Weihnachten im Zweireiher?

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Heute ist Heiligabend, meine Damen und Herren, und morgen ist Christmas Day, und darauf folgt der Stephanstag, und einige Leute ziehen sich für die Feiertage hübsch an, und das finde ich schön; es muss ja nicht gleich Black Tie sein. Oder, für den Herren, ein Zweireiher. Ich gebe es zu, gleich zu Beginn: Ich selbst sehe im Zweireiher stets ein wenig aus wie Blake Carrington. Wie Blake Carrington, der einen anderen, kleineren Blake Carrington verschluckt hat, um genau zu sein. Und daraus leitete sich, auch dies sei gleich vorweggenommen, schon früh meine Auffassung in Bezug auf den zweireihigen Blazer ab: Jeder, der (wie ich) kleiner ist als einsfünfundachtzig, sollte die Finger davon lassen. Denn die Doppelknöpfung lasst auch durchschnittlich grosse Männer tendenziell gestaucht erscheinen, und aufgrund des zusätzlichen Materials und des für Zweireiher typischen geraden Abstichs, der einen eher kastigen Schnitt suggeriert, sieht man schnell aus wie ein Quader.

Es gilt also (wieder einmal): Die Grösse ist entscheidend. Deshalb kann Nicolas Sarkozy keine Zweireiher tragen, Prince Philip hingegen schon. Ausserdem darf man sich im Zweireiher strenggenommen nicht hinsetzen, und es ist unschicklich, ihn im Stehen zu öffnen, sonst erinnert das Ganze an ein verwehtes Beduinenzelt. Dies alles scheint so einschränkend zu wirken, dass man sich beinahe darüber wundern möchte, dass der scharf auf Figur geschnittene, dunkelblaue zweireihige Blazer trotzdem zu den Klassikern des Gentleman Style gehört, und zwar in der Abteilung «Smart Casual». Wenn dem nicht so wäre, würde ich diese Kolumne gar nicht schreiben. Und, mehr noch: der Zweireiher ist wieder in Mode. Seit gefühlten elf Saisons. Allerdings natürlich (und Gott sei Dank) nicht mehr in der Power-Dressing-Form, mit Linebacker-Schultern und Thierry-Mugler-Taille. Sondern in einer kürzeren, weniger strukturierten, legereren Variante, als Sechsknöpfer von Prada oder als Blazer aus Tweed oder Seersucker zum Beispiel von Labels wie der US-Marke Band of Outsiders. Also das Gegenteil von Blake Carrington.

In dieser leichteren Machart des Zweireihers wird elegant das Problem umschifft, dass der zweireihige Blazer als Einzelstück, sofern er nicht in Navyblue mit Messingknöpfen daherkommt, immer Gefahr läuft, wie die verlorene Hälfte eines Anzugs zu wirken. Gerade die knapp sitzende Regatta-Version mit abgesetztem Saum und aufgesetzten Taschen, wie man sie von den englischen Public Schools kennt, entspricht der Mode, sieht aber für die Geschäftswelt – und auch für Weihnachten – zunächst ziemlich dandyesk aus.

Womit wir ein anderes Modephänomen berühren, das mit dem Wiederauftauchen des Zweireihers Hand in Hand geht: die Rückkehr des Dandy. Ja, flamboyance is back – und hat längst die High Street erreicht: sogar Kettenmarken wie Cos, Topman und Mango warten mit Seidenfliegen, Schalkrägen und Pea Coats auf, eine Eigenwilligkeit der Mode, für die Oscar Wilde, der Vater aller Dandies, uns folgende Begründung liefert: «Mode ist eine so unerträgliche Form der Hässlichkeit, dass wir sie alle sechs Monate ändern müssen.» Und auch der Nadelstreifen, der einst die Geschäftspsyche symbolisierte wie nichts sonst, macht Platz für die sogenannte New Uptown Uniform (NUU): Navyblauer Zweireiher, kombiniert mit extravaganten Kaschmirschals zum Beispiel von Drake’s und farbenfrohen Strümpfen von Corgi, die wiederum in Tassel Loafers stecken.

Der Dandy an sich ist ein sartorialer Archetyp, wie der Zweireiher. Allerdings ist «Dandy», wie wir in diesem Magazin bereits verschiedentlich festgestellt haben, nicht gleichbedeutend mit «Rummelplatzfigur». Auch hier gilt eine alte, zeitlose Regel: Flamboyante Effekte verhalten sich in ihrer Wirksamkeit und Glaubwürdigkeit proportional zur Maskulinität des Trägers. Mit anderen Worten: Die gegenwärtige Mode ändert nichts daran, dass man immer noch einigermassen gross, schlank und wenn irgend möglich diesseits der 50 sein sollte, um im Zweireiher mit Schal und Fliege nicht auszusehen wie ein Bausparberater auf Ecstasy.

Aber sofern diese Voraussetzungen erfüllt sind, geht in der Tat neuerdings Einiges, um den inhärent konservativen Appeal des Doppelreihers zu ironisieren: Dann kann man zu grauem Flanell schon mal pastellfarbene Rollkragenpullover von Ralph Lauren anziehen (als Hommage an Robert Evans) oder ein Vintage Polo Shirt von Lacoste oder Penguin – oder sogar: Shorts. Alles fine and dandy. Nur vielleicht nicht gerade Radlerhosen, weil man dann aussieht wie das überlebende Mitglied von Milli Vanilli, und diesfalls greift nicht Oscar Wilde, sondern ein anderer Prophet der Moderne, nämlich der spanische Künstler Francisco de Goya: «Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer.» – Damit aber will ich für heute nicht schliessen, sondern mit meinen Wünschen für Sie, geschätzte Leserschaft: je nach Religion, Konfession oder Fasson wünsche ich ein frohes und gesegnetes Hanukkah und/oder Weihnachten und/oder einfach nur glückliche, schöne und erholsame Feiertage! Bis nächsten Montag. Dann sehen wir uns wieder.

«Mode ist eine so unerträgliche Form der Hässlichkeit, dass wir sie alle sechs Monate ändern müssen»: Oscar Wilde, Vater aller Dandies, 1882. Foto: wikipedia.com