Wann ist man wo?

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Sie glauben nicht, meine Damen und Herren, wie oft ich als Verfasser dieses offenbar gern (oder jedenfalls rege) gelesenen virtuellen Magazins Anekdoten und Themenvorschläge zugesteckt bekomme. Zum Beispiel zum Thema Reisen. Wildfremde Leute in Flugzeugen flüstern mir zu, dass Hungern gegen Jetlag helfe, oder das Bordpersonal nimmt mich beiseite und erklärt mir, dass «Boarding Time» und «Boarding» entgegen weitverbreiteter Auffassung gar nicht dasselbe seien. Was mich nun direkt auf eine andere Frage bringt, die mich umtreibt, seitdem ich dieses Thema vor längerer Zeit von Flugkapitän Patrick Smith in seinem lesenswerten Blog Ask the Pilot behandelt sah: Wann ist man als Reisender eigentlich da?

Mit anderen Worten: Was konstituiert einen Besuch an irgendeinem Ort? Reicht beispielsweise ein Zwischenstopp zum Auftanken oder Transfer, oder ist eine Übernachtung erforderlich? Und wo? War man in Stockholm, wenn man nur Arlanda kennt? «You can do Athens in eight hours», konstatierte etwa mein texanischer Freund Derek vor ein paar Jahren, was mich irgendwie empörte, ich meine, ich bin kein riesiger Freund von Athen, es ist Smog verseucht und wenn irgendwer in der Stadt WC-Papier ins Klo wirft, bricht die gesamte Kanalisation zusammen, eine Schande für die angebliche Wiege der abendländischen Zivilisation, da können die doch direkt froh sein, dass dieser Akropolis-Fries im British Museum ist, sonst wäre er wahrscheinlich schon längst im Smog verrottet, egal, was Frau Clooney sagt – wo war ich? Richtig: Athen in acht Stunden. Und ich kam nicht umhin, mich zu fragen: Ist eine derartige Mentalität die Folge unserer modernen Reisekultur, deren unendliche Optionen zu Routen führen, bei denen man in 3 Wochen 15 Länder auf 6 Kontinenten besuchen kann, ohne einmal an der frischen Luft gewesen zu sein oder auf lokalem Boden gestanden zu haben – dank der Erfindung des geschlossenen Fingerdocks und des Hotels direkt im Terminal?

Genau so eine Monsterstreckenplanung – also 15 Länder auf 6 Kontinenten in 3 Wochen, ohne einmal an der frischen Luft gewesen zu sein oder auf lokalem Boden gestanden zu haben – hat Captain Smith in seinem Blog quasi als Selbstexperiment entworfen. Allerdings nicht faktisch abgearbeitet, denn so ein Trip ist natürlich der sinnbildliche Albtraum moderner Mobilität, indem man eigentlich nirgends war und nichts gesehen hat, bis auf das uniforme Innere von Flugzeugen, Terminals und Hotelketten. So was bedeutet natürlich keinen Besuch in einem anderen Land. Sondern höchstens Jetlag, Dehydrierung und Thrombose.

Vielleicht sollte man sich auf eine alte Weisheit besinnen, die der schottische Schriftsteller Robert Louis Stevenson schon vor über einem Jahrhundert formulierte: «Das Reisen ist Ziel an sich. Das Grossartige liegt in der Bewegung.» Kapitän Smith plädiert jedenfalls dafür, einen Aufenthalt nur dann als «Besuch» zu werten, wenn man wenigstens eine gewisse Zeit jenseits des Flughafens und seiner unmittelbaren Umgebung verbracht hat. Dann wären Dereks acht Stunden für Athen wohl immer noch mehr als ausreichend. Ich schliesse also diese Kolumne demütig mit der Einsicht, dass uns unsere amerikanischen Freunde an Pragmatik wieder mal weit voraus sind, und mit dem schüchternen Hinweis, dass man übrigens durchaus auch am Flughafen Lokalkolorit erleben kann. Wie ich neulich in Berlin-Tegel, als ich mit dem «National Enquirer» unterm Arm ins Zollbüro trat, und der Zollbeamte auf die Zeitung deutete und fragte: «Na, wat hat ’n Britney jetzt schon wieda anjestellt?»