Hat die Jugend keinen Ehrgeiz mehr?

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Also, meine Damen und Herren, ich sitze neulich so beim Frühstück mit Richie, dem besten Ehemann von allen, und herrlicher Aussicht auf den Central Park im herrlichen Mandarin Oriental Hotel in New York City, und plötzlich fällt mir die Gabel auf meine Eggs Benedikt, weil mir einfällt, dass ich vor unserem Abflug vergessen habe, «House of DVF» zu programmieren. Das ist diese Realityshow, wo eine Schar junger Damen darum kämpft, als Markenbotschafterin für die unverwüstliche Diane von Fürstenberg ausgewählt zu werden. Frau Fürstenberg, Erfinderin des Wickelkleides, ist eine Ikone der amerikanischen Gesellschaft, und der Umstand, dass sie nun, obschon sehr reich und berühmt, eine Realityshow präsidiert, mag als Indikator dafür durchgehen, worauf sich der Ehrgeiz in unseren spätmodernen Zeiten richtet: Besagte junge Damen wollen nicht bloss reich werden, sondern auch berühmt. Vor allem berühmt.

Im Jahr 1904 stellte Max Weber die These auf, dass die Arbeitsethik des Protestantismus die kulturelle Grundlage für das kapitalistische Wirtschaftssystem liefere. Und ein Zeitgenosse Webers, der Philosoph Max Scheler, beschrieb den ehrgeizigen «Streber» als den dominanten Sozialtypus der modernen Konkurrenzgesellschaft, angetrieben von einem zum Ressentiment verfestigten Neid und einem zum Habitus gewordenen Wetteifer. Doch das hat sich schleichend verändert, und zunächst fiel es niemandem auf. Seit den Siebzigerjahren beobachtet die Soziologie eine Art Umwertung, und jetzt erfüllt das gegenteilige Prinzip – hedonistische Selbstverwirklichung statt protestantischer Fleissübung – diese grundlegende Funktion der kulturellen Fundamentierung des Kapitalismus.

Gegenwärtig leben wir in einer Gesellschaft, die Selbstperfektionierung, die Arbeit am Ich, als Selbstgenuss postuliert; einer der letzten Leitwerte in der irreduziblen Vielfalt der uns allenthalten umgebenen Kontingenzkultur ist: Authentizität. Dafür steht auch Diane von Fürstenberg. Die Biografie als Projekt. Wenn jetzt also plötzlich alle aus ihrem Leben ein Kunstwerk machen wollen, dann ist das nicht nur ein ethischer, sondern auch ein sehr ehrgeiziger Imperativ: Lebenswelten und -formen werden ambitioniert durchästhetisiert, und das Pathos der Selbsterschaffung richtet sich auf die beiden grossen Ziele der Postwachstumsgesellschaft: Spass und Glück.

Spass

Der Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa veröffentlichte 2013 seinen kulturkritischen Essay «Alles Boulevard», dessen zentrale These lautet, dass die Kultur heute systematisch verramscht werde – als Folge eines Prinzips, über das, so Vargas Llosa, «Einigkeit zu herrschen scheint», nämlich: «dass Unterhaltung und Spass unser allerhöchstes Gut zu sein hätten».

Spass ist Zerstreuung, Vergnügen, Ablenkung, Betäubung. Die Allgegenwart einer Unterhaltungskultur, die den Anspruch auf Transzendenz aufgegeben hat und Genuss nur noch als Konsum vollziehen kann, trivialisiert das Kulturleben und zieht es ins Mittelmass herab, wobei formale Laxheit und inhaltliche Seichtigkeit der Kulturprodukte mit dem demokratischen Anspruch gerechtfertigt werden, die grösstmögliche Anzahl von Menschen zu erreichen.

«Es ist die Kultur, in der Unterhaltung das Wichtigste ist, in der Eskapismus und Spass die alles beseelenden Leidenschaften sind», schreibt Vargas Llosa. «Kultur» werde bloss noch als angenehme Art verstanden, die Zeit zu verbringen. Natürlich sei auch das Teil der Kultur, aber wenn sie am Ende nichts anderes mehr wäre, verlöre sie ihre Substanz und ihre Würde: Alles, was zu ihr gehörte, würde angeglichen und vereinheitlicht, bis eine Verdi-Oper, Kants Philosophie, ein Konzert der Rolling Stones und eine Vorstellung des Cirque du Soleil als gleichwertig betrachtet werden. Nicht zu vergessen: Realityshows.

Vermassung und Frivolität führen freilich auch dazu, dass der vermeintliche Spass ein Feld des Ehrgeizes wird. Das zeigt sich eben beispielsweise darin, dass jetzt plötzlich alle Kinder und Leute berühmt, also Superstars werden wollen; oder wenigstens Markenbotschafterin für DVF – und nicht mehr, wie früher, Polizist oder Tierärztin oder Philosoph. Hier offenbart sich einerseits ein geistloser Begriff von Berühmtheit, bei dem «Prominenz» nur noch mit Präsenz zu tun hat, nicht mehr mit Bedeutsamkeit. Und andererseits ein Verlust des gesellschaftlichen Interesses an den Intellektuellen, laut Vargas Llosa eine direkte Folge des geringen Ansehens, das das Denken in der Kultur des Spektakels geniesst. Vargas Llosa spricht vom «Primat der Bilder über die Ideen».

Glück

Nun ist es aber ein bisschen komplizierter. Das Vergnügen wird in der spätmodernen Gesellschaft einerseits über alles gestellt, andererseits abgeurteilt, zum Beispiel von Vargas Llosa, der mit seiner Kritik einer «Kultur des Spektakels» überhaupt nicht allein dasteht (auch hier zeigt sich Ehrgeiz, der Ehrgeiz der Kulturpessimisten, spätestens seit Oswald Spengler ebenfalls zweifelhaft beleumundet). Doch es gibt einen Weg aus dem Spass-Dilemma für das arme postdigitale Subjekt, das sich trotzig einen gewissen Anspruch bewahrt hat, nämlich: den Weg ins Glück. «Glück» ist das grosse Ziel.

Der spätmoderne Leistungsträger, oder, wie der Soziologe Ulrich Bröckling formuliert: «das unternehmerische Selbst», ist immer auf der Suche nach der Optimierung seines Potenzials; und so betreibt das Selbst die Glückssuche mit Konsequenz – oder eben: Ehrgeiz. Die Suche nach dem Glück und seinen Prädiktoren beschäftigt und ernährt inzwischen eine ganze Industrie: Selbsthilfebücher, Seminare und Siegelring-Spiesser wie Eckart Hirschhausen.

«Glück» scheint irgendwie anspruchsvoller als «Spass», irgendwie ganzheitlicher, bedachter, reifer. Allerdings fällt in diese Kategorie nicht nur Gruppenyoga auf Bali, sondern beispielsweise auch der Ehrgeiz, der sich auf Körpermodifikationen richtet: die optimale Gestaltung des Körperrohstoffs im Dienste sozialer Imperative. Was uns zur Frage bringt: Was ist überhaupt Glück? Immerhin beschäftigt die Frage nach dem Wesen des Glücks die Philosophie seit Tausenden von Jahren. Im Grunde geht es seit den alten Griechen immer darum, ob der Mensch das Glück nun eher in Tugend und Mässigung oder aber in Lust und Sinnenfreude finde, ob man das Glück eher ideell oder eher praktisch zu verstehen habe, geistig oder materiell.

Und: Wir alle haben ja eine mehr oder weniger vage Vorstellung vom Glück, diesem fantastischen Phänomen, schillernd und flüchtig. Die Heerschar der spätmodernen Glücksdeppen allerdings scheint blind für die Einsicht, dass sich das Glück nicht jagen lässt. Obschon besagte Einsicht früher zum literarischen Allgemeinwissen gehörte, von Heinrich Heine in diese unsterblichen Verse gekleidet: «Das Glück ist eine leichte Dirne / und weilt nicht gern am selben Ort / sie streicht das Haar dir von der Stirne / und küsst dich rasch und flattert fort.»

Das Ideal der Selbsterziehung

Wir sehen also, dass Ehrgeiz durchaus nicht verschwunden ist, sondern sich nur verirrt hat. Wir leben zwar nicht mehr in einer Arbeitsgesellschaft, in der Müssiggang verpönt ist; im Gegenteil, es wird uns gepredigt, dass wir entschleunigen müssen, bitte, schliesslich war der Müssiggang für Rousseau wie für Aristoteles der Angelpunkt der Philosophie. Aber irgendwie soll dieser Müssiggang dann eben auch wieder richtig betrieben werden, nicht so als zielloses Schauen, sondern: systematisch. Denn wir leben leider (wieder) in Zeiten, da alles, was nicht sinn- und zielgerichtet scheint, verrufen ist, bisweilen in geradezu neopuritanischer Manier. Auch wenn also jetzt die Parolen «Spass» und «Glück» heissen – sie werden mit systematischem Ehrgeiz verfolgt. Kein Wunder, dass das spätmoderne Subjekt von der Spass- und Glückssuche erschöpft ist.

Und wie kommen wir da wieder raus? Nö, nicht mit noch mehr Yoga. Sondern mit diesem uralten Hausmittel: Distanz. Ironie. Ironische Gelassenheit als Vermittlung zwischen Spass und Ernst, Geist und Leben, Glück und Schicksal. Und als Ideal der Selbsterziehung. Immanuel Kant ging davon aus, dass Selbstbestimmung nicht zuletzt Selbsterziehung bedeute – was ihm Kritiker bis heute vorwerfen, weil er mit diesem Autonomie-Ideal angeblich eine Generalmobilmachung der ehrgeizigen Leistungsethik in Gang gesetzt haben soll.

Aber das verfehlt den Punkt. Es geht auch nicht um das ehrgeizige Selbstperfektionierungsideal der Wellnessgesellschaft, sondern vielmehr um den alten aufklärerischen Gedanken der Perfektibilität: Der Mensch sei entwicklungs-, bildungs- und vervollkommnungsfähig. Das macht Individualismus aus. Es geht um Selbsterziehung, und es geht um Abstand.

Selbstironie aber ist nicht nur die schönste Form der Eigenliebe, sondern auch das beste Mittel gegen distanzlosen Ehrgeiz. Und jetzt entschuldigen Sie mich. Ich muss mit der Swisscom-App versuchen, die nächste Folge «House of DVF» zu programmieren. Das kann dauern. Währenddessen denken Sie bitte über Folgendes nach: A book dies every time you watch a reality show.

Bild oben: Diane von Fürstenberg, Erfinderin des Wickelkleids, auf der Homepage zu ihrer Sendung. Foto: pd