Wann ist man wo?

IMG_2430

Sie glauben nicht, meine Damen und Herren, wie oft ich als Verfasser dieses offenbar gern (oder jedenfalls rege) gelesenen virtuellen Magazins Anekdoten und Themenvorschläge zugesteckt bekomme. Zum Beispiel zum Thema Reisen. Wildfremde Leute in Flugzeugen flüstern mir zu, dass Hungern gegen Jetlag helfe, oder das Bordpersonal nimmt mich beiseite und erklärt mir, dass «Boarding Time» und «Boarding» entgegen weitverbreiteter Auffassung gar nicht dasselbe seien. Was mich nun direkt auf eine andere Frage bringt, die mich umtreibt, seitdem ich dieses Thema vor längerer Zeit von Flugkapitän Patrick Smith in seinem lesenswerten Blog Ask the Pilot behandelt sah: Wann ist man als Reisender eigentlich da?

Mit anderen Worten: Was konstituiert einen Besuch an irgendeinem Ort? Reicht beispielsweise ein Zwischenstopp zum Auftanken oder Transfer, oder ist eine Übernachtung erforderlich? Und wo? War man in Stockholm, wenn man nur Arlanda kennt? «You can do Athens in eight hours», konstatierte etwa mein texanischer Freund Derek vor ein paar Jahren, was mich irgendwie empörte, ich meine, ich bin kein riesiger Freund von Athen, es ist Smog verseucht und wenn irgendwer in der Stadt WC-Papier ins Klo wirft, bricht die gesamte Kanalisation zusammen, eine Schande für die angebliche Wiege der abendländischen Zivilisation, da können die doch direkt froh sein, dass dieser Akropolis-Fries im British Museum ist, sonst wäre er wahrscheinlich schon längst im Smog verrottet, egal, was Frau Clooney sagt – wo war ich? Richtig: Athen in acht Stunden. Und ich kam nicht umhin, mich zu fragen: Ist eine derartige Mentalität die Folge unserer modernen Reisekultur, deren unendliche Optionen zu Routen führen, bei denen man in 3 Wochen 15 Länder auf 6 Kontinenten besuchen kann, ohne einmal an der frischen Luft gewesen zu sein oder auf lokalem Boden gestanden zu haben – dank der Erfindung des geschlossenen Fingerdocks und des Hotels direkt im Terminal?

Genau so eine Monsterstreckenplanung – also 15 Länder auf 6 Kontinenten in 3 Wochen, ohne einmal an der frischen Luft gewesen zu sein oder auf lokalem Boden gestanden zu haben – hat Captain Smith in seinem Blog quasi als Selbstexperiment entworfen. Allerdings nicht faktisch abgearbeitet, denn so ein Trip ist natürlich der sinnbildliche Albtraum moderner Mobilität, indem man eigentlich nirgends war und nichts gesehen hat, bis auf das uniforme Innere von Flugzeugen, Terminals und Hotelketten. So was bedeutet natürlich keinen Besuch in einem anderen Land. Sondern höchstens Jetlag, Dehydrierung und Thrombose.

Vielleicht sollte man sich auf eine alte Weisheit besinnen, die der schottische Schriftsteller Robert Louis Stevenson schon vor über einem Jahrhundert formulierte: «Das Reisen ist Ziel an sich. Das Grossartige liegt in der Bewegung.» Kapitän Smith plädiert jedenfalls dafür, einen Aufenthalt nur dann als «Besuch» zu werten, wenn man wenigstens eine gewisse Zeit jenseits des Flughafens und seiner unmittelbaren Umgebung verbracht hat. Dann wären Dereks acht Stunden für Athen wohl immer noch mehr als ausreichend. Ich schliesse also diese Kolumne demütig mit der Einsicht, dass uns unsere amerikanischen Freunde an Pragmatik wieder mal weit voraus sind, und mit dem schüchternen Hinweis, dass man übrigens durchaus auch am Flughafen Lokalkolorit erleben kann. Wie ich neulich in Berlin-Tegel, als ich mit dem «National Enquirer» unterm Arm ins Zollbüro trat, und der Zollbeamte auf die Zeitung deutete und fragte: «Na, wat hat ’n Britney jetzt schon wieda anjestellt?»

10 Kommentare zu «Wann ist man wo?»

  • Irene feldmann sagt:

    Guten Morgen, mit einem Riesen lacher…:)

  • Ellen sagt:

    Was für tolle Zeilen. Man war in einem Land, wenn man mit einem local gesprochen hat, noch besser Kaffee getrunken hat. Im Flugzeug angekommen ist man, sobald man aus diesen Sesseln aufspringen kann und froh drum ist, das Flugzeug endlich verlassen zu können.

  • Philipp Rittermann sagt:

    also früher ging ich ja reisen um schlussendlich festzustellen, dass es im heimatland am schönsten ist. das ist ignorant, ich weiss. aber schweizerisch. heute bemühe ich mich beim reisen, unter berücksichtigung der bemühungen gewisser strömungen, die schweiz „verzuglobalisieren“ – (welch ein unwort), selektive auswahlkriterien für meinen lebensabend zu sammeln. dies für den fall, wenn ich mich genötigt sähe, mein persönliches wohl über die identifikation mit meinem heimatland zu stellen. noch tue ich mich schwer damit, noch. der druck bestimmt das ziel.

    • Pleroma sagt:

      Schade, dass der Druck das Ziel bestimmt, werter Herr Rittermann, und nicht die Entlastung des Drucks. Oder haben Sie dies möglicherweise mitgemeint unter Erwähnung des Begriffs „Druck“?

    • Philipp Rittermann sagt:

      *seufz* wieso nur…muss ich jedes wort auf die goldwaage legen…. 🙂

  • Meinrad Angehrn sagt:

    Stevenson: «Das Reisen ist Ziel an sich. Das Grossartige liegt in der Bewegung.» Lokalkolorit hat durchaus etwas sehr Gefährliches an sich, wenn man – immer am selben Ort lebend – älter wird und das eigene Herz aufgrund des bisweilen sehr dummen und unanständigen Verhaltens der lokalen Menschen härter statt weicher wird. Die konsonante Idee des Anstandes (wie ich sie nenne) gilt eben im Lokalen genauso wie im Fernen. Um der Dummheit und der Unanständigkeit mit Garantie entfliehen zu können, bleibt die Bewegung. Ohne Reisen und ohne Bewegung muss man hart bleiben im Weichen-Herz-Haben.

  • Pedro sagt:

    Es gibt durchaus etliche Leute, die solche Flug-Trips machen (zB Prag retour mit Extra-Meilen, was zum Geier will man in Prag?), nur um des Fliegens willen. Die sich unglaublich exklusiv fühlen, wenn sie viel rumfliegen. Ich habe schon in frühen Jahren gemerkt, dass Fliegen etwas vom Langweiligsten und Eintönigsten ist; man sitzt stundenlang in einer Röhre für von A nach B.

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.