Die Modesünden des Winters

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Mit den Luxusbeilagen in Zeitungen und Zeitschriften ist die Saison für Hochleistungskonsum angebrochen. Ich habe diesbezüglich etwas auf dem Herzen. Weshalb ich mir hier erlaube, ein Wort zur gegenwärtigen Mode zu verlieren.

Nostalgie besitzt die Macht, auch eine problematische Vergangenheit mit dem Weichzeichner so zu bearbeiten, dass man sich in einem Softsex-Film der 70er-Jahre wähnt. Es ist noch nicht so lange her, da waren sich alle einig, dass die 80er-Jahre ein modisch düsteres Jahrzehnt gewesen seien, geprägt von weissen Tennissocken und stonewashed Rüeblijeans. Das war kurz bevor zuerst die besonders hippen Exemplare unserer Spezies und dann alle Welt begann, wieder Neonfarben, Schulterpolster und asymmetrische Schnitte zu tragen.

Wer dachte, es könne nicht mehr schlimmer kommen, muss seinen Fehler jetzt einsehen. Es kann immer schlimmer kommen, viel schlimmer. Um sich davon zu überzeugen, braucht man nur ein beliebiges Modemagazin aufzuschlagen oder einen Blick in die Schaufenster der Modeläden zu werfen. Ich dachte immer, Mode sei dazu da, Frauen besser aussehen zu lassen. Heute muss, wer modisch auf der Höhe der Zeit sein will, Ja sagen zur Hässlichkeit, gegen die die Modesünden der 80er-Jahre so harmlos wirken wie eine Jungfrau auf Barbituraten.

Wir finden Kleider und Pullover, die den Verdacht wecken, da seien Designer am Werk, die sonst hauptberuflich Sitzbezüge in öffentlichen Verkehrsmitteln entwerfen. Bislang waren solche Schrecklichkeiten reiferen Damen im Post-Klimakterium mit einer Vorliebe für Geschäfte wie Schild oder Vögele vorbehalten. Aber jetzt reihen sich diese unförmigen Monstrositäten ganz unironisch auf den Kleiderstangen der angesagten Kleidergeschäfte. Und als ob die Muster nicht hässlich genug wären, kommen noch unförmige Formen dazu: Alles ist zu kurz, zu weit, zu breit oder asymmetrisch geschnitten oder aber hängt in Fetzen vom Körper. Kurz es sind Kleider, die nur Frauen unter zwanzig mit einer Grösse von über 1.75 Meter anziehen können, die noch dazu schön genug sind, dass man ihnen alles verzeiht.

Manche sagen, das seien die 90er, die jetzt zurückkommen. Ich glaube eher, dies ist der Ausdruck eines allgemeinen modischen Nihilismus, der die Orientierungslosigkeit der westlichen Gesellschaften seit der Jahrtausendwende widerspiegelt. Die Jungen, so liest man seit Jahren, reagieren mit einer zunehmend konservativen Werteinstellung und Konsumverzicht auf diese Entwicklung. Das fand ich bislang nicht unproblematisch. Angesichts der gegenwärtigen Lage der Mode und der Welt überhaupt ist das vielleicht die einzig vernünftige Einstellung.

Bild oben: Solche Kleider werden momentan ganz unironisch in den angesagten Geschäften verkauft: Outfits von H&M, American Apparel und Stella McCartney (v.l.). Fotos: PD