Intime Zonen

BlogMag663

Ich finde ja diese neueren Trammodelle in Zürich, meine Damen und Herren, die aus irgendeinem Grund Cobra heissen, so ganz okay. Die sehen okay aus und sind leise und klimatisiert und so weiter. Bloss die Abstände zwischen den Sitzen sind zu eng. Wenn man am Fenster sitzt, kommt man nicht raus, ohne dass der Nachbar aufstehen müsste, wozu erstaunlicherweise nicht alle Leute bereit sind. Die Plätze sind ausserdem abteilförmig angeordnet, man sitzt also vis-à-vis – und viel zu nah. Damit verletzt man zwangsläufig die Intimraumgrenze von 45 Zentimetern in Bezug auf sein Gegenüber, d. h. jene Sphäre des persönlichen Umfelds, die der Mensch quasi als Extension seines Körpers betrachtet und üblicherweise nur jene Geschöpfe invadieren lässt, denen er sich emotional verbunden führt, also Lebenspartner, Freunde, Haustiere und – manchmal – Verwandte.

Ältere Verkehrsmittel, zum Beispiel die klassischen Berliner U-Bahnwagen, respektieren in ihrer Sitzanordnung diese Grenze, aber dies scheint mehr und mehr aus der Mode zu kommen, wahrscheinlich aus Platzgründen. Die enge Vis-à-vis-Anordnung ist selbstverständlich auch kommunikativer. Ob man will oder nicht. Wie neulich, als ich im Cobra-Tram sass, und eine Dame rief 20 Zentimeter von mir entfernt in ihr Telefon: «Das schaffe ich nicht, ich muss um halb vier beim Coiffeur sein und bin jetzt schon zu spät.» Und der gesamte Wagen sah auf die Uhr. Nein, schafft sie nicht.

Im Flugzeug ist die Vis-à-vis-Bestuhlung zwar nicht üblich, jedenfalls in kommerziellen Maschinen, doch die Invasionen natürlich notorisch. So wurde unlängst in der Presse eine angeblich gross angelegte Umfrage eines Onlinereiseportals zitiert, mit der Rangliste dessen, was dem durchschnittlichen Fluggast bei seinen Mitreisenden am meisten auf die Nerven fällt. Demnach war der Spitzenreiter aller Ärgernisse für 60 Prozent der über 6000 Befragten ein Sitznachbar, der zu viel Platz beansprucht. Also der Klassiker: Der Kampf um die Armlehne. Jeder kennt das. Es gibt diese skrupellos expansiven Geschöpfe, die ohne viel Federlesens ihre Arme, die meist Umfänge haben wie jene von Kathy Bates, auf die Lehnen fallen lassen – und dort lassen. Und es gibt die Schieber, die ein wenig perfider vorgehen und beständig leichten Druck ausüben, bis sie den weniger ausdauernden Nachbarn von der Lehne geschoben haben …

Was ist die Lösung? Der treue Leser kennt meinen Standpunkt hierzu: dass bei Dreierreihen, wie sie die meisten Kurzstreckenmaschinen aufweisen, der Person auf dem Mittelsitz zwei Lehnen gehören. Denn dieser Platz ist ohnehin schon der undankbarste und beengteste. Einzelfälle und Besonderheiten sind, wie stets bei Fragen der richtigen Umgangsform, als solche vor Ort zu lösen, am elegantesten mit Rücksichtnahme auf allen Seiten. Zu Langstreckenflügen mit Vierer- oder Fünferreihen kann ich leider nichts sagen, denn ich fliege auf Langstrecken nie Economy. Und bitte schreiben Sie mir jetzt deswegen keine Briefe, danke.

Sitznachbarn im Flugzeug

Auch die Typen von Sitznachbarn im Flugzeug haben wir hier schon gewürdigt. Nebst dem Armlehnenschieber (nicht zu verwechseln mit dem Rückenlehnendrücker, der Sie beim Aufstehen durch Abstützung auf Ihre Rückenlehne nach hinten reisst), gibt es da beispielsweise den Fallenlasser: kommt vom Waschraum zurück und wirft sich auf seinen Sitz ohne Rücksicht auf den vollen Becher mit heissem Kaffee auf Ihrem Klapptisch, der direkt mit seiner Rückenlehne verbunden ist. Sowie den Tischchenrammer (eine Variante des Sitztreters): wendet völlig unnötige brachiale Gewalt an, um sein Klapptischchen in Ihre Rückenlehne zu rammen, und dies am liebsten alle fünf Minuten.

Und schliesslich und schlimmstens wäre da: der Nachhintenkipper. Also: Rückenlehnenkipper. Oder Sitzlehnenrückklapper. Zum Beispiel der abgetakelte Geschäftsreisende im billigen Anzug, der auf einem engbestuhlten Kurzstreckenflug direkt nach dem Start und (mindestens) bis zur Durchsage vor der Landung seine Sitzlehne bis zum Anschlag nach hinten knallen lässt, sodass Sie die Schuppen auf seiner Glatze zählen können. Der Typus ist inzwischen, im Zeitalter des Massenflugverkehrs, ein popkultureller Archetyp. Delta Air Lines hat vor ein paar Jahren eine Serie erzieherischer Zeichentrickfilmchen produzieren lassen, die unter dem Titel «Planeguage» (aus «Plane» und «Language») eine Art Etikette für den Massenluftverkehrsreisenden empfehlen, und unter dem Titel «Domino» geht es in einem dieser 1-Minuten-Streifen um den gleichnamigen Effekt, welcher nämlich entsteht, sobald spätestens nach Erlöschen der Anschnallzeichen der erste Mensch seine Rückenlehne nach hinten fallen lässt, worauf für seinen Hintermann praktisch die einzige Möglichkeit, weiterzuatmen, darinnen besteht, ebenfalls nach hinten zu kippen – und so weiter. Die Kippwelle. Sie kennen das.

Legroom Wars

In den letzten drei Wochen haben sich in den Vereinigten Staaten die Vorfälle gehäuft, bei denen Streitigkeiten an Bord von Linienmaschinen um das Zurückklappen von Sitzlehnen – respektive die damit verbundene Einschränkung von Beinfreiheit – derart eskalierten, dass eine ausserplanmässige Unterbrechung des entsprechenden Fluges erforderlich wurde. Zum Beispiel musste ein Delta-Flug von New York nach West Palm Beach am 1. September umgeleitet werden und in Jacksonville, Florida, landen, nachdem ein heftiger Streit zwischen zwei Passagierinnen entbrannt war: die eine Dame strickte und kippte ihren Sitz nach hinten, die andere bekam darauf einen Wutanfall. Und verlangte die Landung, um jeden Preis. In Jacksonville, Florida, wurde die renitente Dame von Sicherheitsorganen aus der Maschine begleitet (wenn auch nicht verhaftet). Nur ein paar Tage zuvor musste ein Flug von Miami nach Paris ausserplanmässig in Boston landen, nachdem Flugsicherheitsbegleiter (sogenannte Air bzw. Sky Marshals) an Bord einen Mann festgesetzt hatten, der in eine heftige Auseinandersetzung mit seinem Vordermann über das Zurückklappen der Sitzlehne geraten war. Und dieser Vorfall wiederum ereignete sich nur wenige Tage, nachdem ein Herr auf einem Flug der United Airlines ein Produkt namens «Knee Defender» eingesetzt hatte, womit man das Zurückklappen der Sitzlehne des Vordermanns verhindern kann. Die Dame auf dem betroffenen Platz geriet darauf füglich mit dem Herrn in einen eskalierenden Disput, in dessen Verlauf sie dem Kippverhinderer dem Vernehmen nach einen Becher Wasser ins Gesicht schüttete. Beide Passagiere sassen übrigens in der von United Airlines sogenannten Economy-Plus-Sektion, die einen Aufpreis kostet und dafür extra Beinfreiheit verspricht. Auch dieser Vorfall führte zu einer nichtplanmässigen Landung der Maschine, die eigentlich von Newark, New Jersey, nach Denver fliegen sollte, und nun also in Chicago einen Zwischenstopp einlegte, bei dem beide beteiligten Fluggäste von Bord gebeten wurden.

Die amerikanischen Medien reden schon von «Legroom Wars», was die Frage aufwirft: Gelten heutzutage, wo jeder sich ein Flugticket leisten kann, andere Umgangsformen an Bord als früher? – Nun, selbstverständlich, und auch das haben wir hier schon behandelt, gilt grundsätzlich: Was sich am Boden gehört, ist auch in der Luft richtig. Man sagt «Guten Tag» und «Auf Wiedersehen» und «Entschuldigung», wenn man zum Platz am Fenster will (schon das schaffen viele Leute nicht). Im Flugzeug gelten allerdings aufgrund der sich verschärfenden Platzbeschränkungen noch ein paar Sonderregeln, an deren Missachtung man regelmässig den fliegenden Flegel erkennt. Die wichtigste Regel lautet: Es gehört sich nicht, bei diesem Armlehnendrückwettspielen und Rückenlehnenklappkriegen mitzumachen, die der weniger zivilisierte Teil der Kabine spätestens nach Erlöschen der Anschnallzeichen anzettelt. Das ist unmanierlich. Nicht unerlaubt, aber unmanierlich.

Dass sich trotzdem viele Leute so benehmen, illustriert eine betrübliche Tendenz der Umgangsformen im öffentlichen Raum, die meine hochgeschätzte Kollegin Bettina Weber neulich treffend so zusammenfasste: Die Leute erlauben sich immer mehr, was zwar nicht direkt illegal oder verboten, aber völlig rücksichtslos ist.

Also: helfen offenbar nur Verbote. Vorbild: Ryanair, die ich aus diversen Gründen nie benutzen würde, deren wischfeste Kunstledersitze sich aber nicht zurückklappen lassen. Ich möchte dies für alle Fluggesellschaften auf Kurzstrecken anregen, wenn die Kabinen schon so brutal eng bestuhlt werden. Bevor die Leute sich gegenseitig die Köpfe einschlagen.

Die schweizerische Lösung

Eine ganz andere Handlungsempfehlung hingegen lieferte letzte Woche  «10 vor 10» in einem Beitrag über «rücksichtslose Rückklapper»: nach einem Bericht über die oben erwähnten Zwischenfälle wurde am Ende die Frage gestellt: Was soll man tun, «wenn man im Flugzeug auf einen Sitzlehnenrückklapper treffen sollte»? Die Empfehlung von «10 vor 10»: «Tief durchatmen, lächeln und bei Gelegenheit einfach nett an der Vorderlehne rütteln.» Das, meine Damen und Herren, ist so schweizerisch. Das ist genau die Eigenschaft, die mir bei meinen helvetischen Kompatrioten gerne mal auf die Nerven fällt: Erst den Mund nicht aufkriegen, und dann später beleidigt ein bisschen rütteln. Wie doof ist das denn? Dann schon lieber ein beherzter Becher Wasser!

Zum Schluss möchte ich Reue üben. Nicht weil ich jemals die Lehne zurückgeklappt hätte, dies tue ich auf Kurzstreckenflügen kategorisch nie, sondern weil ich auf meinen letzten zwei oder drei Kurzstrecken stets hinter so einer Person sass, von der ich bereits im Voraus zu wissen glaubte, sie würde zu den Lehnenkippern gehören. Sie wissen schon, die Sorte, die eher umfangreich ist und noch beim Hinsetzen in ihr Telefon quakt und 17 Plastiktüten dabei hat, die sie ausladend verteilt und überallhin stopft; all diese kleinen Signale, mit denen Mutter Natur uns bedeutet: Achtung, Lehnenkipper! So wie Mutter Natur giftige Tiere in leuchtende Farben taucht, so gibt sie dem Lehnenkipper: 17 Plastiktüten und Übergewicht. Und bitte schreiben Sie mir jetzt deswegen keine Briefe, ich bin nicht Mutter Natur, danke. Und was passierte dann? Nichts. Bei meinen letzten Flügen, meine ich. Ich sass die ganze Zeit hinter den mutmasslichen Kippern, aber deren Lehne blieb: brav oben. Und ich sass da und dachte: «Lieber Himmel, ich muss meine furchtbaren Vorurteile überprüfen.» Getreu den Worten von Seneca dem Jüngeren: «Den Sinn musst du wechseln, nicht den Himmelsstrich. … Vergeblich ist dieses Umhertreiben. … Du fliehst mit dir selbst.» Oder, kürzer, Goethe: «Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen.»

Im Bild oben: «Tief durchatmen, lächeln und bei Gelegenheit einfach nett an der Vorderlehne rütteln»: Empfehlung von «10 vor 10». (Bild: Flickr/Felice Candilio)