Peinliche Körper

valleys_663

Heute, meine Damen und Herren, sprechen wir über Scham. Das Fernsehen hat mich dazu inspiriert. Die Scham, die nach Georges Bataille «das Gefühl der Obszönität» ist, stellt ein erworbenes, veränderliches und damit kulturelles Verhalten dar. Ich lese unter anderem gerade «Sex. Eine kleine Philosophie» von André Comte-Sponville. Dort wird der Autor Emile Chartier, besser bekannt als Alain, wie folgt zitiert: «Jede Tugend setzt eine entgegengesetzte Neigung voraus, die von der Tugend bekämpft oder überwunden wird. Folglich ist die Scham als Tugend unauflöslich mit der Schamlosigkeit verknüpft, sie setzen sich gegenseitig voraus und verstärken die Versuchung und das Begehren.»

Diese Ambiguität der Scham hat, auch dies wird erwähnt, bereits Immanuel Kant in seiner Schrift «Mutmasslicher Anfang der Menschengeschichte» von 1786 festgestellt: Die Scham macht eine Neigung «dadurch inniglicher und dauerhafter… dass man ihren Gegenstand den Sinnen entzieht». Verführung und Sublimierung wirken zusammen und verstärken sich gegenseitig.

Was nun die kulturelle Dynamik der Scham anbelangt, so hat der Journalist und Literaturkritiker Ulrich Greiner in seinem im letzten Jahr erschienenen Buch «Schamverlust – Vom Wandel der Gefühlskultur» unter anderem konstatiert, dass einerseits die Sexualscham an Virulenz verlorenen habe, andererseits aber eine stärkere Statusscham an ihre Stelle getreten sei. Also: Das spätmoderne Subjekt hat weniger Skrupel, Nacktselfies von sich anzufertigen und zu verschicken – aber bitte immer auf dem neuesten iPhone.

Falls dieser alltagskulturell hinreichend abgesicherte Tatbestand noch eines Beweises bedurft hätte, so wurde er mir neulich geliefert, als ich mit Richie, dem besten Ehemann von allen, vor dem Fernseher auf dem Sofa lag. Wir hatten eben den «Literaturclub» gesehen, und jetzt schalteten wir weiter und auf MTV lief: «The Valleys». Das läuft schon seit Jahren. Ich hatte das nur nicht so wirklich wahrgenommen. Aber jetzt. Und ich muss sagen: «Jersey Shore» ist der «Literaturclub» dagegen. Schamloser gehts nun wirklich nicht; jedenfalls nicht im Fernsehen. Dachte ich. Aber dann schalteten wir weiter, und auf dem britischen Sender Channel 4 begann «Embarrassing Bodies».

Die Mission letzterer Sendung, die ebenfalls seit Jahren läuft, lautet: Professionelle Ärzte inspizieren mit dem Ziel der Heilung und Destigmatisierung vor laufender Kamera Beeinträchtigungen des Wohlbefindens, welche die allermeisten Leute aus Scham eher ignorieren würden, als damit eine Arztpraxis aufzusuchen. Und eine solche Mission ist ja irgendwie nicht grad in Bausch und Bogen zu verdammen, wenn dadurch Leben verbessert und gerettet werden; mir persönlich ist bloss nicht ganz einsichtig, wieso jemand, der sich aus Scham nicht traut, zum Arzt zu gehen, ohne weiteres vor einem Millionenpublikum die Hosen runterlässt. Passiert aber. Eine weitere faszinierende Volte der Spätmoderne. Und «Hosen runter» kann getrost wörtlich verstanden werden; an besagtem Dienstagabend lief das «Embarrassing Bodies Penis Special». Wie las ich bei Comte-Sponville: «Die Transgression setzt das Gesetz voraus und bestätigt es auf ihre Art. Umgekehrt setzt das Gesetz die verführerische Möglichkeit der Transgression voraus.» Und ich möchte anfügen: Zum Glück kann man immer noch abschalten, bevor die Transgressionen unerträglich werden.

Bild oben: Die Protagonisten aus «The Valleys» scheinen frei von jeglichem Schamgefühl. (PD)

9 Kommentare zu «Peinliche Körper»

  • Henry sagt:

    Ein interessanter Text mit einer, zumindest für die meisten Menschen, falschen Schlußbemerkung. Da der Herr Doktor dieses unglaubliche Privileg genießt, so er will, täglich in der Bahnhofstraße zum Paradeplatz zu gehen kann, ist ihm wohl nicht klar, daß wir anderen „Bewußten“ aus der „RTL2 Nummer“ nicht mehr rauskommen. In den Innenstädten von Karlsruhe, Pforzheim oder Reutlingen etc. läuft immer Prekariats-TV, da man nicht mehr um-oder ausschalten.

  • Philipp Rittermann sagt:

    absolut. ich komme nicht drum herum festzustellen, dass die menschheit je länger je dämlicher wird. gerade die exponenten/innen dieser reality-soaps tun wirklich alles dafür sich erfolgreich zu entblöden. hauptsache man ist im fernsehen….früher waren menschen mit einem iq unter 80 im heim – heute sind sie im tv zu sehen.

    • The it sagt:

      hhhhhhhh, wahrscheinlich ist eine Unterbelichtung im Leben lukrativer Herr Rittersmann…..:)

    • Stefan Effenmann sagt:

      schon richtig, aber wieso „entblöden“, doch eher „verblöden“, was wiederum nicht selten mit „entkleiden“ einhergeht. Auch sind es doch weniger Exponenten, als vielmehr Exponate, zum Teil auch nur einfach Sexponate. Weiter: Mit dem IQ hat das weniger zu tun, sieht man einmal von denen ab, die in den beliebten Fragerunden zum Beispiel von Giacobbo die Frage erhalten: „Auf welchem Kontinent liegt Südafrika“ und die dann am Ende froh sind angeben zu können, in welchem Einkaufszentrum sie sich befinden. Diese soziale Dämlichkeit, die Sie vermutlich meinen, ist leider nicht testpsychologisch messbar

  • Dom sagt:

    SIe schreiben sie verstehn nicht warum Leute aus Scham nicht zum Arzt gehen. Embarassing Bodies wird in England produziert. Dass die Leute nicht zum Arzt gehen hat nichts mit Scham zu tun, sondern deren Gesundheitssystem. Wenn man das UK NHS (National Health Service) kennt, dann weiss man, dass dem Normalbürger, der sich keinen teuren Privatarzt/Privatspital leisten kann, nicht nur stark begrenten Zugang zu Spezialisten hat sondern lange Wartezeiten und endlose Bürokratie in Kauf nehmen muss. Also warum nicht in die Sendung, wo einem Zugriff zum Spezialisten schnell und kostenlos gegeben wird?

  • Meinrad sagt:

    Zitat: „Ulrich Greiner … konstatiert, dass einerseits die Sexualscham an Virulenz verloren habe, …“ – Das stimmt „in der Realität“ (TV sei hier irrelevant), gilt aber nur für den Partner und allenfalls den allerengsten Freundeskreis. Ausserhalb davon hat sich („in der Realität“) die Sexualscham m.E. sogar eher (wieder) verstärkt. Wo ganz genau die Grenze des Inner- und Ausserhalbs liegt und was für diese Grenzziehung der Grund sein könnte: Dem hirne ich schon seit Langem nach, aber ich komme nicht drauf. Anders: Wie trifft man die Auswahl an Empfängern etwa für Nackt-Selfies? Warum?

  • Jean-Paul sagt:

    Schade, der Text beginnt spannend mit dem Hinweis auf die Beziehung zwischen Scham, Neigungen und Subjekt (danke für das Kant-Zitat). Da wäre noch so viel interessantes zu erforschen. V.a. bezüglich der Konstitution des „spätmodernen“ Menschen, und zwar im Sinne von: Wenn Scham das „Innerste“ eines Menschen ausmacht, was sagt uns dies über die schamlose Subjektivität?

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.