans, als er eben in seinem Screening Room dem Produzenten Wes Craven ein Projekt darlegen wollte, einen heftigen Schlaganfall. Indem er auf dem Fussboden kollabierte, blickte Evans zu Craven auf und sprach die Worte: «I told you, Wes, there’s never a dull moment around here.»

Und ob das stimmt oder von Evans selbst in Umlauf gesetzt wurde, ist völlig wurst; entscheidend ist, dass man es ihm glaubwürdig zurechnet. Happy Birthday, Robert Evans!

Bild oben: Produzent und Playboy: Happy Birthday, Robert Evans! Foto: Marioa Anzuoni (Reuters)