Unmanierlichkeiten am Rand der Stratosphäre

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Heute vorweg mal wieder ein Hinweis, meine Damen und Herren: «The Comeback» ist zurück! Endlich, nach nur neun Jahren Pause, zeigt HBO die zweite Staffel jener fabelhaften pseudo Reality Comedy von und mit Lisa Kudrow. Ich habe jüngst in Amerika schon ein bisschen von dieser brandneuen Season gesehen, und sie ist genauso unter die Haut gehend und dort mit langsamer Peinlichkeit brennend und sengend wie die erste. Don’t miss it. Und nun zu was ganz anderem: «Mehr noch fast als anderswo hat man auf einer Luftreise Gelegenheit, sich von seiner besten Seite zu zeigen, zu beweisen, dass man sich so benehmen kann, dass man anderen Leuten nicht auf die Nerven geht», schrieb die heute weithin vergessene Benimm-Koryphäe Gertrud Oheim in ihrem Manierenkompendium «1 x 1 des guten Tons» im Jahre 1955 (oder jedenfalls in dessen 37. Auflage aus dem Jahre 1962, die ich besitze). Womöglich gelingt das mit der besten Seite aber nicht immer. Dieser Auffassung scheint jedenfalls der deutsche Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger zu sein, der einst in einem Interview mit dem «Zeit-Magazin» erklärte: «Das Betreten eines Flugzeugs gehört offensichtlich zu den schwierigsten Übungen, denen der moderne Mensch ausgesetzt ist. Es wird genestelt, gedrängelt, gestopft, ja manchmal auch um sich geschlagen. Die riesigen Dinge, die mit an Bord genommen werden: Ich weiss nicht, was es ist. In dieser Büchse ist der Mensch offensichtlich nicht gerne.»

Herr Enzensberger ist Mitte 80. Das ist ein Alter, in dem einem vieles auf die Nerven fällt und in dem man auf keinen Fall mehr Easyjet fliegen sollte, wie Herr Enzensberger dies offenbar tut, denn anders sind seine Eindrücke nicht zu erklären. Ja, wir wagen an dieser Stelle die Vermutung, dass er selbst vermutlich riesige Dinge mit an Bord nimmt: Butterbrote und aufblasbare Nackenrollen und Bachblütentropfen und was immer sonst der fliegende Senior eben gern dabeihat (liebe Senioren, bitte schreiben Sie jetzt keine Briefe, ich kämpfe mich immer noch durch die Stapel von damals wegen der Thrombosestrümpfe, danke). Natürlich gibt es auch jenseits von Free-Seating-Fluglinien gelegentlich den einen oder anderen ungehobelten Menschen, der sich unter Ausserachtlassung aller Höflichkeitsregeln seinen Weg an Bord bahnt (das sind regelmässig dieselben Reisenden, die auch später, wenn sie platziert sind, alle die vielen Verstösse gegen die guten Sitten begehen, die einen Menschen so unsympathisch machen können; – ja, dann sieht man eigentlich erst, wie weit ein schlecht erzogener Mensch sich vergreifen und vergessen kann).

Aber, das muss gesagt werden, die Mehrheit der Passagiere hält sich doch an die Maxime: Man kommt auch mit gesitteten Methoden zum Ziel, wenn auch manchmal einige Minuten später. So weit jedenfalls meine persönlichen Erfahrungen auf meinen letzten 37 Flügen. Eventuell also, jedenfalls deutet seine oben zitierte Äusserung darauf hin, gehört Herr Enzensberger zu jenen Fluggästen, die ständig was zu nörgeln haben. Was wiederum, auch dies sei hier deutlich gesagt, nicht vom Kabinenpersonal zum Anlass genommen werden darf, mal eben über die Notrutsche zu verduften. Ich vermerke das, weil ich mich neulich, als ich für dieses Magazin den Beitrag über Alkohol in der Luft schrieb, an Steven Slater erinnert habe, jenen Flight Attendant der Fluggesellschaft Jetblue, der vor ein paar Jahren kurzzeitig zum (Internet-)Helden wurde, weil er nach einer mutmasslichen Konfrontation mit einer mutmasslich renitenten Passagierin nach der Landung in New York JFK erst über den Lautsprecher seinen Unmut äusserte und dann unter Mitnahme einer Dose Bier die Maschine über die Notrutsche verliess, die er zuvor zu diesem Zwecke aktiviert hatte. Slater wurde später verhaftet und es stellte sich raus, dass seine Version der Geschehnisse mindestens äusserst fragwürdig war und er zudem diverse psychische, physische und Substanzmissbrauchs-Probleme hatte, worauf sein Status als zeitweiliges Freiheitskämpfersymbol einer sich als geknechtet empfindenden Serviceangestelltenklasse sofort den Bach runterging. Augenzeugen gaben zu Protokoll, Slater sei nicht provoziert worden, sondern habe sich von Anfang an unfreundlich und reizbar benommen; andere sagten offenbar aus, er habe auf sie nicht nüchtern gewirkt. Schöner Held! Oder, wie Frau Oheim es ausdrückt: «Denn nichts ist der Schönheit einer Luftreise abträglicher, als wenn einer – und dazu sicherlich grundlos – die Nerven verliert.»

Doch Steven Slaters 15 Minuten waren noch nicht ganz abgelaufen: Er lieferte noch das Vorbild für ein Halloween-Kostüm namens «disgruntled flight attendant».

1 Kommentar zu «Unmanierlichkeiten am Rand der Stratosphäre»

  • Peter Sieber sagt:

    Naja, als das Manierenkompendium geschrieben wurde gabs noch so Nettigkeiten wie Beinraum und richtiges Essen statt Sardinenbüchse und aufgewärmte Pampe. Da heute viele Menschen offenbar Angst haben, ihr Sitz fliege vor dem Rest des Flugzeugs ab scheinen zwei Drittel aller Passagiere in den hintersten zehn Reihen zu sitzen. Und zum Thema Handgepäck kann ich nur sagen, es ist überraschend was so alles als Handgepäck durchgeht. Es ist einfach einzusteigen wenn man sich vorbereitet. Gepäck wegräumen, hinsetzen. Wenn man in den Gängen steht und rumfummelt ist es einfach nur mühsam für die anderen.

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